LEBENSWERK: Ein Mann mit Stiel

Oskar Hubmann aus Bichelsee hat eine grosse Leidenschaft: die Arbeit mit Holz. Weit herum ist er bekannt für sein Handwerk. Egal ob Hammer, Rechen oder Haue, solange die Späne fliegen, ist er glücklich.

Jörg Rothweiler (text und Bild)
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Oskar Hubmann in seinem Reich: die Werkstatt, in der er mit alten Maschinen Handwerksarbeit leistet, die die Zeit überdauert.

Oskar Hubmann in seinem Reich: die Werkstatt, in der er mit alten Maschinen Handwerksarbeit leistet, die die Zeit überdauert.

Jörg Rothweiler (Text und Bild)

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@wilerzeitung.ch

Seine Hände sind von der Gicht knorrig wie die Äste einer Eiche. Das Gehen längerer Strecken hat er sich «abgewöhnt» – und hinter dem Ohr versteckt sich ein Hörgerät. Doch das Alter meint es gut mit Oskar Hubmann. Sein Geist ist hellwach. Seine Augen blitzen freundlich hinter der Brille hervor. Seine Lust auf die tägliche Arbeit in der kleinen Werkstatt ist bis heute ungebrochen.

Letztere liegt im Weiler Höfli in Bichelsee. In ihr, zwischen unzähligen Werkzeugen, die an den mit Holzmehl überzogenen Balken und weiss getünchten Wänden hängen, fühlt sich Oskar Hubmann wohl. Der kleine Raum ist sein Reich. Hier vereinen sich Talent, handwerkliches Geschick, die Hingabe zur Landwirtschaft und althergebrachtes Fachwissen über die Verarbeitung von Holz zu währschafter Handwerkskunst, wie man sie heute nur noch selten findet – aber oft genug vermisst.

Nur ein Holzwurm kennt sich mit Holz besser aus

Seit rund siebzig Jahren fertigt Oskar Hubmann, 1928 geboren und bis zur Pensionierung hauptberuflich Landwirt, Stiele für Schaufeln, Hämmer, Pickel, Rechen, Äxte, Hauen, Hacken und Gabeln. Die Landwirte und Gartenbauer der Region sagen, Hubmanns Stiele seien die besten. Damit gebe es beim Arbeiten keine Blasen, die Krümmung und Form stimmen perfekt – was die Arbeit schlichtweg effizienter und auch spürbar leichter mache.

Viele Fachleute, aber auch Private, bringen ihre Gerätschaften zu Hubmann, wenn ein Stiel gebrochen, wacklig oder anderweitig beschädigt ist. Auch wer den perfekten Thurgauer Sensenworb sucht, hergestellt nach alter Väter Sitte in Handarbeit, wird bei ihm fündig. Und wer ein aus Holz gefertigtes Spezialteil für eine alte Maschine, etwa einen Messerantrieb, benötigt, das sonst nirgends mehr aufzutreiben ist, der geht zu Oskar.

Dessen umfassendes Wissen stammt noch vom Vater. Der wurde 1896 geboren, bewirtschaftete mit Oskars Grossvater den elterlichen Hof, arbeitete nebenbei als Strassenmeister und Holzfäller. Von ihm hat Oskar, wie er erzählt, «die Leidenschaft für das Holzhandwerk und wohl auch das Talent geerbt».

Vom Sticker zum Holzhandwerker

Wie so viele Familien in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hatten auch Hubmanns eine Handstickerei. Die war die Haupteinnahmequelle, während die Landwirtschaft dem Nebenerwerb und der Selbstversorgung diente. «Doch mein Vater hatte es nicht so mit dem Sticken. Er ging lieber in den Wald», sagt Hubmann.

Und weil der Vater mit Holz umzugehen verstand und es genug Abnehmer für seine Waren gab, erwarb er 1923 eine riemengetriebene Maschine, mit der er sägen, hobeln, drechseln und fräsen konnte. «Allein der Motor kostete 400 Franken – ein Vermögen zu einer Zeit, als der Stundenlohn kaum 80 Rappen betrug», sagt er. Doch es war eine lohnende Investition. Die Maschine, die fünf Jahre älter ist als Hubmann selbst, leistet ihm bis heute treue Dienste. Erst vor kurzem, nach mehr als 90 Jahren, musste der 3-PS-Motor ersetzt werden.

