Live-Streams und leere Gänge: Wie die Museen der Region Wil auf das Corona-Virus reagieren

Es sind düstere Zeiten für Museen. Während die einen ihre Tore schliessen, haben andere die Hoffnung noch nicht aufgegeben oder werden kreativ.

Tobias Söldi
Drucken
Teilen
Der Gang ins Rock-und-Pop-Museum Niederbüren bleibt vorerst leer.

Der Gang ins Rock-und-Pop-Museum Niederbüren bleibt vorerst leer.

Bild: Nana Do Carmo

Keine Kunst ohne Betrachter – dieser kunsthistorische Allgemeinplatz bekommt in Zeiten des Corona-Virus eine neue Bedeutung. Die Leute ziehen sich zurück, Stätten der Kunst und der Unterhaltung wie Museen oder Kinos bleiben leer, das kulturelle Leben kommt zum Erliegen.

Eine kreative Antwort darauf hat die Kunsthalle Wil gefunden. Kuratorin Sonja Rüegg verrät:

«Wir planen eine Geisterausstellung, ähnlich eines Geisterspiels im Fussball.»
Sonja Rüegg, Wil

Sonja Rüegg, Wil

Bild: Benjamin Manser

Die Ausstellung der Videokünstlerin Susanne Hofer, die am Samstag, 4. April, Vernissage feiern würde, soll digital festgehalten und auf den sozialen Medien geteilt werden – ohne Publikum an Ort. Interessierte können die Kunstwerke der Zürcherin auf diese Weise bequem und sicher von zu Hause aus betrachten.

«Wir haben viel in die Vorbereitungen, den Aufbau der Ausstellung und die Werbemassnahmen investiert», sagt Rüegg dazu. «Es wäre schade, wenn wir die Ausstellung absagen oder verschieben müssten.» So habe man sich mit der Künstlerin auf diese Form geeinigt.

Auch auf die Finnisage der Ausstellung «Multiples» am vergangenen Sonntag hat die Kunsthalle nicht verzichtet. Die Annahme, dass angesichts der unsicheren Lage ohnehin nur wenige Personen die Institution aufsuchen werden, bestätigte sich: Lediglich 15 Personen waren anwesend. «Man kann auch auf Distanz Kontakt haben. Und wir haben gemerkt, wie wichtig es für die Leute ist, dass sie auch in einem anderen Format über das Thema sprechen können», begründet Rüegg.

Aufruf zu Solidarität

Seine Türen bis auf Weiteres geschlossen hat das Rock-und-Pop-Museum in Niederbüren, das sich in den vergangenen Jahren zu einer festen Grösse in der Schweizer Museumslandschaft gemausert hat. Roland «Tschiibii» Grossenbacher, Präsident des Vereins Rock-und-Pop-Museum, sagt:

«Bis mindestens Ende April finden keine Führungen mehr statt.»
Roland «Tschiibii» Grossenbacher, Niederbüren

Roland «Tschiibii» Grossenbacher, Niederbüren

Bild: Ralph Ribi

Auch die Generalversammlung des Vereins am Freitag wird nicht durchgeführt. «Die Leute haben Verständnis dafür, dass wir nichts durchzwängen wollen», sagt Grossenbacher.

Für das Rock-und-Pop-Museum ist diese temporäre Schliessung aber «kein Weltuntergang», wie Grossenbacher sagt. Man sei nicht auf die Einkünfte aus den Führungen angewiesen sei, da man keine Angestellten zu bezahlen habe. Im Rock-und-Pop-Museum basiere das meiste auf Freiwilligenarbeit.

«Ich mache mir vielmehr Sorgen um kleinere Unternehmen, die Verdienste generieren müssen und denen der Konkurs droht. Das beschäftigt mich stärker als die Absage unserer Führungen.»

Grossenbacher ruft denn auch zu Solidarität auf: «Das Rock-und-Pop-Museum ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir diese Krise miteinander durchstehen.» Er sieht darin auch eine Chance, als Gesellschaft wieder – im übertragenen Sinn – näher zusammenzurücken.

Ganz kann er seinen Ärger über die aktuelle Lage aber nicht verstecken: «Dass das alles ausgerechnet jetzt passiert, wo wir uns auf einem absoluten Höhenflug befinden. Im März waren wir voll ausgebucht mit Führungen.»

Viel Arbeit in die Ausstellung gesteckt

Stärker betroffen ist das Ortsmuseum Flawil. Am Samstag, 28. März, hat der Verein seine Hauptversammlung eingeplant, am Tag danach, am 29. März, steht die Vernissage der nächsten Ausstellung an.

Am Montagvormittag hatte Vereinspräsident Urs Schärli die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Denn gemäss den zu jenem Zeitpunkt aktuellen Anweisungen des Bundes hätte das Museum weiterhin normal geöffnet haben können. «Der Besucheransturm hält sich bei uns in Grenzen. Mit 50 Leuten wären wir schon sehr gut besucht», so Vereinspräsident Urs Schärli. Eine Absage oder Verschiebung der Ausstellung wäre ärgerlich:

«Wir haben viel Arbeit in die Ausstellung gesteckt. Sie steht mehr oder weniger.»

Doch am Nachmittag trat ein, was Schärli befürchtet hatte: Die Situation verschärfte sich, der Bund rief neue Massnahmen aus und schloss alle Läden, Restaurants, Bars – und Museen. «Dem müssen wir uns fügen», sagt Schärli.

Saison gerade noch rechtzeitig beendet

Glück im Unglück hat das Ortsmuseum Oberuzwil. Die Ausstellungssaison ist am Sonntag vor einer Woche, am 8. März, zu Ende gegangen. «Gerade noch rechtzeitig, bevor die Corona-Massnahmen verschärft wurden», sagt Johannes Gunzenreiner vom Ortsmuseum. Die Ausstellung warf einen Blick auf Gaststätten und Wirtshäuser der Gemeinde Oberuzwil vor 100 Jahren sowie auf das Schaffen der Bichwiler Malerin Marlene Stör.

Johannes Gunzenreiner, Oberuzwil

Johannes Gunzenreiner, Oberuzwil

Bild: PD

Bis am 18. Oktober, wenn die nächste Ausstellungssaison startet, sei das Museum nun ohnehin geschlossen. Auch individuelle Führungen seien bis im Juni keine mehr nachgefragt worden ­­– normalerweise ist ein Besuch des Museums ausserhalb der Saison für Schulklassen und Gruppen nach Absprache möglich. «Falls wir dennoch Führungen durchführen würden, halten wir uns natürlich an die Vorgaben des Bundes.»

So kann Gunzenreiner trotz allem zuversichtlich auf die nächste Saison blicken.

«Wir machen normal weiter. Aktuell sind wir an der Konzeptentwicklung für die nächste Saison dran.»

Gunzenreiner geht davon aus, dass sich die Situation bis im Oktober wieder normalisiert hat. Es bleibt zu hoffen.

Mehr zum Thema