Man kann es drehen und wenden, wie man will: Im Internet hat es keinen Wiler Stadtweiher

Hat die Wiler Fussgängerzone ihre besten Tage hinter sich? Oder ist sie der angesagte Treffpunkt von morgen? Eine Betrachtung.

Hans Suter
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Ob das Corona-Virus in der Wiler Einkaufsstrasse Obere Bahnhofstrasse zu grossen Umsatzeinbussen führen wird, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Am Donnerstagabend treffen sich die Mitglieder der Interessengemeinschaft Obere Bahnhofstrasse zur jährlichen Hauptversammlung.

Ob das Corona-Virus in der Wiler Einkaufsstrasse Obere Bahnhofstrasse zu grossen Umsatzeinbussen führen wird, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Am Donnerstagabend treffen sich die Mitglieder der Interessengemeinschaft Obere Bahnhofstrasse zur jährlichen Hauptversammlung.

Bild: Hans Suter

Der Detailhandel macht schwere Zeiten durch. Nicht zum ersten Mal. Aufrichtigerweise darf darob nicht verschwiegen werden, dass zwischen zwei schlechten Zeiten jeweils eine gute lag. In der aktuellen Situation allerdings sehen sich immer mehr Detaillisten in ihrer Existenz bedroht. So vielfältig die Gründe dafür sein mögen, die Rechnung ist immer gleich: Weniger Umsatz bedeutet weniger Einnahmen, weniger Einnahmen bedeuten weniger Bruttogewinn und weniger Bruttogewinn bedeutet weniger Investitionskraft. Und wer nicht investieren kann, verschwindet früher oder später vom Markt.

Der schwache Euro lockt

Es ist nicht ein einziges Malaise, das den Detaillisten zu schaffen macht. Diesmal sind es mehrere, zum Teil tief greifende Veränderungen, die ihnen das Leben schwer machen oder ihr Businessmodell gar grundsätzlich in Frage stellen. Seit 2015 lockt der schwache Euro zum günstigen Einkauf ennet der Grenze; 2018 wurden an den Hauptzollämtern schweizweit fast 16 Millionen Ausfuhrscheine abgefertigt. Viele Einkaufstouristen vernichten damit ihren eigenen Arbeitsplatz in der Schweiz, ohne es zu merken – oder es merken zu wollen. Die Ausgaben im grenznahen Ausland sind seit dem Höhepunkt im Jahr 2016 zwar leicht rückläufig, gehen aber immer noch in die Milliarden.

Die grössten Mitbewerber sind Hunderte Kilometer weit weg

So sehr der Einkaufstourismus auch in Wil spürbar schmerzt: Zu einer noch weitaus grösseren Konkurrenz ist das lange Zeit belächelte Internet geworden. Auf diesem virtuellen Marktplatz lässt sich weltweit rund um die Uhr nach Lust und Laune shoppen, ohne einen Parkplatz suchen oder im Stau stehen zu müssen. Zu aller Unbill kommt nun auch noch das Coronavirus hinzu, das viele Menschen verängstigt und vom Shopping abhält. Wie gross die Umsatzeinbussen in der Wiler Einkaufsstrasse Obere Bahnhofstrasse ausfallen werden, lässt sich noch nicht abschätzen. In der Zürcher Innenstadt beklagen die Geschäfte derweil Einbussen von 20 bis 50 Prozent.

Jürg Wipf, Präsident IGOB Interessengemeinschaft Obere Bahnhofstrasse Wil Shopping.
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Benjamin Büsser, Stadtparlamentarier SVP, Motionär «Kundenfreundlicheres Parkierungsreglement».
Daniel Gerber, Stadtparlamentarier FDP, Motionär «Stadtfonds: Standortattraktivität erhöhen».

Jürg Wipf, Präsident IGOB Interessengemeinschaft Obere Bahnhofstrasse Wil Shopping.

Bild: Hans Suter

«Wil ist eine attraktive Marktstadt»

Pessimisten sehen den Detailhandel in Kleinstädten wie Wil längst verloren: Die Discounter sind auf die grüne Wiese gezogen, die Innenstädte bluten aus. Jürg Wipf, Präsident der Interessengemeinschaft Obere Bahnhofstrasse (IGOB), mag nicht in diesen Grabgesang einstimmen. «Wil ist eine attraktive Marktstadt», sagt er mit Nachdruck. «Wer hat schon eine so schöne Fussgängerzone mit nahe gelegenem Stadtweier und einzigartiger historischer Altstadt zu bieten?» Das zu entdecken, lohne sich immer wieder aufs Neue. Der gebürtige Wiler Goldschmied sieht «seine» Stadt nach wie vor als das regionale Zentrum des Fürstenlands, des unteren Toggenburgs und des Hinterthurgaus, gelegen an geografisch interessanter Lage mit guter Verkehrsanbindung, sowohl beim öV als auch beim Individualverkehr. Die Attraktivität Wils unterstrichen Unternehmen, die neu hierher gezogen seien, so Wipf, zum Beispiel Valiant und Bestsmile, oder bestehende Unternehmen, die in Wil investierten, darunter Vögele Shoes mit dem grössten Flagship Store der Schweiz oder Fielmann.

