Mann bewusstlos getreten, Polizist ins Gesicht gespuckt: Landesverweis für den Wiler Bahnhof-Schläger

Das Kreisgericht Wil hat einen Serben wegen mehreren, mehrheitlich am Wiler Bahnhof verübten Delikten zu einer Freiheitsstrafe von 36 Monaten, einer Geldstrafe von 1800 Franken sowie einer Busse verurteilt. Die Haftstrafe wird zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben. Ausserdem wird der 39-Jährige für acht Jahre des Landes verwiesen.

Andrea Häusler
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Tatort Wiler Bahnhofplatz: Hier hat sich die Mehrheit der angeklagten Gesetzesverstösse abgespielt.

Tatort Wiler Bahnhofplatz: Hier hat sich die Mehrheit der angeklagten Gesetzesverstösse abgespielt.

Bild: red

Pöbeleien, Provokationen, Schlägereien, Drohungen: Der 39-jährige Serbe, der am Dienstagvormittag vor Kreisgericht stand, zeigte über Jahre hinweg weder Anstand noch Respekt, geschweige denn Einsicht oder Wille zur Besserung. Sieben Mal war der vorbestrafte IV-Bezüger und Sozialhilfeempfänger zwischen 2016 und 2019 mit dem Gesetz in Konflikt geraten – wiederholt am Wiler Bahnhof. Die Staatsanwaltschaft beantragte für die Summe der Delikte eine Haftstrafe von drei Jahren, eine Geldstrafe von 1800 Franken sowie Busse, ein Bahnhofverbot für fünf und einen Landesverweis für acht Jahre. Wobei die Freiheitsstrafe zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme aufgeschoben werden sollte.

Der Prozess fand nicht im Gerichtssaal des Flawiler Bezirksgebäudes statt, sondern im Lindensaal – unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Den Massnahmen des Bundesrats gegen die Ausbreitung des Coronavirus hat sich auch die Justiz zu beugen. Gegen 600 Personen bietet der örtliche Gemeindesaal Platz.

Entsprechend speziell war die Atmosphäre an Schranken. Der aufgebaute Raumteiler änderte nicht daran, dass das Gericht, die Staatsanwältin, der Verteidiger mit seinem Mandanten und der Polizeibeamte aufgrund der pandemiebedingten Sicherheitsabstände etwas verloren wirkten.

Umfangreicher Katalog der angeklagten Straftaten

Der Angeklagte reiste 1989 als Flüchtling in die Schweiz ein. «Seither füllt er Strafakten», sagte die Staatsanwältin. Seit dem 13. November 2019 sitzt der 39-Jährige nun in (Sicherungs-)Haft.

Der Katalog der angeklagten Straftaten ist umfangreich. Im September 2016 soll er bei den Sportanlagen im Lindenhof eine Schlägerei angezettelt, drei Wochen später, nach einer Auseinandersetzung im «Kaktus» an der Toggenburgerstrasse, am Wiler Bahnhofplatz einen Mann mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen und mit dem Fuss bewusstlos getreten haben.

Im Juli 2017 wurde er laut Anklageschrift wegen Provokationen mit schriftlichem Bescheid vom Bahnhof weggewiesen. Im März des folgenden Jahres geriet er neuerlich mit dem Gesetz in Konflikt: Nach der Festnahme aufgrund der Beteiligung an einer Schlägerei am Wiler Bahnhof spuckte er, auf dem Stützpunkt Oberbüren, einem Polizisten ins Gesicht. Fast ein Jahr später wurde der arbeitslose Mann wegen einer Pöbelei am gleichen Ort für 24 Stunden weggewiesen. Zuvor hatte er die Polizei  beschimpft und den Beamten den Mittelfinger gezeigt.

Vier Monate später betrat der Beschuldigte trotz Hausverbot den Avec-Shop. Die Serie der Verfehlung endete am 2. November 2019, als er von der Polizei betrunken am Bahnhofplatz aufgegriffen wurde, danach das Streifenfahrzeug traktierte, einen Polizeibeamten trat und in den Genitalbereich griff. Auch soll er, laut Anklageschrift, eine Morddrohung ausgesprochen haben.

Notwehr statt schwere Körperverletzung

In der Befragung bestritt der Angeschuldigte die Tatvorwürfe zwar nicht explizit, bagatellisierte die Vorfälle jedoch, wies die jeweilige Hauptverantwortung von sich und gab wiederholt an, sich nicht mehr zu erinnern. Sein Verteidiger forderte denn auch mehrheitlich Freisprüche.

Es sei keine «versuchte schwere Körperverletzung», sondern Notwehr gewesen, als sein Mandant im September 2016 einen am Boden liegenden Mann bewusstlos geprügelt hatte, sagte er und berief sich auf die vorangegangenen Minuten, in denen der Angeschuldigte von seinem Kontrahenten in den Schwitzkasten genommen worden sei.  Das präsentierte Videomaterial der Bahnhof-Überwachungskamera zeigte jedoch mit welcher Brutalität der Beschuldigte nach dessen Befreiung auf seinen inzwischen wehrlosen Gegner einwirkte. 

Drüber hinaus, sagte der Verteidiger, fehlten für einen Beweis der  «Beschimpfungen» der diversen Beamten  neutrale Zeugen und das Zeigen des Mittelfingers dürfe nicht per se als  Beleidigung interpretiert werden.

In der Summe forderte er eine bedingte Geldstrafe von 300 Franken, 100 Franken Busse, die Anordnung einer ambulanten Massnahme sowie den Verzicht auf das Rayonverbot am Bahnhof und den beantragten Landesverweis.

Ungünstige Prognose

Unstrittig war die Existenz einer psychischer Erkrankung des Angeklagten, welche in den Strafanträgen der Parteien strafmindernd  berücksichtigt wurden. Das psychiatrischen Gutachten stellt dem Angeschuldigten eine insgesamt ungünstige Prognose. Das Rückfallrisiko wird als hoch eingestuft. Der Angeklagte äusserte sich auch selbst zu seiner Krankheit: «Ich höre Stimmen, die mich leiten, glaube, dass mir die Leute etwas antun wollen.» 

Das Gericht folgte in seinem Urteil den Anträgen der Staatsanwaltschaft nahezu vollumfänglich. Einzug auf ein Rayonverbot für den Bahnhofplatz wurde verzichtet. Einerseits aufgrund der stationären Massnahme, die einen Aufenthalt im genannten Gebiet verunmöglicht und anderseits wegen des ausgesprochenen Landesverweises.

Die Rückführung des Angeklagten nach Serbien begründete das Gericht mit der der Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung und der Tatsache, dass es sich nicht um einen Härtefall handle. Der 39-Jährige sei schlecht integriert: Er ist unverheiratet, kinderlos, mehrfach vorbestraft, ohne Arbeit und er lebt von der Sozialhilfe. Für die Schweiz sei er eine finanzielle Belastung und ein Sicherheitsrisiko, hiess es.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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