Mit Berühmtheiten auf Du und Du

Wiler Persönlichkeiten – Teil 19: Aus dem Vollblutjournalisten Benno Ruckstuhl wurde 1979 der erste Geschäftsführer der umgebauten Tonhalle. Einige seiner Begegnungen während der 20jährigen Tätigkeit für diese Wiler Institution sind ihm in lebhafter Erinnerung geblieben.

Friedrich Kugler
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Benno Ruckstuhl erinnert sich im Theatercafé der Tonhalle Wil an spannende Zeiten mit interessanten Menschen. (Bild: fk)

Benno Ruckstuhl erinnert sich im Theatercafé der Tonhalle Wil an spannende Zeiten mit interessanten Menschen. (Bild: fk)

WIL. Es waren der Wiler Fensterbau-Unternehmer Gustav Schär als Präsident der Ortsbürgergemeinde Wil und Vizepräsident Helmut Kunz, damaliger Chefarzt an der Psychiatrischen Klinik, die das Leben des Journalisten Benno Ruckstuhl vor 34 Jahren auf den Kopf stellten. Nach dem Umbau der 1876 erbauten Tonhalle, der über fünf Millionen Franken verschlungen hatte, war das Duo auf der Suche nach einem vollamtlichen Geschäftsführer. Diese neu geschaffene Stelle wurde ausgeschrieben, doch rissen sich die Leute nicht um diesen Job.

Als Benno Ruckstuhl von den beiden Herren gezielt kontaktiert wurde, empfand er das Angebot vorerst als reichlich unsichere Sache. Die Lust auf einen abrupten beruflichen Wechsel war verhalten. Die Zusicherungen der beiden in der Wiler Gesellschaft respektierten Männer zeigten schliesslich Wirkung. Am 1. Juli 1979 nahm Benno Ruckstuhl die Arbeit als Geschäftsführer der Tonhalle Wil auf. Mit der Kündigung, welche Ringier ins Haus geflattert war, hatte er von seinem Büro in Zürich aus sogleich damit begonnen, die ersten Fäden zu spinnen.

Curd Jürgens an der Hand

«Gustav Schär und Helmut Kunz sorgten dafür, dass das Projekt Tonhalle nicht zur Eintagsfliege verkam. Ich stürzte mich mit grosser Motivation in die neue Arbeit, die für mich während zwei Jahrzehnten zur erfüllenden Aufgabe wurde», blickt Benno Ruckstuhl zurück. In Grenzen hielt sich dagegen seine Begeisterung, als ihm auch gleich noch das Amt des Geschäftsführers des Verkehrsvereins und die Führung des Verkehrsbüros in den engen Räumlichkeiten des Tonhalle-Sekretariats übertragen wurden. Als Einmannunternehmen, mit der mitwirkenden Frau im Rücken, konnte er sich mit dieser Doppelfunktion nie so richtig anfreunden. Am Schluss war der Zeitaufwand für den Verkehrsverein höher als für die Tonhalle, wo ihm die im Laufe der Jahre erworbene Routine und die geknüpften Beziehungen die Arbeit allerdings erleichterten.

Dank guter Kontakte zum damaligen Leiter des Theaters am Stadtgarten in Winterthur, das ebenfalls ein Gastspieltheater ohne eigenes Ensemble war, kam das Publikum im Landstädtchen Wil zu einigen Aufsehen erregenden Aufführungen. Nie vergessen wird Benno Ruckstuhl ein Gastspiel des weltberühmten Bühnen- und Filmschauspielers Curd Jürgens im Dezember 1980, weniger als zwei Jahre vor dessen Tod. «Ich musste den Weltstar an der Hand auf die Bühne begleiten, weil seine Sehfähigkeit schon stark eingeschränkt war. Während zwei Stunden stellte er in der bis auf den letzten Platz besetzten Tonhalle im Einmannstück <Im Zweifel für den Angeklagten> von David W. Rintels sein ganzes Können unter Beweis. Tosender Applaus brandete auf, als ich Jürgens von der Bühne führte», schwärmt Benno Ruckstuhl noch heute mit leuchtenden Augen. Gute Beziehungen pflegte Ruckstuhl, der sich vor dem Einkauf der Produktionen stets sehr genau mit dem Stück und dem Drehbuch befasste und damit nie die berühmte Katze im Sack kaufte, auch mit der im vergangenen Jahr verstorbenen deutschen Film- und Theaterfrau Maria Becker. Diese berühmte Dame war es denn auch, welche zum zehnjährigen Bestehen der Tonhalle im Jahr 1989 die Festansprache hielt und einen Hauch der internationalen Theaterwelt nach Wil brachte. Bescheiden war ihre Honorarforderung: Sie wünschte lediglich, dass sie von ihrem Ex-Mann Robert Freitag und den beiden Söhnen Oliver Tobias und Benedict Freitag begleitet werden durfte. Sie durfte natürlich, und das Quartett genoss, wie es Benno Ruckstuhl formuliert, «einen unvergesslichen Abend in der Ostschweizer Provinz».

