Luftfahrt
Als die weissrussische Luftabwehr zwei Gasballons vom Himmel schoss: Erinnerungen an den tragischen Gordon Bennett Cup in Wil

Wieder steht Weissrussland wegen der Flugzeugentführung im Mittelpunkt. Im September 2021 sind es 26 Jahre her, als drei Teilnehmerballone von dem 39. Gordon Bennett Cup in Wil abgeschossen beziehungsweise zur Notlandung gezwungen wurden.

Roland P. Poschung
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Gordon Bennett Cup in Wil. Von links: Co-Pilot John Stuart-Jevis, Pilot Alan Fraenckel und Pilot J. Michael Wallace warten auf den Start.

Gordon Bennett Cup in Wil. Von links: Co-Pilot John Stuart-Jevis, Pilot Alan Fraenckel und Pilot J. Michael Wallace warten auf den Start.

Bild: Roland P. Poschung

Alles begann damals am 9. September 1995 auf der Sportanlage Lindenhof in der Stadt Wil in froher Stimmung. Zum ersten Mal gastierte der Gordon Bennett Cup, der inoffiziell als die Weltmeisterschaft der Gasballonfahrenden gilt, in der Äbtestadt. 18 Ballonteams aus sieben Nationen gingen am Abend an den Start und der Wind trug sie in östliche Richtung.

Verhängnisvoller 12. September 1995

Bis auf drei Teams verliefen die folgenden Tage flugtechnisch ohne Probleme. Dramatisch wurde es hingegen für sechs Männer über Weissrussland, heute auch als Belarus bekannt: Alan Fraenckel (Jahrgang 1940) und John Stuart-Jervis (1927), beide US-Flugzeugpiloten aus St.Croix, Virgin Island, mit dem Ballon D-Caribbean sowie J. Michael Wallace (1941), Rechtsanwalt, und Kevin Brielmann (1952), Mechaniker und Ballonmacher aus Longmeadow/Cheshire, USA, mit Ballon Spirit of Springfield.

Das dritte Team mit der Ballonaufschrift Aspen mit den Amerikanern David Levin (1948), Investor, und Mark Sullivan (1950), Ballonpilot, befand sich am 12. September 1995 nach 1280 Kilometer ebenfalls über Weissrussland, doch wegen schlechter werdender Wetterverhältnisse konnten diese zwei Stunden später sicher am Boden aufsetzen.

Wallace und Brielmann wurden nach einer Fahrt von 1403 Kilometern von einem Militärhelikopter zur Landung gezwungen und wie Levin und Sullivan wurden diese vier Männer wegen der Einreise ohne gültiges Visum bestraft und dann freigelassen. Nach Aussagen der Behörden hatten sich alle Ballone in ein nahes militärisches Sperrgebiet bewegt.

Abschuss durch Militärhelikopter

Tödlich endete das Ballonabenteuer hingegen für Alan Fraenckel und John Stuart-Jervis. Sie überflogen nach 1267,2 Kilometer den gesperrten Luftraum und wurden von der weissrussischen Luftwaffe abgeschossen.

Unklar blieben die genauen Umstände und viele Fragen: Warum kam es nicht zu einem Funkkontakt, vor allem nicht bei Fraenckel und Stuart-Jervis? Alle Piloten wussten gemäss Logbuch, dass sie die Grenze übertraten. Bei Wikipedia ist nachzulesen: «Zu dem Unglück trug weiterhin bei, dass die Organisatoren an den Tagen des Rennens zwar eine Freigabe bei der weissrussischen Luftfahrtbehörde beantragten, diese Anfrage jedoch keine Daten über Kurs und Zeitpunkte des Grenzübertritts enthielten.

Daraufhin stufte die Behörde (BCOAT) diese Anfrage als ungültig ein, erteilte keine Freigabe und es erfolgte keine Eintragung in den Flugplan. Warum die Organisatoren dies nicht bemerkten und darauf entsprechend reagierten, blieb ebenso ungeklärt. Die Hubschrauberbesatzung sah die Gondel des Ballons als leer an.» Der Abschuss von Gasballon D-Caribbean war Befehl.

Weiter heisst es: «Die Autopsie der Getöteten (bei beiden wurden Stimulanzien nachgewiesen) und die ermittelten Flugdaten bestätigen den Tod durch Aufprall auf dem Boden und lassen vermuten, dass sie nach drei Tagen Flug in Höhen über 2000 Meter und wenig Schlaf entweder bewusstlos waren, tief schliefen oder aufgrund der Erschöpfung nicht mehr angemessen auf den Hubschrauber reagieren konnten. Bis heute ist keine weitere Stellungnahme durch die weissrussische Regierung erfolgt.»

Für die getöteten Ballonfahrer Fraenckel und John Stuart-Jervis wurde am 17. September 1995 in der Wallfahrtskirche Dreibrunnen in Bronschhofen bei Wil ein Gedenkgottesdienst durchgeführt, der medial grosse Beachtung fand.

Der Autor dieses Berichtes, Roland P. Poschung, war damals der einzige Reporter, der die verunglückten Ballonfahrer bei den Startvorbereitungen begleitete und ein Gruppenbild realisieren konnte. Dieses Foto wurde beim Gedenkgottesdienst in der Wallfahrtskirche Dreibrunnen mit Trauerflor aufgestellt. 2019 wurde Poschung für sein langjähriges Engagement nach Bundesrätin Karin Keller-Sutter zum 7. Botschafter der Stadt Wil ernannt.

Reaktion des Wiler Stadtrates

(ropo) Der Stadtrat von Wil verlangte damals umgehend in einem Brief an Bundesrat Flavio Cotti, dass die Schweiz bei der weissrussischen Regierung protestieren solle. Auch wurde eine umfassende und sorgfältige Untersuchung und Berichterstattung gefordert.

Bei den Abschlussresultaten wurden Wallace und Brielmann (gefahrene Distanz 1403 Kilometer), Levin und Sullivan (1280 Kilometer) sowie Fraenckel und John Stuart-Jervis (1267,2 Kilometer) mit den Rängen 2, 4 und 5 aufgeführt. Der erste Platz belegten erstmals die Deutschen Piloten Wilhelm Eimers, Jahrgang 1950, Elektrotechniker aus Duisburg, und Bernd Landsmann, 1954, Kaufmann, aus Mülheim mit 1628,1 Kilometer. Eine Preisverleihung gab es nicht.