Leidenschaft auf drei Stockwerken

In dieser Woche gastierte der «Cirque de loin» in Degersheim. Nicht nur die Freilichtbühne, sondern auch das Programm «Bisou» liessen erahnen, dass kein üblicher Zirkus zu erwarten war.

Olivia Hug
Drucken
Teilen

Degersheim. «Eine Gemeinschaft zu werden ist nicht schwer, eine zu bleiben dafür huere sehr», eröffnet Zirkusdirektor und Darsteller Michael Finger das Freilichtspektakel. Und damit befindet man sich auch schon mitten im Stück. 13 Frauen, Kinder und Männer formieren sich auf der «Bühne» – einem aufpolierten, dreistöckigen Wohnwagen. Der Zuschauer erhält quasi einen Blick mitten in die Privatsphäre der Zirkusleute.

In der Küche wird ein Kuchen zubereitet, im oberen Stockwerk kleidet sich eine Dame gerade um, auf dem Klo hat es sich soeben ein anderer gemütlich gemacht, während die Jungs auf dem Trampolin vor der Stube toben. So recht weiss man nicht, worauf man den Blick richten soll, spielen sich doch so viele Handlungen gleichzeitig ab.

Schwer einzuordnen

«Bisou» scheint Tanztheater, Zirkus, Musical und Film zugleich zu sein. Dies ist nicht weiter verwunderlich, ist der Direktor doch Regisseur und die Artisten – allesamt Tänzer, Musiker oder Artisten – seine Schauspieler. Was sie zeigen, ist mehrheitlich chaotisch, laut und bunt – sei es wegen der Kleider, der Musikinstrumente oder der Körpersprache – und mutet nicht besonders artistisch an.

Dennoch verbirgt sich die Artistik dahinter: In den synchronen Formationen zweier Darsteller am Klettergerüst oder den waghalsigen Saltos auf dem Trampolin. Diese Kunststücke bedürfen nicht weniger Koordination als in einem gewöhnlichen Zirkus.

Es sind auch die unzähligen Parallelhandlungen, die aufeinander passen müssen. Keiner der Darsteller ist je unbeschäftigt, immer widmet sich irgendwer irgendwo irgendeiner Sache.

Dies unterhält den Zuschauenden zwar, doch macht es ihm auch umso schwerer, das Geschehen zu begreifen. Da wird geliebt, gelacht und getanzt, um kurz darauf wieder in Streit und Chaos zu enden. Auf Drama folgt Komik. Auf einen auflösenden Schluss wartet man vergeblich, vielmehr ist die eigene Interpretation gefordert. Immerhin kann sich glücklich schätzen, die Dialoge zu verstehen, wer sprachlich versiert ist.

Ob Deutsch, Italienisch, Spanisch, Französisch: Die Darsteller reden sowohl miteinander, als auch aneinander vorbei.

Zusehen und Mitdenken

Und dies führt in einer Gemeinschaft zu Konflikten. Während eine Darstellerin dies mit einem Anfall von Wut zum Ausdruck bringt, wirft sich eine andere todunglücklich ans Balkongeländer. Die letzte wiederum «ritzt» sich verzweifelt mit einem Lippenstift blutig. «Bisou» unterhält, fasziniert und überrascht. Es stellt dar, erklärt aber nicht.

Wer allerdings in der Erwartung kam, mit dem «Cirque de loin» einen gewöhnlichen Zirkus mit Kunststücken, Feuershows und Clowneinlagen vorgesetzt zu bekommen, wurde enttäuscht. Nicht dass diese Elemente fehlten – es wurde reichlich geturnt, Feuer gezündet und es wurden komische Elemente gezeigt –, doch sie waren nur die Mittel, um einen wichtigeren Zweck zu erfüllen.

Letztlich erzählt «Bisou» eine Geschichte, der zu folgen vom Zuschauer Aufmerksamkeit erfordert und nicht bloss Unterhaltungswert hat.