Interview
Linus Kempter, Hobby-Imker aus Kirchberg: «In vielen Gebieten ist die Bienendichte zu hoch»

Linus Kempter gehört zu den Imkern, die sich für den Erhalt und die Weiterzucht der Dunklen Biene engagieren.

Peter Jenni
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Die begattete Königin (mit Markierung) wurde von einem Jungvolk angenommen und hat Eier gelegt.

Die begattete Königin (mit Markierung) wurde von einem Jungvolk angenommen und hat Eier gelegt.

Bild: PD

Im Toggenburg gibt es einige hundert Imker, die sich der Bienenzucht verschrieben haben, was sie meist als Hobby ausüben. Zu ihnen gehört auch Linus Kempter aus Kirchberg, der nicht nur in der Bienenzucht, sondern auch im organisatorisch-administrativen Bereich massgeblich tätig ist. Im November 2019 übernahm er das Präsidium von mellifera.ch, nachdem er dem Vorstand seit 2008 angehört hatte.

Zudem engagiert er sich zusammen mit Zuchtgruppenleiter Fritz Jordi, Kirchberg und dessen Stellvertreter Willi Roth, Mogelsberg, auch als Auffuhr-Chef in der Zuchtgruppe Säntis, welche die Mellifera-Belegstation zwischen Rossfall und Schwägalp betreut und heuer das 25-Jahr-Jubiläum feiern kann.

Bei mellifera.ch handelt es sich um die Organisation, die sich für die Erhaltung und Weiterzucht der einheimischen Dunklen Biene engagiert. Was ist das Besondere an dieser Biene und wie unterscheidet sie sich von anderen Arten?

Linus Kempter, Bienenzüchter.

Linus Kempter, Bienenzüchter.

Bild: Peter Jenni

Die Art «Westliche Honigbiene», Apis mellifera, ist in verschiedene Unterarten gegliedert, die ursprünglich Europa, Afrika und den Nahen Osten besiedelten. Die Unterart Apis mellifera mellifera besiedelte nach der letzten Eiszeit ein riesiges Gebiet von Frankreich bis zum Ural und war in der Schweiz als einzige nördlich der Alpen heimisch. Äusserlich erkenntlich ist sie an ihrer dunklen Panzerfarbe und an der spärlichen Behaarung. Zudem ist sie anpassungsfähig an verschiedene Klimata und genügsam. Sie sammelt Pollen von sehr vielen Pflanzen und bestäubt diese. Bei jedem Winterwetter hält sie eine deutliche Brutpause. Heute ist die Dunkle Biene in ihrem Bestand fast überall gefährdet, weil vor allem Carnica- und Ligustica-Königinnen sowie Hybridköniginnen weltweit gehandelt werden und weil der Bienenbestand etwa in der Schweiz heute mehr oder weniger bastardisiert, das heisst ausgekreuzt ist.

Vor einigen Jahren waren das Bienensterben und die Varroamilbe in aller Munde. Ist das immer noch aktuell oder hat sich die Bienengesundheit inzwischen massgeblich verändert?

Die Varroamilbe kann mit verschiedenen bekannten Behandlungen und biotechnischen Massnahmen in Schach gehalten werden. Einzelne Zusammenbrüche kommen immer noch vor. Es gibt aber heute wieder mehr Imkerinnen und Imker und mehr Bienenvölker als vor etwa 20 Jahren. In vielen Gebieten ist die Bienendichte zu hoch.

Welchen Einfluss hat das schöne und warme Frühlingswetter auf die Bienenzucht, beziehungsweise auf den Ernteertrag?

Für gute Ernten braucht es immer das Zusammenwirken mehrerer Faktoren. Schon die Witterung des Vorjahres kann eine Rolle spielen. Das schöne trockene Wetter, das wir seit einiger Zeit haben, begünstigt den Eintrag von Pollen und die Entwicklung der Bienenvölker. Für einen ergiebigen Nektarfluss ist es jedoch vielerorts zu trocken.

Was ist der Unterschied zwischen Honigbienen und Wildbienen?

Zu den Honigbienen gehören Arten, die dauerhafte Staaten mit hoher Arbeitsteilung bilden. Wildbienen leben meistens solitär. Ein Weibchen der Roten Mauerbiene zum Beispiel legt ein Ei in eine Röhre, versorgt es mit Pollen und Nektar und verschliesst die Zelle. Dann legt es weitere Brutzellen an. Aus dem Ei schlüpft eine Larve, diese verpuppt sich und in einem Jahr schlüpft aus der Zelle eine Biene. Auch die Hummeln zählt man im weiteren Sinn zu den Wildbienen. Von den Wildbienenarten soll es in der Schweiz etwa 600 geben. Mit etwas Geduld kann man jetzt einige von ihnen auf Blüten beobachten. Viele sind hoch spezialisiert auf bestimmte Nahrungspflanzen oder Brutbiotope. Fehlt eines oder liegen Brutplatz und Nahrungspflanzen zu weit auseinander, ist das Weiterleben der Art gefährdet.

Was für eine Funktion hat eine Belegstation und was ist speziell an jener der Zuchtgruppe Säntis, die auf 1090 Meter über Meer liegt und in diesem Jahr ein Jubiläum feiern kann?

Vor 25 Jahren haben sich Mellifera-Züchter aus mehreren Kantonen nördlich des Säntis zusammengetan, um eine möglichst sichere Begattung für ihre Königinnen und damit ihre Zuchtziele zu erreichen. Eine Eigenart der Honigbienen ist es, dass die Königin im Flug von mehreren Drohnen begattet wird. Deshalb braucht es für eine Belegstation ein abgeschlossenes, sonst bienenfreies Gelände. Dort werden dann die Dröhnriche – ausgewählte Völker mit vielen Drohnen – sowie die Kästchen mit jungen Königinnen und kleinen Völkchen aufgestellt.

In den Begattungskästchen haben Bienen kleine Waben gebaut, sogar im Futtergeschirr.

In den Begattungskästchen haben Bienen kleine Waben gebaut, sogar im Futtergeschirr.

Bild: PD