Lachen über Selbstironie

Mit seinem sechsten Programm hat das «Cabaret Spätlese» einmal mehr den Spiegel vorgehalten. Dabei wurden die Klippen des Älterwerdens, Vorurteile der Gesellschaft sowie Forderungen und Ängste der Angehörigen aufgezeigt.

Christine Gregorin
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Die Pflegeheim-Guerilla in Aktion: Liz Walser, Peter Hoffmann und Max Specht (von links).

Die Pflegeheim-Guerilla in Aktion: Liz Walser, Peter Hoffmann und Max Specht (von links).

FLAWIL. «D'Hauptsach isch, me hätts probiert», sangen die fünf Protagonisten zum Auftakt voller Überzeugung. Darin brachten Cornelia Buder, Helga S. Giger, Liz Walser, Peter Hoffmann und Max Specht mit Situationskomik aus dem Rentneralltag zum Lachen. Zuvor wusste der für die Technik verantwortliche Hannes Specht anlässlich seiner Begrüssung fast nichts zu sagen. Ausser vielleicht, dass doch bitte sämtliche Handys aus- und die Hörgeräte eingeschaltet werden sollten. Obendrein gebe es noch eine oder zwei Neuerungen: Das Wechseln der Kostüme dauere zunehmend länger, da die Hauptdarsteller ja wieder ein Jahr zugelegt haben. Aus diesem Grund sei Akkordeonist Ernesto Waespe als virtuoser «Umziehpausenüberbrücker» verpflichtet worden. Der ausserordentlich grossen Nachfrage wurde kurzerhand mit einer zusätzlichen Vorstellung abgeholfen. Somit werde mit insgesamt fünf Mal über hundert Besuchenden gar der Publikumsandrang einer durchschnittlichen Bürgerversammlung übertroffen, schloss Hannes Specht jovial.

Selbstironie lässt grüssen

Einerlei ob Generationenvertrag, sexistisch obszöne Fotos für den erotischen Seniorenkalender, Kompi-Rap, nationales Gesundheitssystem im Jahr 2030, Billett-Automat, Gedanken zum «zoberschtobe» gelegenen Familiengrab, Demonstrations-Pro oder -Contra, verschmitzte Schmunzler, herzhafte Lacher und tränende Augen waren im Publikum stete Begleiterscheinungen.

Hauptsache günstig, biologisch abbaubar oder doch distinguiert, erörterten in der Folge drei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die Art und Weise, wie ihre Mutter zu Grabe getragen werden soll – dereinst. Die Oma- und Opafalle ihrerseits beleuchtete mit einer gehörigen Portion Selbstironie die Tatsache, dass Grosseltern ihr eigenes Wohl liebend gerne zugunsten ihrer Enkel oder Kinder hintenanstellen. Neben Kinderhütedienst kommen hierbei vielfach kleinere Hausaufgaben dazu. Zum Beispiel Rasenmähen, Einkaufen oder Ähnliches. Und eine vermeintlich grosszügige Einladung geht bisweilen mit der Aufforderung, doch bitte den Werkzeugkasten mitzubringen, einher.

Doch die jüngeren Generationen haben nicht nur Forderungen, nein, sie haben auch Ängste. Die herrlich überspitzte Darstellung eines avantgardistisch anmutenden Sicherheits- und Kontrollkonzepts im Altersheim erinnerte an George Orwells «Big Brother». Nur gut, dass das mobile Global Positioning System (GPS) abnehmbar und somit im Kehrichtwagen auf Reisen geschickt werden konnte.

Fahrer mit Hut ist immer gut

Ein besonderes Glanzlicht vermochte ferner jener Achtzigjährige zu setzen, der von seiner Frau für einen unverbindlichen Autofahrtest angemeldet wurde. Während der Probefahrt durchlebt der Experte tausend Tode, obwohl der betagte Automobilist gemäss eigener Aussage seit bald 55 Jahren sozusagen unfallfrei geblieben ist. Erschwerend wirke indes das permanente Dreinreden der Ehefrau, die darüber hinaus auch ständig «lechts» und «rinks» verwechsle. Zur Vorsicht mahnende Worte des Experten wurden postwendend mit diversen Schillerzitaten aus «Wilhelm Tell» quittiert, gelegentlich mussten aber auch Goethe oder die Autopartei herhalten.

Die Rache der Silberlöwen bildete einen weiteren Höhepunkt: Drei demente Rebellen wollten als Antwort auf den Terror im Pflegeheim dessen Leiterin um die Ecke bringen. Mittels einer in der Ergotherapie aus Plastilin geformten Knarre sollte der Einäugige, der nichtsdestotrotz ab und zu ein Auge zudrückt, eine Bombe in deren Büro plazieren. Partielle mentale Abwesenheit sowie Unstimmigkeiten beim Uhrenvergleich machten den Versuch letztlich aber zunichte.

Cornelia Buder rüstet Max Specht im Altersheim für den Freigang. (Bilder: cg.)

Cornelia Buder rüstet Max Specht im Altersheim für den Freigang. (Bilder: cg.)