«Meine Arbeit soll Sinn machen»

Antje Kruhl ist kreativ und diszipliniert. Arbeiten bedeutet ihr viel. Doch ihre psychische Beeinträchtigung verwehrt ihr den Zugang zur Privatwirtschaft. Seit fünf Jahren ist sie bei den Heimstätten Wil tätig. Ein Besuch im Textilatelier.

Ursula Ammann
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Antje Kruhl im Textilatelier der Heimstätten Wil: Das Gestalterische zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. (Bild: Ursula Ammann)

Antje Kruhl im Textilatelier der Heimstätten Wil: Das Gestalterische zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. (Bild: Ursula Ammann)

WIL. Draussen auf der Bronschhoferstrasse brausen die Autos vorüber. Drinnen im Textilatelier drückt Antje Kruhl aufs Pedal. Die Nähmaschine nimmt Fahrt auf, hinterlässt eine feine Spur aus gelbem Faden auf einem Tischset. Rundherum klappern die Scheren. Eine Mitarbeiterin schneidet die Stoffe für Babylätzchen zu, eine andere widmet sich der Herstellung von Kindergartentaschen. Im Radio singt Kid Rock über den Sommer. Draussen liegt Schnee.

Antje Kruhl hält kurz inne. «Jetzt hab ich mich vernäht», sagt sie und befreit den Stoff aus der Maschine. Sie muss die Naht wieder auftrennen. «Die Arbeit hier ist zum Teil sehr knifflig. Es geht um Millimeter-Genauigkeit», erklärt sie. Auch bei einfachen Tischsets bestehe ein hoher Anspruch an die Qualität.

Arbeiten, die viel Geduld erfordern, machen der 56-Jährigen manchmal zu schaffen. Dann ist sie froh, dass die Leiterinnen im Textilatelier der Heimstätten Wil auch geduldig sind mit ihr.

Das Studium aufgegeben

Dass sie einmal an einem geschützten Arbeitsplatz tätig sein würde, hätte Antje Kruhl als junge Frau Anfang 20 nicht gedacht. Nach Abschluss der Matura standen ihr beruflich sämtliche Türen offen. Ein Studium im sozialen Bereich, in Völkerkunde oder Kunstgeschichte: Das alles konnte sich die gebürtige Winterthurerin vorstellen. Letztlich absolvierte sie den gestalterischen Vorkurs und begann anschliessend eine Ausbildung zur Zeichnungslehrerin. Doch dann brach die Krankheit aus – Schizophrenie. Antje Kruhl musste das Studium aufgeben. Mit 24 Jahren fand sie sich zum ersten Mal in einer Klinik wieder. Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung konnte Antje Kruhl nie in der Privatwirtschaft Fuss fassen. Immer wieder erlebt sie «Aussetzer», wie sie die Momente nennt, in denen sie vor lauter Überforderung nicht mehr klar denken kann.

Auch zu Hause kann es dazu kommen. Antje Kruhl wohnt allein. Glücklicherweise verfüge sie über ein grosses Netzwerk, das sie unterstütze: Ob im Haushalt oder in administrativen Belangen. Neben Überforderung leidet sie aber auch an intellektueller Unterforderung. Ihr Alltag gleiche oft einer Gratwanderung zwischen diesen beiden Zuständen, sagt Antje Kruhl. Das zeigt sich gerade bei Tätigkeiten, die ein hohes Mass an Aufmerksamkeit und Genauigkeit erfordern, aber sehr monoton sind.

Eine Plattform für die Kunst

Lange Zeit arbeitete Antje Kruhl in der Wäscherei eines Hotels, bis sie vor fünf Jahren zu den Heimstätten Wil wechselte: Zuerst in den betriebseigenen Laden «Präsent» in der Altstadt, dann ins Textilatelier, wo sie nun zu 20 Prozent tätig ist. Dazu kommt ein Pensum von 30 Prozent in der Tagesstätte der Heimstätten. Dort wird Menschen mit psychischer Beeinträchtigung ein strukturierter Alltag fernab vom Leistungsdruck geboten. Antje Kruhl nutzt die Zeit, um Briefe oder Tagebuch zu schreiben und zu malen. Kreativ tätig sein, bedeutet ihr sehr viel. Auch in der Freizeit. Neben dem Klavierspielen und Tanzen gehört das Gestalten von Kunstkarten zu ihren Hobbies. 130 Sujets führt sie in ihrem Sortiment.

In der Tagesstätte tätig zu sein, betrachte sie als grosses Privileg, sagt Antje Kruhl. «Sie bietet mir auch eine Plattform für meine Kunst.» Die 56-Jährige hat ihre Werke schon an zehn Einzel- und mehreren Gruppenausstellungen präsentiert.

In jeder Verfassung

Manchmal falle es ihr schwer, die eigene Arbeit wertzuschätzen, erzählt Antje Kruhl. «Geschützte Arbeitsplätze werden in der Gesellschaft häufig mit Beschäftigungstherapie assoziiert.» Wenn sie das Gefühl überkomme, nur beschäftigt zu werden, dann sei das sehr frustrierend. «Ich will, dass meine Arbeit einen Sinn macht.»

Doch auch wenn es mit der Motivation mal hapert: Zur Arbeit gehe sie in jeder Verfassung, sagt Antje Kruhl. «An Disziplin fehlt es mir nicht.»

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