Sorgen auf dem politischen Parkett registriert

Jürg Wipf gibt sich aber auch selbstkritisch: «Der Erfolg hängt von der Positionierung im Markt und von der Kundenorientierung ab.» Stimme dies nicht, werde es schwierig. Insbesondere dem Kundenservice hinsichtlich Umgangsformen und fachlicher Kompetenz komme sehr grosse Bedeutung zu. Eigenschaften, die das Internet in dieser Art nicht bieten könne.

Dass der Detailhandel zu kämpfen hat, ist längst auch in der Politik angekommen. Aktuell gibt es auf dem politischen Parkett fünf Bestrebungen, die dem Detailhandel Hilfe versprechen (siehe Infobox am Artikelende). Nicht alle dieser Optionen lassen sich wohl in der gewünschten Form umsetzen. Zumindest aber machen sie durch die öffentliche Diskussion die Not der heimischen Geschäfte begreifbar, was vielleicht einige Konsumenten zum Umdenken bewegen vermag.

Politische Vorstösse

Drei Optionen tun sich in Wil auf, zwei auf nationaler Ebene. Die Stadtbehörden haben mit der IGOB eine Detailhandelsgruppe gebildet, um die Problemstellungen zu analysieren und mögliche Lösungen herauszukristallisieren. Unterstützt werden die Bestrebungen von einer Volksinitiative, die auf eine Motion von SVP-Stadtparlamentarier Benjamin Büsser zurückgeht. Sie verlangt 30 Minuten Gratisparkieren auf städtischen Parkplätzen. «Das wird unsere Probleme zwar nicht lösen», sagt Jürg Wipf, «ist aber Ausdruck der Wertschätzung gegenüber Besuchern und Kunden in Wil.»

Unterstützung verspricht auch die erheblich erklärte Motion «Stadtfonds: Standortattraktivität erhöhen» von FDP-Stadtparlamentarier Daniel Gerber. Diese verlangt, dass zehn Prozent der Parkgebühren zur Förderung der Marktstadt Wil eingesetzt werden. Dies ist bereits in die Detailhandelsgruppe eingeflossen.

Gleich zweierlei Hilfen sollen auch aus Bundesbern kommen. Zum einen wird der Druck auf die 300-Franken-Zollfreigrenze erhöht, zum anderen soll die Fair-Preis-Initiative zu tieferen Preisen in der Schweiz führen.

Fünf politische Optionen, die Hilfe versprechen

Option 1: Hilfe der Stadt Wil

Unter der Leitung der Stadtbehörden ist zusammen mit der IGOB und weiteren Vertretern des Handels eine Detailhandelsgruppe ins Leben gerufen worden. An verschiedenen Sitzungen wurde ein Konzept zur Stärkung des Einkaufsortes Wil entworfen. Dabei wurden auch die Erwartungen nivelliert: Was erwarten die Geschäfte von der Stadt und umgekehrt, was kann die Stadt beitragen und umgekehrt. Die nächste Sitzung findet im April statt. Konkrete Massnahmen sind noch nicht beschlossen.

Option 2: Parkier-Initiative

In einer Motion verlangte SVP-Stadtparlamentarier Benjamin Büsser, zur Förderung der Attraktivität Wils als Einkaufsort in den ersten 30 Minuten auf Parkgebühren zu verzichten. Der Stadtrat empfahl, die Motion als nicht erheblich zu erklären. Einer der Gründe: Die Annahme hätte Einnahmenausfälle von 600000 Franken zur Folge. Das Parlament folgte der Empfehlung des Stadtrats. Daraufhin lancierte die SVP eine Initiative, die zu Stande gekommen ist. Der Abstimmungstermin ist offen.

Option 3: Motion Gerber

Gewissermassen als Gegenentwurf zur «30-Minuten-Motion» der SVP lancierte FDP-Stadtparlamentarier die Motion «Stadtfonds: Standortattraktivität erhöhen». Der neu zu schaffende Stadtfonds soll aus Parkgebühren gespiesen werden. Die Forderung der Grünen Prowil, den Satz von 5 auf 10 Prozent anzuheben, wurde genehmigt und die Motion erheblich erklärt. Damit können pro Jahr etwa 200000 Franken in gezielte Massnahmen zur Erhöhung der Standortattraktivität fliessen.

Option 4: Freigrenze aufheben

Der zur Schwäche neigende Euro macht das Einkaufen im grenznahen Ausland für viele Konsumenten attraktiv. Und das gleich dreifach. Nebst zum Teil deutlich tieferen Preisen führen auch die Mehrwertsteuer-Unterschiede und die Zollfreigrenze zu Vorteilen. In Deutschland liegt die Mehrwertsteuer bei vielen Produkten bei 20 Prozent, in der Schweiz bei 7,7 Prozent. Einkäufe bis 300 Franken Warenwert sind zollfrei. Dem wollen Politiker einen Riegel schieben und die Freigrenze senken oder aufheben.

Option 5: Fairpreis-Initiative

Dass ein und dasselbe Produkt in der Schweiz doppelt so teuer ist wie in Deutschland, ist keine Seltenheit. Die Schuld liegt aber keineswegs immer beim Detailhandel, der hohe Margen einstreichen will. Oft liefern die Hersteller ihre Markenprodukte zu überhöhten Preisen in die Schweiz und verhindern aktiv günstigere Parallelimporte. Die Fair-Preis-Initiative will das ändern und dem Handel den freien Import ermöglichen. Ausserdem soll das Geoblocking im Internet verboten werden. (hs)