Lebensraum statt Schlafdomizil

Seit 20 Jahren macht der Sirnacher Oliver Kühn Theater. Den Entwicklungen in der Kulturlandschaft der Region Wil sieht er kritisch entgegen. Wil und seine Umgebung verkomme immer mehr zum günstigen Schlafdomizil für Pendler.

Ursula Ammann
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«Theater Jetzt»-Gründer Oliver Kühn vermisst in der Wiler Kulturlandschaft «Neues, Frisches und Mutiges». (Bild: pd)

«Theater Jetzt»-Gründer Oliver Kühn vermisst in der Wiler Kulturlandschaft «Neues, Frisches und Mutiges». (Bild: pd)

Herr Kühn, vor Kurzem ist Ihr «Theater Jetzt» am Basar Bizarr in der Wiler Lokremise mit der Produktion «Zircus Fortuna» aufgetreten. Diese handelt von vier Zirkusleuten, die der Menschheit seit Jahren die Zukunft prophezeien. Welche Zukunft prophezeien Sie der Kulturlandschaft in der Region?

Oliver Kühn: Zu wünschen wäre, dass sie aus der gegenwärtigen Passivität in eine deutlich aktivere Haltung findet.

Machen Städte und Gemeinden nicht genug für die Kultur?

Kühn: Das klingt nun sehr bedürftig. Städte und Gemeinden müssen doch nicht etwas für die Kultur machen…

Sondern?

Kühn: Die Frage ist doch: Haben die politischen Gremien und wir «Kultis» genügend gemeinsame Interessen, dass sich diese Region vom günstigen Schlafdomizil für Pendler aus dem Ballungsraum Zürich hin zum vielseitigen Lebensraum entwickelt?

Aber gerade Wil betont immer wieder die Vielfalt und Einzigartigkeit des kulturellen Lebens in der Stadt.

Kühn: Wil hat in den 80er-Jahren unter einem gewissen politischen und gesellschaftlichen Druck viel Neues geschaffen – und stagnierte dann irgendwann. Ich meine, dass seit gut 10, 15 Jahren zu wenig Neues, Frisches und Mutiges passiert. Ich würde gerne die rhetorische Frage an die Wiler Politik zurückgeben: Reicht ihr die kulturelle städtische Entwicklung im Vergleich mit vergleichbaren Orten wie etwa Baden oder Aarau? Orte, mit denen Wil in einer direkten Standortkonkurrenz für Neuzuzüger und Pendler aus dem Ballungsraum Zürich steht? Der Winterthurer Wohnungsmarkt ist bald gesättigt, also dürften bald noch mehr Neuzuzüger kommen. Was hat die Region Wil denen zu bieten, neben dem günstigen Bodenpreis im Grünen und dem Auto- und Eisenbahnanschluss?

Kultur lebt auch von Freiwilligenarbeit. Ist die Bevölkerung noch bereit, sich zu engagieren?

Kühn: Gewisse Private ja. In der vage umrissenen «Bevölkerung» sehe ich aber ein abnehmendes Gestaltungsinteresse, was das kulturelle Leben anbelangt. Man hat sich ins Private zurückgezogen oder geht in aufregendere Kulturregionen. Womit langfristig auch eine gewisse «Verslumung» unserer Dorfbilder einhergeht.

Wie meinen Sie das?

Kühn: Schauen Sie unsere Dörfer an. Die historisch gewachsenen Kerne verlieren zunehmend an Identität, «vergammeln» teilweise. An den Dorfrändern entstehen beliebige Wohnsiedlungen, die mit dem Kern wenig zu tun haben. Das hat auch mit einem gewissen Desinteresse der Bevölkerung mit der Historie ihrer Gemeinden zu tun.

Was kann die Politik noch für die Kultur tun, wenn sich die Bevölkerung nicht mehr dafür engagieren will?