Das geschlossene Verkehrsbüro

Aber nicht nur grosse Stars wie Curd Jürgens oder Maria Becker drückten der Tonhalle den Stempel auf. Es waren auch immer wieder Schweizer Volksschauspieler wie Ruedi Walter und Margrit Rainer, Inigo Gallo, Jörg Schneider oder Walter Roderer, die das Wiler Publikum zu Begeisterungsstürmen hin rissen. Die für Benno Ruckstuhl weniger angenehme Seite wurde auch schon angetönt. Als er sich erlaubte, während der Sommerpause der Tonhalle, mit seiner Frau einmal zu verreisen, blieb das in der Tonhalle untergebrachte Verkehrsbüro halt während drei Wochen geschlossen. Zurück blieb an der Eingangstür ein Zettel mit dem Vermerk «Geschlossen» und einem Hinweis auf den Informationsschalter im Rathaus als Auskunftsstelle. Der engagierte Tonhalle-Geschäftsführer kam in den Medien und von Politikern unter Beschuss. Immerhin wurde ihm in der Folge eine Teilzeitmitarbeiterin bewilligt, so dass die Angelegenheit für ihn schliesslich doch noch positive Auswirkungen hatte.

Mit der Pensionierung im Jahr 1999 wurde Benno Ruckstuhl das Verkehrsbüro als «Stiefkind» los, doch blieb die Freude am Mitgestalten und Organisieren. Seit nunmehr zwölf Jahren amtiert er als Präsident der Kunst- und Museumsfreunde Wil und Umgebung. Dieser Verein mit derzeit 535 Mitgliedern betätigt sich hauptsächlich mit der Förderung und Vermittlung von Kultur jeder Art. Ausserdem widmet er sich der Erhaltung von Kulturgut sowie der Unterstützung des Stadtmuseums. Ein Schwergewicht bilden die regelmässigen Kulturfahrten zu Sehenswürdigkeiten im In- und Ausland. Die Beschilderung von mittlerweile über hundert historischen Gebäuden in und um die Altstadt sind ebenso das Werk dieses Vereins wie verschiedene Publikationen über Geschichte Kultur und Traditionen der Stadt Wil, die unter anderem der Feder von Benno Ruckstuhl entstammen.

Seit 37 Jahren Stadtführer

Seit 1976, als Wil «750 Jahre Äbtestadt» feierte, werden Stadtführungen angeboten. Rund 200 pro Jahr sind es in neuerer Zeit. Benno Ruckstuhl zählte zum Führer-Team der ersten Stunde und gehört diesem noch heute an. Das Ehrenmitglied vom Musiktheater Wil wurde für seine Verdienste im Jahr 2000 mit dem Anerkennungspreis der St. Gallischen Kulturstiftung und 2006 mit dem Anerkennungspreis der Stadt Wil als Kulturförderer geehrt.

In einer losen Serie porträtiert die Wiler Zeitung Persönlichkeiten aus der Stadt Wil, die sich im Ruhestand befinden. Sie zeigt auf, wie diese nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben ihren Gewinn an Freizeit nutzen und dabei zu teilweise neuen Ufern aufbrechen.