Lebensmittel verteilen statt wegwerfen

Die eingerichtete Kaffee-Ecke im Wiler Othmarsheim erinnert ein wenig an einen Bahnhofwartesaal aus vergangenen Tagen. Doch hierhin kommt man nicht, um zu verreisen. Im hohen Raum mit dem schwarz-weissen Boden treffen sich Menschen aus einer Grauzone der Gesellschaft.

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Die eingerichtete Kaffee-Ecke im Wiler Othmarsheim erinnert ein wenig an einen Bahnhofwartesaal aus vergangenen Tagen. Doch hierhin kommt man nicht, um zu verreisen. Im hohen Raum mit dem schwarz-weissen Boden treffen sich Menschen aus einer Grauzone der Gesellschaft. Leute mit bescheidenen finanziellen Mitteln, die unter oder knapp über der Armutsgrenze leben. Innert kürzester Zeit sind alle Plätze auf dem Sofa und den Stühlen mit Frauen, Männern und Kindern besetzt. Gespräche entstehen, man kennt sich. Es gibt Kaffee, Tee, Sirup und Kuchen. «Die frischen Kuchen backen jeweils Leute aus meiner Nachbarschaft», sagt der Wilener Ernst Mäder, der jeden Donnerstag hier ist. Er ist der Leiter des Projekts «Poschtitäsche», einer Lebensmittelabgabestelle für Bedürftige. Seit der Idee zu diesem Projekt ist Mäder massgeblich daran beteiligt.

Essen für Armutsbetroffene

Ein vom Sozialamt ausgestellter Caritas-Ausweis berechtigt jeden Donnerstag um 17 Uhr zum Bezug von Lebensmitteln im Othmarsheim. Dafür wird ein symbolischer Franken erhoben. Die Eintreffenden kennen die Regeln. Unaufgefordert geben sie ihren Caritas-Ausweis an Ernst Mäder ab. Darauf ist vermerkt, für wie viele Personen sie in ihrem Haushalt Lebensmittel benötigen.

Pünktlich um 17 Uhr beginnt Mäder mit der Auslosung der Reihenfolge, mit der sich die Leute an die Tische begeben können, auf denen die Lebensmittel bereitstehen. Fünf Freiwillige der evangelischen Kirchgemeinde waren zuvor daran, die Waren stilvoll auf den Tischen bereitzustellen. Brot, Salat, Gemüse, Früchte, Milchprodukte und Süsswaren fanden am letzten Donnerstag den Weg zur «Poschtitäsche». Auch Mohrenköpfe und Cola sind eingetroffen. «Das findet reissenden Absatz», weiss Mäder schon vor dem Eintreffen der Leute.

Um die Mittagszeit liefert das Projekt «Schweizer Tafel» überschüssige, aber noch einwandfreie Lebensmittel an. Diese holt sie bei Grossverteilern, Produzenten und Detaillisten gratis ab. Lebensmittel an armutsbetroffene Menschen verteilen, statt wegwerfen, lautet die Devise.

Dankbarkeit als Lohn

Die «Poschtitäsche» ist kein Selbstbedienungsladen. In der ausgelosten Reihenfolge gehen die Leute an die Tische und werden dort von den freiwilligen Helfern bedient. Wünsche können geäussert werden, aber nicht ausnahmslos. Denn die Lebensmittel müssen am Ende für alle reichen. «Nein zu sagen tut weh», sagt Debora Gamper, die sich wie Mäder seit Beginn des Projekts im April 2010 dafür engagiert. Es lässt sich aber teilweise nicht vermeiden. Die «Kunden» bringen dafür auch Verständnis auf. «Für die Leute ist unser Angebot nicht selbstverständlich», sagt der 65jährige Ernst Mäder. Die grosse Dankbarkeit und das Kennenlernen anderer Kulturen und Lebensstilen ist seine Motivation und Lohn gleichzeitig.

Bis 18 Uhr sind die Tische leer. Alle Lebensmittel sind verteilt. An diesem Donnerstag verzeichnet die «Poschtitäsche» 33 Besuchende. Insgesamt 112 Personen sind damit mit Essen versorgt worden. Seit der Lancierung dieses Projekts, das von der evangelischen Kirchgemeinde initiiert wurde, sind in den vergangenen neun Monaten über 4000 Personen mit Nahrungsmittel versorgt worden.

Die Kaffee-Ecke leert sich im Othmarsheim. Es geht für die Freiwilligen ans Aufräumen. Die «Poschtitäsche» hat am nächsten Donnerstag wieder geöffnet.

Silvan Meile