Kolumne
Seitenblick: Meinung ohne Ahnung

Man soll andere niemals unterschätzen, heisst es. Zugleich ist aber empirisch nachweisbar, dass sich viele Menschen überschätzen. Das stellt uns vor ein Paradoxon.

Hans Suter
Merken
Drucken
Teilen
Hans Suter

Hans Suter

Bild: PD

Einerseits soll man weder den Einzelnen noch die Gesellschaft unterschätzen, anderseits ist die Gesellschaft nichts anderes als die Summe aller Individuen, von denen bekanntlich viele zur Selbstüberschätzung neigen. Ein Teufelskreis!

Wie äussert sich das im Alltag? Zum Beispiel so: Am Wirtshaustisch oder in Onlineforen als dessen elektronischem Pendant wird leidenschaftlich über Gott und die Welt diskutiert. Jeder weiss etwas, und während sich die Diskussion hochschaukelt, weiss jeder immer mehr, als er weiss. Da werden Gerüchte schnell zu Tatsachen, Gehörtes wird zu Selbsterlebtem, Gelesenes zum unumstösslichen Naturgesetz. Dieses Verhalten in eine Kurzformel gefasst, könnte lauten: Zu allem eine Meinung, aber keine Ahnung. Wir alle wissen insgeheim: Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Doch damit lebt es sich ganz gut. Schliesslich gibt es prominente Vorbilder, die uns eindrücklich vormachen, wie man anderen etwas vormacht. So gibt es im Brasilien von Jair Bolsonaro kein Coronavirus, nur viele Tote. In der Türkei des Recep Tayyip Erdogan gibt es weder Fehlplanung noch Misswirtschaft und Unterdrückung, nur ein böses Ausland. Im China des Xi Jinping vermutet das gewöhnlich effizient informierte Volk den Ursprung des in Wuhan entdeckten Coronavirus in den USA. Und in den USA des Donald Trump werden präsidiale Lügen zur Staatsraison. «L’etat, c’est moi» (Der Staat bin ich) schiesst es einem da durch den Kopf. König Ludwig dem XIV. von Frankreich werden diese Worte nachgesagt. Neueren Forschungen zufolge soll er diesen Satz aber gar nie gesagt haben. Viel mehr soll er auf dem Sterbebett gesprochen haben: «Je m’en vais, mais l’Etat demeurera toujours.» (Ich gehe fort, doch der Staat bleibt zurück.)

Und was lernen wir daraus? Zum Beispiel, dass im Kanton St.Gallen am 27.September die Kommunalwahlen stattfinden. Und dass wir von den Kandidierenden noch viel hören werden. Was aber nicht heisst, alles glauben zu müssen.