Mit Gaspistole um sich geschossen: Kreisgericht Wil spricht Vietnamesen schuldig – ihn erwarten 15 Monate Gefängnis und der Landesverweis

Im Juni 2019 verurteilte das Kantonsgericht St.Gallen einen Vietnamesen zu 40 Monaten Haft und fünf Jahren Landesverweis. Heute stand der 30-Jährige schon wieder vor Gericht – wegen vergleichbarer Delikte.

Andrea Häusler
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Die Szenerie, die sich am Morgen des 5. Februars 2019 abgespielte, mutet abenteuerlich an. Ein damals 29-jähriger Vietnamese behändigte unter Drogen seine nicht registrierte, mit Bleikugeln geladene Gasdruckpistole, bedrohte damit ein Zufallsopfer, behändigte dessen Aktenkoffer und schoss mehrfach in die Richtung des in Panik fliehenden Mannes. Mindestens einmal traf er ihn am Arm. Verletzt wurde aber niemand. Mit gezogener Waffe versuchte der Schütze später das Auto einer Frau zu stoppen und einen Lastwagenfahrer als Fluchthelfer zu gewinnen – beides misslang. Als er sich schliesslich vor einer Autowerkstatt in ein Kundenfahrzeug setzte, um sich (ohne Führerausweis) abzusetzen, wurde er von Passanten zuparkiert. Auch hier fielen nochmals Schüsse. Dann traf die Polizei ein.

26 Monate Gefängnis oder Freispruch in allen Punkten

Vor dem Kreisgericht Wil zeigte sich der 30-Jährige gestern reuig. In Hand- und Fussfesseln, grauer Trainingshose und brauner Jacke sass er vor den Richtern – ruhig und um Höflichkeit bemüht. Er fühle sich gesund, habe Alkohol und Drogen abgeschworen, sagte er. Die Richter glaubten ihm weder das eine noch das andere. Man kennt sich. Der Angeklagte steht nicht erstmals an Schranken. Derzeit sitzt er in der Zürcher Justizvollzugsanstalt Pöschwies ein. Das Kantonsgericht St.Gallen hatte ihn im Juni 2019 unter anderem wegen Raubes und versuchter schwerer Körperverletzung zu 40 Monaten Haft und fünf Jahren Landesverweis verurteilt.

Nun drohte im weiteres Ungemach. Die Staatsanwaltschaft beantragte wegen qualifizierten Raubes, versuchter schwerer Körperverletzung, Nötigung, Verstössen gegen das Waffengesetz etc. eine Freiheitsstrafe von 26 Monaten, die zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben werden sollte. Zudem forderte sie einen Landesverweis von 15 Jahren. Die Verteidigung hingegen plädierte auf Freispruch in allen Punkten und den Verzicht auf eine stationäre Massnahmen.

Diagnostizierte Persönlichkeitsstörung

Es gehe um die Art der rechtlichen Würdigung des unbestrittenen Sachverhalts unter Berücksichtigung der Schuldunfähigkeit seines Mandanten, sagte er. «Mit ihm stimmt massiv etwas nicht.» Die Feststellung untermauerte er mit der Aussage des Beschuldigten, Geklonte hätten ihn verfolgt, als er die Straftaten begangen hatte. Am Donnerstag äusserte sich der Angeklagte nicht zum Tathergang. «Ich erinnere mich nicht mehr», sagte er wiederholt. Eine dissoziale Persönlichkeitsstörung wird dem Beschuldigten im psychiatrischen Gutachten attestiert. Die Psychose zeige sich jedoch auch im Verhalten, sagte der Verteidiger.

Die Motivation zur Tat sei unklar, ein Plan habe offensichtlich nicht existiert. Für seinen Mandanten sei es wohl eher eine Mutprobe gewesen, sagte er. Die Gefährlichkeit der CO2-Waffe relativierte er. Es habe keine Verletzungsabsicht bestanden und auch keinen Vorsatz zum Diebstahl des Koffers gegeben. Eine sofortige stationäre Massnahme erachtete die Verteidigung aufgrund der fehlenden Motivation des Beschuldigten als wenig zielführend, eine ambulante als angezeigt.

In seinem Urteil sah das Gericht gänzlich von einer Massnahme ab. Der Vietnamese wurde in allen Punkten schuldig gesprochen und in Ergänzung zum Urteil des Kantonsgerichts zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt – unter Berücksichtigung einer Beeinträchtigung der Einsichts- und Steuerfähigkeit von 65 Prozent. Im weiteren wird er für fünf weitere Jahre es Landes verwiesen. Letzteres wird er verkraften, sagte er doch vor Gericht, dass er sich seine Zukunft mit Frau und Kind in Vietnam vorstelle.

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