Glosse

Linke Lehrer, urbane Uzwiler und rechte «Restaurantbetreiber»: Kuriositäten auf den Listen für die Stadtparlamentswahlen in Wil

Am Samstag stellte diese Zeitung die Ausgangslage für die Stadtparlamentswahlen vom 27. September vor. Nun folgen Kuriositäten und Auffälligkeiten, die auf den neun Listen zu finden sind – und davon gibt es einige.

Gianni Amstutz
Drucken
Teilen
Fast jede zweite Person auf der Wiler SP-Wahlliste arbeitet im pädagogischen Bereich.

Fast jede zweite Person auf der Wiler SP-Wahlliste arbeitet im pädagogischen Bereich.

Bild: Gaetan Bally/Keystone

Nenn mir deinen Beruf und ich sage dir, in welcher Partei du bist! Diese Behauptung scheint gar nicht so abwegig, wenn man die Listen für die Stadtparlamentswahlen betrachtet. Dabei erfüllen die Parteien brav die Klischees.

So heisst es – vor allem von rechter Seite – , die Schulen seien voll mit linken Lehrern. 2014 lancierte die Junge SVP gar eine Website, wo Schüler ihre Lehrer für politisch linken Unterricht denunzieren konnten. Ob die politische Einstellung der Lehrer tatsächlich Einfluss auf ihren Unterricht hat, sei mal dahingestellt.

Fest steht aber, dass eine Tendenz linker Politiker, pädagogische Berufe zu ergreifen, zumindest in Wil nicht von der Hand zu weisen ist. Besonders bei der SP scheinen Berufe mit pädagogischem Hintergrund hoch im Kurs zu stehen. Von der Religionspädagogin über Dozenten, Heilpädagogen, Schulleiter bis hin zu Primar- und Sekundarlehrerinnen finden sich unter den 40 Personen auf der SP-Liste ganze 16 mit pädagogischem Bezug.

Doch die Junge SVP wäre gut beraten, nicht nur beim Schul-, sondern auch beim Arztbesuch nach linken Tendenzen Ausschau zu halten. Die Medizin scheint es den Sozialisten nämlich ebenso angetan zu haben. Immerhin jeder vierte SP-Kandidat arbeitet im medizinischen Bereich.

Kein Wunder also, erlebt die medizinische Verwendung von Cannabis ein Hoch, dürfte sich manch ein Jung-SVPler denken. Auch, dass die Spitäler im Kanton St.Gallen stark defizitär sind, wundert unter dieser Betrachtung kaum einen Bürgerlichen.

Der Prototyp einer SP-Kandidatin ist übrigens Mirta Sauer. Sie deckt als Lehrerin sowie Arztsekretärin gleich beide typischen SP-Berufe ab. Möglich ist das wohl nur durch Teilzeitarbeit, was auch endlich erklärt, weshalb sich die Sozialdemokraten für diese Beschäftigungsform starkmachen. So lassen sich mit einer Person gleich zwei Berufsfelder links unterwandern.

Fast alle FDP-Kandidaten beschäftigen sich beruflich hauptsächlich mit wirtschaftlichen Fragen.

Fast alle FDP-Kandidaten beschäftigen sich beruflich hauptsächlich mit wirtschaftlichen Fragen.

Bild: Fotolia

Auch die Kandidierenden der FDP werden den Erwartungen einer Wirtschaftspartei gerecht. Auf deren Liste tummeln sich Ökonomen, Banker und Verkaufsleiter. Kaum eine Person auf der Liste hat keinen Wirtschaftsbezug. Und wenn doch einmal ein Ingenieur oder ein Informatiker auftaucht, dann handelt es sich um einen Wirtschaftsingenieur oder -informatiker. Zumindest finanziell sollte der Wahlkampf der Liberalen auf soliden Beinen stehen.

Bei den anderen Parteien sind die berufsspezifischen Auffälligkeiten nicht so eklatant. Die SVP hätte immerhin eine Alternative, falls es bei den Wahlen nicht wie gewünscht klappen sollte.

Mit einem Bereichsleiter Hotellerie, einem Lebensmitteltechnologen und einem Gastrounternehmer stünde der Eröffnung eines Restaurants nichts mehr im Weg. Bäuerin Ursula Egli könnte dazu die benötigten Lebensmittel vom Hof liefern.

Zudem scheint das Führen eines eigenen Restaurants gerade bei St.Gallischen SVP-Vertretern ja eine gewisse Tradition zu haben. Da «Haus der Freiheit» aber bekanntlich schon vergeben ist, müsste man bei der Namensgebung wohl das Parteiprogramm auf andere eingängige Schlagworte durchforsten.

«Gaststätte zur Selbstbestimmung» wäre eine Möglichkeit. Dann aber konsequenterweise auch mit den von den Kunden selbst festgelegten Preisen. Die SVP sollte ja dafür Verständnis haben, dass man sich als unabhängiger Schweizer auch bei der Rechnung nicht dreinschwatzen lassen will – und seien die Gastgeber auch SVP-Politiker.

Brigitte Witzig ist auf der Liste der EVP im Gegensatz zu den anderen Kandidierenden nur einmal aufgeführt.

Brigitte Witzig ist auf der Liste der EVP im Gegensatz zu den anderen Kandidierenden nur einmal aufgeführt.

Bild: Gianni Amstutz

Beim Studieren der Wahllisten stechen aber nicht nur berufliche Besonderheiten ins Auge. So scheint es mit dem Glauben bei der EVP – immerhin eine von nur zwei Parteien mit christlichem Bezug im Namen – nicht weit her zu sein. Der Glaube, dass es Kandidatin Brigitte Witzig vom Listenplatz sieben ins Parlament schafft, ist nämlich offenkundig nicht vorhanden.

Anders ist es nicht zu erklären, weshalb der Namen der Kandidatin nur einmal geführt wird. Freie Zeilen hätte es auf der spärlich besetzten Liste der EVP jedenfalls genug gehabt.

Der Punk-Troubadour Daniel Mittag alias Jack Stoiker sang einst: «I ha diä Landluft langsam satt, i wött id Stadt, i wött uf Uzwil.» Dies als nicht ganz ernst gemeinte Ode an Uzwil, als dieses die 10000-Einwohner-Marke knackte und seither offiziell als Stadt gilt.

«I wött i d’Stadt, i wött uf Uzwil», heisst es in einem bekannten Lied des Punk-Troubadours Jack Stoiker

«I wött i d’Stadt, i wött uf Uzwil», heisst es in einem bekannten Lied des Punk-Troubadours Jack Stoiker

Bild: Beat Schiltknecht

Offensichtlich scheint Uzwil seinen urbanen Glanz verloren zu haben – eigene Stadthymne hin oder her. Das wäre zumindest eine Erklärung, wieso Uzwil mit drei Personen die Rangliste bezüglich Anzahl Kandidierender fürs Stadtparlament, die von ausserhalb der Gemeinde Wil kommen, anführt.

Werden die Uzwiler gewählt, müssten – oder dürften? – sie nämlich nach Wil ziehen. Und Wil ist nicht nur einwohnermässig urbaner als Uzwil, sondern verfügt über alle von Jack Stoiker besungenen Merkmale einer Stadt: Kebabstand, Migros-Restaurant und sogar Indios, die in der Fussgängerzone Panflöte spielen.