«Make Wil to ä bötter place»

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Auf den ersten Blick könnte es sich um ein gewöhnliches Werbevideo der Stadt Wil handeln. Aufnahmen von badenden Enten ziehen über den Bildschirm, die Kamera schweift am Turm vorbei, fliegt über die malerische Altstadt. Diese Idylle findet sich auch in den Worten wieder, mit denen eine Computeranimierte Männerstimme, wie man sie aus Bahnhofdurchsagen kennt, die Vorzüge der Äbtestadt anpreist. Doch dann schlägt ganz unverhofft die Ironie zu. «Entspannen sie sich in den schönsten Hotels», sagt der Sprecher. Gleichzeitig flammt ein Foto des Restaurant Landhaus auf. Was könnte dem Bild eines schönen Hotels mehr widersprechen als Wils Schandfleck?

Besonders empfehlenswert sei auch eine Übernachtung in den Bed and Breakfast-Sozialwohnungen im Gasthaus Adler, fährt die Stimme fort und der «Adler» flattert sogleich ins Bild. Federleichte Pianomusik begleitet ihn und trägt den Zuschauer weiter zum Wiler Weier. Hier könne jeder einfach mal die Ruhe geniessen, so die «Werbebotschaft». Deshalb seien die Tischtennistische auch extra so gebaut, dass niemand darauf spielen könne. «Ruhe zieht das Leben an, Unruhe verscheucht es», sagt die Stimme und weiter:. Das Schachfeld sei nur ein Fake. «Und zum Wohle aller haben wir die Schachfiguren an einem guten Ort versteckt, wo sie niemand finden kann und auf diesen Schachzug sind wir ganz besonders stolz.» Ruhe und Frieden seien nämlich die grössten Güter.

«Unser geliebter Weier, Cannabisfrei seit 2001», wirbt die Stimme ein paar Sekunden später. Damit dies so bleibe schicke die Wiler Polizei nur ihre erfahrensten Beamten ans Gewässer. Vier mal pro Stunde sorge hier das Sonderkommando für Ruhe und Ordnung. «Private Sicherheitskräfte unterstützen die Drogenfahndung am Wiler Weier mit grossem Erfolg», heisst es weiter. Jeder Kiffer werde der Stadt sofort gemeldet. Ein bis zwei mal im Jahr rät der Sprecher den Zuschauenden von einem Besuch in Wil ab. Mitte Juni nämlich finde das Rock am Weier statt, wo sich Kulturbanausen träfen, um gemeinsam zu kiffen und der Teufelsmusik zu lauschen. Wolle man sich das trotzdem einmal ansehen, empfehle es sich, einen Leibwächter zu nehmen. «Bleiben Sie auf keinen Fall länger als bis zum Einbruch der Dunkelheit.»

Nordkoreanisches Staatsfernsehen nun auch in Wil

«Thurcom verzichtet auf neuen Sender», Ausgabe vom 4. September

Seit langem ist bekannt, dass UPC Cablecom als Signal­lieferant der Thurcom sämtliche Signale für den TV-Empfang liefert. Nun schaltet UPC Cablecom ihren neuen Zusatzdienst, den Sportsender ­«MySports» auf, welcher sowohl von den UPC-Cablecom-eigenen Privatkunden als auch von fremden Signalbezügern (Thurcom, Leucom Stafag AG usw.) bezogen werden kann.

Währenddem die privaten Signalbezüger in Zuzwil mit «MySports» über Leucom Stafag AG für einen Aufpreis von 25 Franken pro Monat in den Genuss von Eishockey sowie der Fussball-Bundesliga kommen, schauen die Wiler diesbezüglich buchstäblich «in die Röhre». Wie in der «Wiler Zeitung» vom Montag zu lesen war, verzichtet die Thurcom auf den neuen Sportsender mit der lapidaren Begründung: «Aufgrund der Tatsache, dass alle unsere TV-Kunden die hohen Mehrkosten für den Erwerb der Ligarechte und Produktion der Sendungen tragen müssten, jedoch nur wenige von diesem Angebot profitieren würden, haben wir uns gegen eine Aufschaltung von MySports entschieden.»

Offenbar wissen die Verantwortlichen der Thurcom genau, welches Angebot die Kunden wollen – oder besser gesagt, was sie zu sehen haben und was nicht. Eine solche Bevormundung der TV-Konsumenten durch die Thurcom kommt dem nord­koreanischen Staatsfernsehen gleich. Auch dort wird den TV-Konsumenten das vor­gesetzt, was dem Diktator gnädigst passt. Ich frage mich, warum es möglich ist, in Zuzwil den Sender MySports für einen Aufpreis von lediglich 25 Franken im Monat aufzuschalten, ­währenddem die Thurcom für Wil von «hohen Mehrkosten für alle privaten Signalbezüger» spricht.

Die Thurcom täte gut daran, nicht den nordkoreanischen Stil anzunehmen, sondern ihren Kunden das gesamte Angebot zu unterbreiten und so allein nur die Kunden entscheiden zu lassen, welche Sender – im Pay-TV gegen einen Aufpreis – sie beziehen wollen und welche nicht. Es ist bekannt, dass sich sämtliche Medien – so auch die Thurcom – in einem volatilen Markt und dadurch auch in einem Markt mit einer gnadenlosen Konkurrenz bewegen. Internet-Streaming-Dienste machen den traditionellen Signallieferanten das Leben heute schon schwer genug und werden es in Zukunft noch vermehrt tun.

Nichteingehen auf die Kundenbedürfnisse sowie selbst­herrliche Ignoranz führen ein Unternehmen zwangsläufig an den Abgrund. Mit einer solchen Haltung landet auch die ­Thurcom schon bald im ­Abseits respektive im unter­nehmerischen Abgrund.

Hoffentlich beschleunigen die Verantwortlichen der Thurcom den Untergang der Gemeinschaftsantenne mit einer solchen Haltung nicht noch zusätzlich, nur weil ihnen der Markt nicht mehr vertraut ist. Allein der Kundenrückgang in einem einzigen Jahr (von 2015 auf 2016) von insgesamt 1596 Kunden (gemäss Geschäfts­bericht 2016) sollte den Verantwortlichen der Thurcom mehr als zu denken geben. Noch ist die «Kriegskasse» des Kommunikationsnetzes mit einem Jahresgewinn von rund 1,2 Millionen Franken gut gefüllt, damit Kundenbedürfnisse erkannt und auch befriedigt werden können, damit das Kommunikationsnetz erfolgreich in die Zukunft geführt werden kann. Handeln ist angesagt, bevor es zu spät ist.

Norbert Hodel, Wil

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