MATURA VII: Ohne Fleisch zum Preis

Drei Monate ernährte sich Sarina Koller roh-vegan. Der Selbstversuch war Teil einer Arbeit an der Kantonsschule am Brühl. Diese wurde als beste naturwissenschaftliche Abhandlung des Kantons ausgezeichnet.

Gianni Amstutz
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Sarina Koller achtet nach dem Experiment immer noch auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung. (Bild: Gianni Amstutz)

Sarina Koller achtet nach dem Experiment immer noch auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung. (Bild: Gianni Amstutz)

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch

Ein saftiges Steak, ein Pizzaabend mit Freunden oder ein Essen in einem Restaurant. Das alles war für Sarina Koller während drei Monaten nicht möglich oder, im Falle des Restaurantbesuchs, äusserst umständlich. Denn für eine Arbeit an der Fachmittelschule führte sie einen Selbstversuch durch: 90 Tage lang ernährte sie sich ausschliesslich roh-vegan. Das heisst, sie ass weder tierische Produkte noch irgendwelche Speisen, die über 42 Grad erwärmt worden sind.

Auf die Idee gekommen ist die Schülerin über Youtube. Dort hatte sie Videos von Personen gesehen, die sich roh-vegan ernähren. «Da ich mich für verschiedene Ernährungsformen interessiere und eine Zeit lang bereits eine basische und eine vegane Ernährung ausprobiert hatte, entschloss ich mich, die roh-vegane Ernährung in einem Experiment für meine Arbeit zu testen», erzählt Sarina Koller.

Vielfältige Möglichkeiten trotz Einschränkungen

Doch was kann man als Roh-Veganer überhaupt noch essen? «Die Möglichkeiten waren überraschenderweise ziemlich vielfältig», sagt die Schülerin. Früchte, Salate und Gemüse bildeten den Hauptbestandteil der Nahrung. Anhand von Rezeptideen aus dem Internet kreierte sie aber auch roh-vegane Döner, Pizzas oder Schokolade. «Die Zubereitung des Essens dauerte allerdings deutlich länger als bei normaler Ernährung.» Rund sechs Stunden mehr pro Woche musste sie für das Anrichten ihrer Mahlzeiten einplanen. Zudem war die roh-vegane Ernährung beinahe doppelt so teuer wie eine konventionelle. Und sie brachte weitere Einschränkungen mit sich. «Wenn ich bei meinem Freund gegessen habe, zum Essen eingeladen wurde oder bei einem Geburtstagsfest Kuchen auf dem Tisch stand, störte es mich schon, dass ich nicht das Gleiche wie die anderen essen durfte.» Immer musste Sarina Koller eine Extrawurst oder eben doch eher eine Extratomate bestellen. Trotzdem habe sie der Versuchung widerstanden und während den drei Monaten keine einzige Ausnahme gemacht. «Ich bin ein disziplinierter Mensch und wollte die Resultate für meine Arbeit nicht verfälschen.»

Vor und während dem Selbstversuch mass die Fachmittelschülerin ihre Körperwerte bei einem Arzt. Damit wollte sie die Auswirkungen auf ihre physische Verfassung mit Zahlen belegen. Die Resultate seien eher überraschend ausgefallen. Obwohl sie wöchentlich über vier Kilogramm Bananen und Orangen gegessen habe, zeigte die Auswertung nach drei Monaten roh-veganer Ernährung verschiedene Vitaminmängel, sagt sie. Nicht nur beim Vitamin B 12, welches fast ausschliesslich in tierischen Produkten vorkommt und bei Veganern oft nicht ausreichend vorhanden ist, stellte Sarina Koller einen Mangel fest. Bei den Vitaminen A und C waren die Werte ebenfalls tiefer als vor dem Versuch. Zudem unterschritt sie ihren täglichen Bedarf von 2000 Kalorien während den drei Monaten durchschnittlich um etwas über 700 Kalorien. Anfangs habe sie noch darauf geachtet, das Kalorienzählen dann aber irgendwann gelassen und einfach so viel gegessen, wie sie Hunger gehabt habe. «Es ist aber gut möglich, mit roh-veganer Ernährung auf die nötige Kalorienzahl zu kommen», erklärt Sarina Koller.

Die Ernährung hatte aber auch positive Effekte. So sei ihr Blutzuckerspiegel auf einen optimalen Wert gesunken. Weiter konnte die Schülerin auch ein verbessertes Körpergefühl feststellen. Und, dass sie wegen des Versuchs drei Kilogramm abgenommen habe, störe sie auch nicht sonderlich.

500 Franken für eine Weltreise

Ihr Fazit fällt gespalten aus. «Obwohl ich einige positive Effekte feststellen konnte, überwiegen für mich die negativen.» Bei anderen Personen könne diese Ernährungsform aber durchaus funktionieren. Deshalb wolle sie auch niemandem davon abraten. Im Gegenteil: «Ich finde, jeder sollte sich einmal roh-vegan ernähren und sei es nur für eine Woche», so die Schülerin. Denn es fördere den bewussten Umgang mit den Lebensmitteln und dies sei für alle wichtig. Manche Dinge aus ihrem Selbstversuch will Sarina Koller weiter beibehalten. Roh-vegane Schokolade beispielsweise stelle sie noch immer selbst her.

Ihre Arbeit wurde kürzlich als beste naturwissenschaftliche Maturaarbeit ausgezeichnet, obwohl es sich streng genommen gar nicht um eine Maturaarbeit handelt. Für den ersten Platz erhielt Sarina Koller ein Preisgeld von 500 Franken. Angesprochen darauf, ob sie dieses für eine Monatsration roh-veganer Kost einzusetzen gedenke, verneint die 18-Jährige. «Ich spare das Geld, um später einmal eine Weltreise zu unternehmen. Das ist ein Traum von mir.»