Für Oskar stand nie in Frage, nicht wie sein Vater als Landwirt und Holzhandwerker zu arbeiten. Anfangen damit musste er dann aber viel eher als gedacht. Denn während der Kriegsjahre leistete der Vater Militärdienst, und der heranwachsende Oskar bewirtschaftete mit der Mutter Haus und Hof. «Trotz aller Not ging es den Bauern vergleichsweise gut», erinnert er sich. Damals wurde die Landwirtschaft zum Haupterwerb – und blieb es, als die Handstickerei vor knapp 100 Jahren ihren Niedergang erlebte. «Es waren schöne Zeiten, als die Landwirtschaft noch rentierte», sagt Hubmann.

Er erlebte die Schrecken der Kriegsjahre

Der 88-jährige Holzhandwerker erinnert sich mit Schrecken an die Kriegsjahre: «Die Unsicherheit war gross, und wenn nachts das Dröhnen der Bombermotoren die Fenster zum Klirren brachten, hatten nicht nur wir Kinder Angst.» Er erzählt, wie einmal eine Handvoll Männer an Fallschirmen aus einer «fliegenden Festung», die später in den Bodensee stürzte, absprangen. «Der Wind trieb sie übers Dorf. Einer landete in der Wiese, einer im Wald und einer krachte mitten in einen Hühnerhof.» Leise kichert er bei der Erinnerung an das, was trotz aller realer Tragik für ihn als Kind wohl komisch anmutete.

Nach dem Krieg lernte er von seinem Vater alles, was nötig ist, um als Landwirt und Holzhandwerker bestehen zu können. Und als der Vater 1964 einem Herzanfall erlag, führte er die Geschäfte weiter. Anfang der 1990er-Jahre ging er in Pension, übergab den Hof seinem Sohn Fredi. «Der hat aktuell 17 Kühe und fünf Rinder, baut neben Getreide auch Mais an», sagt Hubmann. Doch obwohl der Hof grösser ist als einst, ernährt er die Familie nicht mehr. Daher arbeitet Fredi auch als Werkhofangestellter bei der Gemeinde Bichelsee-Balterswil. «Heute ist es wieder wie zu Grossvaters Zeiten: Die Landwirtschaft ist der Nebenerwerb, die Einkünfte kommen von woanders. Bei mir war es umgekehrt: Das Holzhandwerk lief immer nebenbei.» Denn viel verdient hat Oskar, ungeachtet der hohen Qualität seiner Produkte, damit nie. «Es ist viel Aufwand für wenig Ertrag.» Für einen Worb, ein aus Eschenholz gefertigter Holzstiel der Sense, braucht es mindestens einen Tag Arbeit. Der Erlös dafür ist bescheiden: «1945 waren es vielleicht 12, später auch mal 15 Franken. Und heute sind es 35.»

Rückblick auf ein zufriedenes Leben

Doch Oskar Hubmann liebt diese Arbeit – hat einfach immer weitergemacht. Allerdings braucht er heute nach jeweils zwei Stunden eine ordentliche Pause. Daher nimmt er auch nur noch ausgewählte Aufträge an – und ist froh, dass er 1960 eine zehn Jahre jüngere Frau geheiratet hat. «Der Altersunterschied zahlt sich jetzt, da ich mehr Unterstützung brauche, aus», sagt er. «Anni schaut seit mehr als 56 Jahren sehr gut zu mir. So wie das Leben, das es mehrheitlich gut mit mir meinte.»

Recht hat er. Denn Oskar Hubmann ist glücklich verheiratet, hat vier gesunde Kinder und nie einen bösen Unfall erlitten. Nur einmal hobelte er sich etwas tiefer in den Handballen – als ihm ein besonders zähes Holzstück wegrutschte. Was ihn heute glücklich macht ist, dass seine Talente ihn überdauern werden: Denn während Sohn Fredi den Landwirtschaftsbetrieb weiterführt, hat Sohn Markus das familiäre Talent für das Arbeiten mit Holz geerbt. Er betreibt in Bichelsee eine Zimmerei und Bauschreinerei.