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LITTENHEID: Achterbahn der Gefühle

In der Therapiegruppe Linde D der Privatklinik Clienia Littenheid AG lernen Jugendliche mit einer Borderline-Symptomatik, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen, um ein normales Leben führen zu können.
Daniel Wallimann
In der Therapiegruppe der Privatklinik in Littenheid finden Jugendliche den Halt und die Struktur, welche ihnen zu Hause fehlten. (Bild: PD)

In der Therapiegruppe der Privatklinik in Littenheid finden Jugendliche den Halt und die Struktur, welche ihnen zu Hause fehlten. (Bild: PD)

Daniel Wallimann

redaktion@wilerzeitung.ch

Michelle ist 13. Ihre rot geschminkten Lippen lassen sie ­älter wirken. Sie sitzt mit über­einandergeschlagenen Beinen auf der Couch im Aufenthaltsraum der Therapiegruppe Linde D der Privatklinik in Littenheid und streicht ihr langes Haar glatt. Wenn sie spricht, fixiert sie das Gegenüber mit ihren braunen Augen. Und erzählt mit leiser Stimme, wie sie sich das Leben nehmen wollte. So dass es einem kalt den Rücken runterläuft. «Ich habe in dem Moment keinen Ausweg mehr gesehen», erzählt sie.

Denn zu Hause herrschte ein heilloses Durcheinander. Die ­Eltern stritten und liessen sich scheiden. Sie ging nicht mehr zur Schule. Weder Vater noch Mutter spendeten ihr in dieser schwierigen Situation Trost. Aus diesem Grund fällt es ihr heute schwer, jemandem zu vertrauen. Gerade wenn sie sich einsam fühlt, schiessen ihre Emotionen hoch, bis sie sich selber nicht mehr wahrnimmt. «Ich bin dann wie ausser mir.» Daraufhin hat sie mit dem Ritzen begonnen.

Mädchen ritzen, Buben schlagen

In der Linde D lernt Michelle, mit dieser Gefühlsachterbahn um­zugehen. «Wenn es mir jetzt schlecht geht, tu ich mir selber nicht mehr weh», sagt sie. Meistens jedenfalls. Sie kann ihre Gefühle besser benennen und presst ihren Quetschball in der Faust zusammen oder hält sich eine Kapsel unter die Nase, aus der Ammoniakgeruch austritt. Das sind nur einige der Fertigkeiten – im Fachjargon heissen sie «Skills» –, welche die Jugendlichen in der Linde D lernen. «Sie können in der Krise auf diesen Notfallkoffer zurückgreifen, wenn sie von ihren Gefühlen überwältigt werden», sagt Margitta Krahmer. Die Psychologin leitet die in der Schweiz als erste zertifizierte DBT-A Station, die sich ganz gezielt auf Jugendliche mit einem Borderline-Syndrom oder einem Trauma spezialisiert hat.

Fälle, bei denen lange Therapien bisher nicht geholfen haben. Betroffene können ihre Gefühle kaum noch steuern. Mädchen und Buben leiden gleichermassen daran. «Die Erfahrung habe jedoch gezeigt, dass junge Frauen in der Krise eher sich und junge Männer dagegen andere verletzen», sagt Krahmer. Zurzeit wohnen sieben weitere Jugendliche in der Therapiegruppe. Alle sind freiwillig da. Arben, 16, ist einer von ihnen. Die Tage in der Gruppe sind engmaschig mit Schule, Therapie, Sport oder gemeinsamen Spieleabenden verplant. «Die Integration in die Gruppe gehört zur Therapie mit dazu», sagt Dajana Venetz. Die Gruppenleiterin der Linde D gliedert die Jugendlichen zusammen mit ihrem Team wieder in den Alltag ein. «Zu Beginn finden sie es total streng. Doch insgeheim sind sie um die Struktur froh», sagt sie, «weil sie ihnen zu Hause häufig fehlt.» Dazwischen haben sie trotzdem genug Zeit, um Jugendliche zu sein. «Sie lachen, streiten und verlieben sich», sagt Venetz. An diesem Montagnachmittag scheint die Sonne, das Licht fällt durch die grossen Fenster ein. Die Wände sind in warmen Farben und mit Comicfiguren bemalt.

Neben den Therapien ist die Elternarbeit wichtig

«Dahinter steckt ein Inneneinrichtungskonzept, das die Heilung fördern und die Aggressionen der Jugendlichen senken soll», sagt Margritta Krahmer. Neben all den Therapien ist auch die Elternarbeit wichtig. «Es gibt kaum etwas Anspruchsvolleres als ein Kind, das sich selbst verletzt und unter Suizidalität leidet», sagt die Psychologin. Die Eltern glauben häufig, versagt zu haben. Aus diesem Grund werden auch Elterngruppenabende durchgeführt, an denen über das Krankheitsbild und das Therapiekonzept informiert wird. Auch Arben weiss mittlerweile, warum er häufig gewalttätig wurde. Er sitzt ebenso im Aufenthaltsraum. Er ist gross, muskulös und trägt eine Baselballmütze. Er ist im Heim gross geworden, weil ihn die Mutter geschlagen hat. Genau kann er sich aber nicht mehr daran erinnern. Er hat Erinnerungslücken. Im Heim war Gewalt an der Tagesordnung. «Es galt das Faustrecht», erzählt der 16-Jährige. Er weiss, dass das der falsche Weg ist. Mittlerweile kann er Konflikte mit Worten lösen. Schliesslich will er Bäcker und nicht Boxer werden. Doch zwischendurch platzt ihm dennoch mal der Kragen. Er ist schliesslich auch nur ein Mensch.

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