MATURAARBEIT III: Gefühlvolle Fantasie in 472 Takten

Jana Tinner aus Kirchberg schrieb eine Eigenkomposition für Klavier. Bis zur Vollendung des Werks hatte die Jungkomponistin mehrere Hindernisse zu überwinden.

Rino Hosennen
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Jana Tinner spielte an der Prämierungsfeier der besten Abschlussarbeiten einen Auszug aus ihrer Eigenkomposition. (Bild: PD)

Jana Tinner spielte an der Prämierungsfeier der besten Abschlussarbeiten einen Auszug aus ihrer Eigenkomposition. (Bild: PD)

Rino Hosennen

rino.hosennen@toggenburgmedien.ch

Ein Zitat mit der Aussage «Musik lässt sich nicht in Worte fassen» öffnet den schriftlichen Teil der prämierten Abschlussarbeit von Jana Tinner, Maturandin aus Kirchberg an der Kantonsschule Wattwil. Sie verweist damit auf die eigentliche Arbeit, die nicht aus Worten, Wendungen und Satzzeichen, aber 6660 Musiknoten, 472 Takten, 298 Vortragsbezeichnungen, 872 Artikulationszeichen und 725 notierten Pausen besteht: eine Eigenkomposition für Klavier mit dem Titel «Fantasie in drei Sätzen». Nach kleinen, selbstkomponierten Kinderliedern fasste die 17-Jährige den Entschluss, sich im Rahmen der Maturaarbeit an ein grösseres Projekt zu wagen und mit der Unterstützung ihrer Betreuerin Claudia Dischl, Klavierpädagogin und Korrepetitorin am Gymnasium, eine umfangreichere Eigenkomposition zu schaffen. «Mein Weg begann mit der Vertiefung in Musiktheorie und Harmonielehre. Allerdings schränkte das neu erlangte Wissen eher meine Inspiration und Kreativität ein, als dass es sie förderte. Das Abwenden von der Musiktheorie und die Überschreitung der traditionellen Harmonik wurde mir daher im Laufe des Schaffensprozesses immer wichtiger», sagt Tinner. Sie entschied sich für die Stückform einer Fantasie: «Eine Fantasie ist ein Musikstück, das keine feste Form aufweist.» Die offene Form habe ihr die gewünschte Freiheit beim Komponieren und Platz für den betonten emotionalen, expressiven Ausdruck gegeben.

«Vieles entstand aus der Improvisation. Ich habe gelernt, auf meine Intuition zu vertrauen. Erst im Nachhinein habe ich grobe Abweichungen von der Kompositionslehre angepasst.» Auch habe sie versucht, aussermusikalische Ideen, also Fragen, Gedanken und Probleme, die sie im Alltag beschäftigten, musikalisch zum Ausdruck zu bringen. «Die Eigenkomposition gab mir auf diese Weise auch die Möglichkeit, mich, das Chaos und Innenleben meines Kopfes, auszudrücken», sagt Tinner.

Sie macht die Musik zu einer Diskussion und gibt mehreren Parteien eine Stimme, die eine Antwort auf die Fragen und Probleme zu finden versuchen, aber allesamt an ihrer sich während des Stücks immer mehr offenbarenden Komplexität scheitern. Die gegensätzlichen Aussagen drückt sie in der Musik durch Verschiebungen von der Ordnung zum Chaos und von wohlklingenden und friedlichen Stimmungen zu bedrückenden, düsteren Klangfarben aus. Die Komposition endet schliesslich im Chaos.

Kreative Arbeit braucht Zeit

Den Weg zum fertigen Klavierwerk beschreibt Tinner als steil: «Eine stabile Freundschaft zur Inspiration gab es bei mir nicht. Zeit- und Erwartungsdruck ­blockierten den ungehinderten Zugang und machten das Komponieren vielmals zu einer Belastung, zumal ich überdies eine ehrgeizige Vorstellung des End­resultates hatte.» Im Nachhinein wurde ihr bewusst, wie wertvoll der zeitliche und innere Abstand, die Möglichkeit, die Arbeit bewusst einen Moment zur Seite zu legen, um sie später aus einem neuen Blickwinkel wieder zu betrachten, gewesen wäre. «Ideen kommen mit der Zeit. Man kann nicht einfach so auf Knopfdruck kreativ sein», betont Tinner. Den besten Zugang zur Kreativität hatte die Jungkomponistin meist zur späten Stunde. «Die ruhende Atmosphäre hatte erstaunlich grossen Einfluss auf meine Produktivität.»

«Die Inspiration kam mit der Motivation.» Diese fand sie in den Werken anderer Künstler, in Musik oder Bildern. «Ich hatte das Ritual, mir irgendein Musikstück irgendeines Künstlers anzuhören, bevor ich mich ans Klavier setzte», sagt Tinner. Besonders russische Musik von Sergei Prokofjew und Sergei Rachmaninow hat die Maturandin begeistert und zur Weiterarbeit motivieren können. Mit einem Schmunzeln erinnert sie sich auch an lustige Situationen des vergangenen Jahres. Sie habe gemeinsam mit einer Gruppe von Lehrern des Konservatoriums Zürich Kurse zu einem Notationsprogramm besucht oder in den Badeferien das Komponieren am Strand auf einem Mini-Piano fortgeführt. Dass sie in der Musik eine Möglichkeit fand, sich auszudrücken und Gedanken zu verarbeiten, will sie sich auch in Zukunft zunutze machen: «Ich werde weiter Stücke in kleinerem Umfang komponieren.»

Die «Wiler Zeitung» präsentiert in loser Folge Maturaarbeiten von Schülern aus der Region. Der erste Teil ist am 12. April erschienen, der zweite am 22.April.

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