Mit 13 Jahren war er auf der Flucht

Nachdem sein Vater durch eine Bombe ums Leben kam, ist Mosawar Nurzad aus Afghanistan geflüchtet. Auf Umwegen gelangte er in die Schweiz. Bei der Dobler AG in Oberuzwil absolviert er eine Ausbildung als Montage-Elektriker.

Urs Bänziger
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Der heute 19jährige Afghane Mosawar Nurzad mit seinem Arbeitgeber Ernst Dobler. (Bild: Urs Bänziger)

Der heute 19jährige Afghane Mosawar Nurzad mit seinem Arbeitgeber Ernst Dobler. (Bild: Urs Bänziger)

OBERUZWIL. Auf die Frage, was ihm in der Schweiz gefällt, muss Mosawar Nurzad nicht lange überlegen. «Hier ist alles gut organisiert. Die Leute schauen auf die Umwelt und sie sind pünktlich. Und es herrscht Sicherheit im Land», sagt der junge Afghane. In seiner Heimat herrschen Gewalt und Terror. Deshalb ist er mit 13 Jahren in die Schweiz geflüchtet. Sein Vater ist bei einem Bombenanschlag in Kabul ums Leben gekommen. «Er war im Basar einkaufen, als die Bombe explodierte», erzählt Mosawar Nurzad.

Im Iran schikaniert

Nach dem Tod sei die Mutter von der Familie des Vaters schikaniert worden, weil sie Schiitin ist, erzählt der junge Afghane. Sein Vater war Sunnit. Sie flüchtete mit ihren fünf Kindern in den Iran. Auch dort war die Familie nicht willkommen. «Als Afghane ist es im Iran nicht erlaubt, zur Schule zu gehen. Ich ging arbeiten, erhielt dafür aber keinen Lohn.»

Mosawar Nurzad liess Mutter und Geschwister zurück und reiste in die Türkei weiter. «Ich bin jung und will ein Leben mit Zukunft und Perspektive», sagt er. Als 13-Jähriger erlebte er eine Flucht, wie sie Tausende vor und nach ihm durchmachten. Mit Hilfe eines Schleppers ist er über den Landweg von der Türkei nach Griechenland geflüchtet. Viel Geld habe er bezahlen müssen, um mit einem Boot nach Italien zu gelangen. Eine Überfahrt, die der Afghane nie mehr vergessen wird. «Der Schlepper hatte mir gesagt, dass es ein grosses Boot sei. Aber er hatte mich in ein überfülltes Schlauchboot gesetzt. Ich hatte grosse Angst, denn ich kann nicht schwimmen.»

Von Italien in die Schweiz

Von Lecce über Rom und Mailand gelangte Mosawar Nurzad an die Schweizer Grenz in Chiasso. «Die Schweiz war nicht unbedingt mein Ziel. Ich wollte einfach nach Westeuropa. Aber ich war müde und hatte keine Kraft mehr, um weiterzuziehen.»

Die Schweizer Behörde hatte den Jungen aus Afghanistan im Zentrum für Asylsuchende in Oberbüren untergebracht. Dort lernte er Deutsch und besuchte die zweite und dritte Oberstufe. Wie seine Schweizer Kollegen ging Mosawar Nurzad in Gewerbebetrieben in der Region schnuppern. «Ich wollte unbedingt eine Lehre beginnen.» Bei der Firma Dobler AG in Oberuzwil hat es ihm gut gefallen. Und der Geschäftsführer des Elektrofachgeschäfts, Ernst Dobler, fand Gefallen am jungen Afghanen. Er vereinbarte mit ihm, dass er ein Praktikum machen könne, und wenn er seine Sache gut mache, könne er eine dreijährige Lehre als Montage-Elektriker beginnen.

Entscheid nicht bereut

Mosawar Nurzad hat seinen Chef überzeugt. Er hat im vergangenen Sommer seine Lehre begonnen. Ernst Dobler hat seinen Entscheid nicht bereut. Der junge Mann sei ehrgeizig und lerne schnell. «Ich habe selten einmal einen Lehrling ausgebildet, der so exakt arbeitet wie Mosawar.» Gerade hat Dobler das Einführungszeugnis erhalten – mit Durchschnittsnote 5,1. Das praktische Arbeiten bereite ihm keine Mühe, sagt der inzwischen 19jährige Afghane. Aber in der Berufsschule falle es ihm manchmal schwer, alles zu verstehen. Am Abend sei er viel am Lernen. Die Wochenenden verbringt er mit seiner Freundin, die er über das Internet kennengelernt hat. In Oberuzwil kennt er schon einige Leute – Ausländer und Schweizer. «Die meisten waren freundlich zu mir, als sie mich kennenlernten. Einige waren misstrauisch. Aber von keinem wurde ich schlecht behandelt», sagt Mosawar Nurzad.

In der Schweiz bleiben

Der junge Mann will in der Schweiz bleiben und sich eine Existenz aufbauen. Klar vermisse er seine Mutter und Geschwister. «Aber weder in meiner Heimat noch im Iran habe ich für meine Zukunft eine Perspektive.» Er will deshalb nicht mehr nach Afghanistan zurückkehren. Sein Lehrmeister ist zuversichtlich, dass Mosawar Nurzad seinen Weg in der Schweiz machen wird. «Die Flüchtlinge sind ein Problem, das uns alle angeht. Ich wollte ihm eine Chance geben und bin bis jetzt nicht enttäuscht worden», sagt Ernst Dobler, der Ende Februar als CVP-Kantonsrat wiedergewählt wurde.

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