LAUFSPORT: WM-Final bleibt das Saisonziel

Die Toggenburgerin Selina Büchel aus Wil bereitet sich auf die WM von Anfang August in London vor. Zeiten unter zwei Minuten werden von der Hallen-Doppeleuropameisterin inzwischen fast erwartet.

Urs Huwyler
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Die Nummer eins der Schweizer Leichtathletikszene, Selina Büchel, wurde im März in Wil nach ihrer Titel­verteidigung als Europameisterin 800 Meter mit einer Welle empfangen. (Bild: PD)

Die Nummer eins der Schweizer Leichtathletikszene, Selina Büchel, wurde im März in Wil nach ihrer Titel­verteidigung als Europameisterin 800 Meter mit einer Welle empfangen. (Bild: PD)

Urs Huwyler

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Am 9. Juni 2015 lautete die Schlagzeile nach Selina Büchels Sieg in Montreuil, Frankreich, quer durch die Medienlandschaft, die Hallen-Europameisterin sei über 800 m erneut an der Zwei-Minuten-Marke gescheitert. Ihre persönliche Bestzeit blieb 2:00,14. Zu lesen und zu hören war auch, es dürfe nur eine Frage der Zeit sein, bis sie unter zwei Minuten laufe.

25 Tage später mischte die damals 23-jährige «Mittelstrecklerin» aus Wil bei ihrem ersten Diamond-League-Meeting in Paris vor 45000 Zuschauern die Weltelite auf. In 1:57,95 stürmte Selina Büchel in einer Königsdisziplin der Weltsportart auf Rang drei, verbesserte den Schweizer Rekord aus dem Jahre 1987 um rund eine Sekunde und vollzog den erwarteten Karrieresprung. Am 21. Juli 2015 hiess es in den News, die Läuferin des KTV Bütschwil sei in Bellinzona zum dritten Mal (1:59,23) unter zwei Minuten geblieben.

Rückblickend spricht Selina Büchel von einem erfolgreichen Jahr 2015. In Erinnerung geblieben sind den Zuschauern vor allem ihre Qualitäten auf der Zielgeraden. Sie erklärte schon damals, gefragt seien nicht Sprinterfähigkeiten, sondern es gehe darum, das Tempo auf den letzten 100 Metern durchziehen zu können. Etwas, fügt sie selbstkritisch an, das ihr 2016 in der Olympiasaison, nach einem schwachen Frühjahr, phasenweise gefehlt habe.

Leichtathletikstadion mit Fachpublikum

Zwei Jahre nach der Kür in Paris sind die Zwei-Minuten-Diskussionen ebenso verstummt wie das kollektive Erstaunen, dass jemand vom Land mit dem Vereinstrainer-Ehepaar Marlis und Urs Göldi, der parallel laufenden beruflichen Ausbildung und ohne 400-m-Bahn vor der Haustüre den Weg an die Weltspitze schafft. Freude, Wille, Ehrgeiz und Leidenschaft statt Infrastruktur.

Dass ein sanfter Aufbau zum Erfolg führen kann, zeigte sich zuletzt bei den verschiedenen Diamond-Meetings. In Eugene (USA) beispielsweise lief Selina Büchel in 1:59,46 gegen die nahezu komplett vertretene Weltelite auf Rang fünf, am vergangenen Wochenende in Stockholm schaffte sie es sogar auf Rang 3. «Die Wettkämpfe in Eugene fanden in einem speziellen Leichtathletikstadion mit einem Fachpublikum besetzt statt. Es war eines der stimmungsvollsten Meetings, die ich bisher erlebt habe. So was gibt es in Europa nicht», schwärmt die Olympia- und WM-Neunte.

Wird Selina Büchel auf ihre verschiedenen Diamond-League-Einsätze und das US-Rennen angesprochen, dann nicht nur wegen der eigenen Leistung, sondern weil die Konkurrentinnen zu reden geben. Meistens stehen Caster Semenya (RSA), Margaret Wambui (KEN) und Francine Niyonsabia (BDI) auf dem Podest. Sie werden mehr oder weniger als «intersexuell» (siehe Infobox) betitelt. Selina Büchel hält trotz verminderter eigener Medaillenchancen fest: «Es sind Frauen, also dürfen sie laufen.» Die Diskussionen um Ausschlüsse und Startverbote sieht sie deshalb differenzierter. «Eine korrekte Lösung zu finden ist schwierig. Sie gelten medizinisch als Frauen, fühlen sich nach eigenen Aussagen auch so. Wieso sollten sie also nicht starten dürfen?» Sportlich hätten die drei Läuferinnen für einen Leistungsschub über 800 m gesorgt. Künftig müsse die Situation der Athletinnen nach Ansicht des Micarna-Team-Mitgliedes beurteilt werden, bevor sie in der Weltspitze auftauchen. Für die drei Betroffenen ist die teilweise ablehnende Haltung auf jeden Fall besonders schwierig. An der WM 2009 in Berlin gewann Caster Semenya den Titel. Es gab kaum Applaus, ihre tiefe Stimme, die ausgeprägten Muskeln und die «männlichen» Gesichtszüge waren das Thema. In London, vom 5. bis 13. August, dürfte es kaum anders sein.

«Ich hoffe, mich weiter steigern zu können»

«Mein Ziel bleibt unabhängig davon die Finalteilnahme. Die Form stimmt, ich habe mich seit 2015 entwickelt und ich hoffe, mich an wichtigen Wettkämpfen weiter steigern zu können.» Mit ihrer persönlichen Bestzeit (1:57,95) und den international gezeigten Leistungen gehört sie zu jenen Athletinnen, die von den Veranstaltern auf der Wunschliste stehen. Auch dies hat sich innerhalb der letzten beiden Jahre geändert.