Kühn: Es fehlt an politischen Persönlichkeiten, die sich hinstellen und klar aussprechen: «Liebe Leute, tun wir mehr für die kulturelle Entwicklung in unserer Gemeinde.» Auch im Sinne einer gemeinsamen lokalen Identität. Ich bin überzeugt, das zeigt nachhaltig eine Wirkung. Einer Stadt wie Gossau merkt man beispielsweise an, dass solche Fragen diskutiert werden.

Gemeinden der Kantone Thurgau und St. Gallen spannten in Sachen Kulturförderung vor vier Jahren zusammen, indem sie Thurkultur gründeten. Wie beurteilen Sie die Arbeit dieses Vereins?

Kühn: Ich finde es wichtig und sinnvoll, dass es mit Thurkultur eine kantonsübergreifende Förderstelle gibt. Ich nehme deren Tätigkeit vorwiegend im Bereich Organisieren und Verteilen von Geld wahr. Bezüglich struktureller, strategischer und inhaltlicher Planung passiert aber meines Erachtens zu wenig.

Ist das Aufgabe von Thurkultur?

Kühn: Wenn nicht von Thurkultur, von wem dann?

Die Mitgliedergemeinden von Thurkultur geben einen Franken pro Einwohner zur Förderung der Kultur. Sollte dieser Betrag erhöht werden?

Kühn: Wenn sich Thurkultur mehr strukturell und planerisch einbringt, unbedingt. Wenn es beim Status quo bleibt: Geld organisieren und verteilen – dann dürfte das ein Wunsch bleiben. Ich spüre – für mich nachvollziehbar – eine gewisse Zurückhaltung auf politischer Seite. Warum mehr bezahlen, wenn der Mehrwert nicht ersichtlich ist?

Könnte man die Prinzipien der freien Marktwirtschaft nicht auch auf die Kultur anwenden – nach dem Motto: «Was Abnehmer (Zuhörer, Zuschauer) findet, überlebt, was nicht, geht ein»?

Kühn: Das könnte man natürlich. Dann haben wir ganz viel kommerzielle Veranstaltungen, die aber mit unserer eigenen Kultur reichlich wenig zu tun haben.

Die Stadt Wil hat eine Kulturbeauftragte. Begrüssen Sie, dass diese Stelle geschaffen wurde?

Kühn: Wenn sie ihre Arbeit mutig anpackt – ja. Ich spüre aber – ähnlich wie bei Thurkultur – zu wenig langfristigen, strategischen und inhaltlichen Gestaltungswillen.

In Wil gibt es nun auch eine Interessengemeinschaft Kultur. Diese möchte, dass aus der Liegenschaft «Turm», wo jetzt noch der Sicherheitsverbund Region Wil einquartiert ist, ein Kulturzentrum wird. Was halten Sie von dieser Idee?

Kühn: Ich kenne mich zu wenig aus mit diesem Thema, glaube aber, dass die Diskussion von Fragen im obigen Sinne dringlicher ist. Was soll da konkret Neues passieren, welches sind die Inhalte?

Gibt es Ihrer Meinung nach so etwas wie Kultur-Flucht: Dass das Publikum lieber in die grossen Städte wie Zürich und St. Gallen fährt, um dort Kultur zu konsumieren?

Kühn: Ja. Und und auch nach Konstanz mit seinem preiswerten Angebot.

Gibt es ein kulturelles Ereignis in der Region, das als Leuchtturm herausragt?

Kühn: Ich finde die Leuchtturm-Debatte müssig und unklug. Was über die Region hinaus wahrgenommen wird, sind sicher die Operette Sirnach und das Musiktheater Wil. Wobei mir nicht ganz klar ist, warum sich die beiden nicht zusammentun und gemeinsam eine noch viel grössere Strahlkraft erreichen. Einmal in Sirnach spielen, das nächste Mal in Wil.

Sie machen nun seit 20 Jahren Theater. Konnten Sie immer davon leben?

Kühn: Mit allen Tätigkeiten, die auch noch im entferntesten mit Theater zu tun haben – ja.