Mit 70 erstmals in einer Arztpraxis

Wiler Persönlichkeiten – Teil 7: Priester Josef Eicher hat nie in einer Kirche mit einem Kirchturm gewirkt. Einer Kernbotschaft des christlichen Glaubens folgend, hat er sich stets mit Herzblut für die Kranken und Schwachen engagiert.

Friedrich Kugler
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Das Lesen zählt zu den Leidenschaften von Josef Eicher, dem es die Berge ganz besonders angetan haben. (Bild: fk.)

Das Lesen zählt zu den Leidenschaften von Josef Eicher, dem es die Berge ganz besonders angetan haben. (Bild: fk.)

Josef Eicher stammt selber aus einfachen Verhältnissen. Der Vater der fünfköpfigen Familie war Briefträger. Dass alle drei Kinder ein Studium absolvieren konnten, war damals keine Selbstverständlichkeit. Mit etwa 17 Jahren reifte beim Gossauer der Wunsch, eine theologische Laufbahn einzuschlagen. Nach Abschluss der Ausbildung wandte er sich innerhalb des Bistums St. Gallen während sieben Jahren vorerst der Arbeiterseelsorge zu. Von der christlich-sozialen Bewegung getragen, vermittelte er einfachen Menschen eine religiöse bzw. soziale Bildung. «Die vielfältigen Aufgaben waren auf mich zugeschnitten. Im Arbeiter-Milieu fühlte ich mich bei der Arbeit mit einfachen Menschen so richtig geborgen», blickt Josef Eicher, der überdies ausgebildeter Erwachsenenbildner ist, zurück.

Mit Schicksalen konfrontiert

Die zwei Jahrzehnte als Seelsorger im Kantonsspital St. Gallen haben bei Josef Eicher tiefe Spuren hinterlassen: «Ich wurde mit vielen belastenden Situationen und oft mit masslosem Leid konfrontiert. Ich war rund um die Uhr abrufbar. Wenn ich in die fragenden, manchmal von Angst erfüllten Augen sterbender Menschen blickte, wurde mir immer wieder bewusst, wie schwierig selbst einem Theologen eine befriedigende Antwort fällt.»

Erfüllung fand der gebürtige Gossauer auch bei seinen beiden Seelsorger-Tätigkeiten in Wil, die ihm ebenfalls viel Kraft abverlangten. «Erstaunlicherweise fühlte ich mich in all den Jahren nie ausgebrannt. Ich war zwar manchmal sehr müde, doch bereitete mir die Arbeit stets viel Freude. Immer wieder wurde mir vor Augen geführt, dass die Gesundheit unser wertvollstes Gut ist. Ich war nie krank. Abgesehen von einem kleinen Bergunfall stand ich mit 70, als es um die Verlängerung des Auto-Führerscheins ging, erstmals in einer Arztpraxis», erzählt der Priester, der sich nach wie vor bester Gesundheit erfreut.

Berggänger aus Leidenschaft

Weil der Mensch selber auch einen Beitrag zur Erhaltung der Gesundheit leisten kann, bewegt sich der leidenschaftliche Berggänger in seiner Freizeit bzw. in den Ferien am liebsten in der einheimischen Bergwelt. Unzählige 4000er hat das SAC-Mitglied auf zum Teil anspruchsvollen Touren erklommen. Zahlreiche tragende Freundschaften sind dabei entstanden. Heute werden Josef Eicher die Grenzen bewusst: «Ich werde es nicht mehr schaffen, die restlichen 4000er in den Schweizer Alpen zu besteigen. Deshalb möchte ich jetzt noch möglichst vielen SAC-Hütten einen Besuch abstatten.»

Faszination Jakobsweg

In den letzten drei Jahren hat Josef Eicher in zwei- bis dreiwöchigen Etappen den rund 2400 Kilometer langen Jakobsweg von Konstanz bis Santiago de Compostela zurückgelegt. Er schwärmt von spannenden Begegnungen, den faszinierenden Bauwerken des Christentums in Zentralfrankreich und Spanien, von der grossartigen Flusslandschaft der Garonne-Ebene, der Überschreitung der Pyrenäen, von spanischen Städten wie Pamplona, Burgos und Leon, von der spirituell anregenden Hochebene der Meseta und von der ihn tief beeindruckenden Ankunft vor der Kathedrale von Santiago, wo die Pilger von einer grossen Statue des Heiligen Jakobus und einer Christus-Figur mit weit ausgebreiteten Armen empfangen werden.

Nach seiner Pensionierung in der Psychiatrischen Klinik wurde Josef Eicher von der Katholischen Kirchgemeinde Wil mit ebenso offenen Armen empfangen. Seit 2010 steht er im Rahmen der Freiwilligenarbeit für kirchliche Dienste und Gottesdienste der Pfarrei und der Klinik zur Verfügung. Ganz besonders am Herzen liegen ihm die Interdiözesanen Lourdes-Wallfahrten für Gesunde und Kranke. Während vieler Jahre ist der Priester als geistlicher Begleiter mit dem Kranken-Extrazug nach Lourdes gepilgert. Nachdem in der Person von Beat Grögli im Jahr 2010 ein Nachfolger gefunden wurde, reist er seither im Car nach Lourdes. Dabei kommt ihm neben den Andachten unterwegs die Funktion eines kundigen Reiseleiters bzw. Betreuers zu.

Der Endlichkeit bewusst

«Ich bin dankbar, dass ich im fortgeschrittenen Alter noch gebraucht werde, dass ich aber auch einmal Nein sagen darf», freut sich Josef Eicher, der für die vielen Jahre in der Seelsorge eine tiefe Dankbarkeit empfindet. Gleichzeitig setzt er sich nach einem reich erfüllten Leben vermehrt mit der Endlichkeit unseres irdischen Lebens auseinander.

«Wenn ich mich frage, was mich nach dem Tod erwartet, dann bekomme ich über den Verstand kaum eine Antwort. Ohne mich auf irgendwelche Bilder zu fixieren, spüre ich in meinem Innersten, dass ich ganz auf das Geheimnis Gottes vertrauen darf. So blicke ich der Zukunft mit einer tiefen Gelassenheit entgegen», erklärt Josef Eicher zum Abschluss des Gespräches in seiner gepflegten Wohnung im Wiler Kreuzacker.

In einer losen Serie porträtiert die Wiler Zeitung Persönlichkeiten aus der Stadt Wil, die sich im Ruhestand befinden. Sie zeigt auf, wie diese nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben ihren Gewinn an Freizeit nutzen und dabei zu teilweise neuen Ufern aufbrechen.

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