Labor-Partei und Schweizerkreuz

BAZENHEID. Peter Betschart wanderte vor 26 Jahren nach Australien aus. Der 47-Jährige ist Buchhalter der Labor-Partei und muss vor Wahlen, wie am vergangenen Samstag, Flyer verteilen und den Australiern ihr kompliziertes Wahlprozedere erklären.

Elio Stamm
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Der gebürtige Bazenheider vor seinem Büro in Brisbane, Hauptstadt des Bundesstaats Queensland.

Der gebürtige Bazenheider vor seinem Büro in Brisbane, Hauptstadt des Bundesstaats Queensland.

BAZENHEID. Samstag, 7. September, 16 Uhr. Noch zwei Stunden, dann schliessen die australischen Wahllokale. An der «Polling Station» an der George Street 80, mitten in den Hochhäuserschluchten von Brisbane, der zweitgrössten Stadt der australischen Ostküste, stehen zehn freundlich lächelnde Menschen. Sie verteilen den Bürgern Flyer mit Wahlempfehlungen. Neben all den T-Shirt-Trägern in Rot, Blau und Grün sticht ein Herr besonders ins Auge. Er trägt ein schlichtes schwarzes Hemd und eine Kappe mit Schweizerkreuz. Sein Name: Peter Betschart. Seine Herkunft: Bazenheid.

Betschart, gross und kräftig gebaut, steht ruhig im Gedränge der Wähler und versucht, den Flyer mit Premierminister Kevin Rudd unter die Leute zu bringen. Rudd gehört zur Labor-Partei, den Sozialdemokraten. Betschart auch. Der Bazenheider arbeitet als Buchhalter für den Parteiableger im Bundesstaat Queensland. Der zweitgrösste australische Bundesstaat ist fünfmal grösser als Deutschland, hat aber «nur» 4 Mio. Einwohner. Betschart ist nicht Parteimitglied, aber im fünfwöchigen Wahlkampf braucht sein Arbeitgeber jeden Mann.

Frau gefunden und geblieben

«Zu Beginn war das Werben für die Partei schon etwas komisch», sagt der 47-Jährige. «Ich bin grundsätzlich eher ein apolitischer Mensch.» In der Schweiz sei er früher nie wählen gegangen. Als er seinen Job als Buchhalter für die Labor-Partei 2001 aufnahm, waren die Wahlen ins Parlament von Queensland gerade durch, jene auf Bundesebene – in Australien «federal level» genannt – standen aber kurz bevor. Ohne Briefing wurde Betschart in den Wahlkampf geschickt, quasi ins kalte Wasser geworfen. War Projektionsfläche für die Gefühle der Menschen gegenüber der Partei.

Während der ersten Strasseneinsätze kam dem Bazenheider sein gutes Englisch zu Gute. Ausgewandert ist er nämlich schon 1997. Auf einer seiner vielen Reisen nach Australien – zwischen 1989 und 1996 arbeitete er jeweils für sechs Monate in der Schweiz und bereiste den Rest des Jahres die Welt – lernte er seine Frau Joanne kennen. Joanne lebte in Melbourne, getroffen haben sich die beiden aber in Surfers Paradise, einer Stadt südlich von Brisbane. Betschart wohnte bei einem Kollegen. Der kannte Joanne und lud sie an eine Party ein. Der Rest ist Liebe.

Ein paar Wochen später reiste Peter Betschart zurück in die Schweiz. Aber nur kurz. Nicht einmal einen Monat später zog das Paar in Surfers Paradise zusammen. Sie beantragten ein Partnervisum, das in Australien auch Nichtverheiratete erhalten. Der ausgebildete Buchhalter nahm einen Job als Koch im Sea World Surfers Paradise an. Er hatte in der Schweiz einst eine Kochlehre abgebrochen. Und servierte «Fish and Chips», bis er 2001 «genug von Pommes» hatte und bei Labor anheuerte.

Einzelgänger gibt Nachhilfe

Das australische Wahlsystem ist kompliziert. Die Wähler geben nicht nur eine Stimme ab, sondern numerieren sämtliche Kandidaten in ihrem Wahlkreis nach ihrer Präferenz durch. Während es beim Wahlzettel für die Senatskandidaten reicht, nur einer Partei die Stimme zu geben, müssen auf dem Zettel für das Repräsentantenhaus alle Kandidaten manuell durchnummeriert werden. In Brisbane sind das deren acht. Wer das nicht vollständig macht, dessen Stimme ist eine der vielen ungültigen. Auf den Flyern, die Peter Betschart am Samstag vor dem Wahllokal verteilt, sehen die Labor-Wähler, wie die Partei die Präferenzen verteilt sehen will. Den Kandidaten der Liberalen, der grössten Oppositionspartei, sollen die Labor-Wähler auf die Acht setzen.

Die Stimmung bei Betschart und seinen Labor-Freunden ist allerdings getrübt. Umfragen und Medien sind sich einig, dass Labor nach sechs Jahren an der Macht abgewählt wird. Betschart hat einen schweren Stand. Die Meinungen sind gemacht. Labor hat das Land zwar sicher durch die Wirtschaftskrise geführt, aber eine tiefe Führungskrise durchlebt. 2007 bis 2010 war Kevin Rudd Premier, ehe die Partei ihn durch Julia Gillard ersetzte, nur um ihn vor zwei Monaten wieder zu reinstallieren. Mehr als einmal muss sich Betschart anhören: «Nach diesem Chaos wähle ich Euch sicher nicht mehr.»

Betschart spricht mit ruhiger, eher leiser Stimme. Und so ist er auch im Charakter. Ein Einzelgänger, wie er sagt. Er fühlt sich nicht wohl, im Zentrum zu stehen. Einen Ausgleich zu den hektischen Monaten vor den Wahlen findet der Bazenheider in der Fotografie. Seine Frau Joanne organisiert Modeshows. Models zeigen die neusten Angebote lokaler Boutiquen, und Betschart schiesst die passenden Bilder.

Auf Besuch in der Heimat

Seine Freunde sind allesamt Australier. Zu Schweizern – insgesamt leben über 20 000 im Land – hat Betschart kaum Kontakt. Und auch in der Heimat war er seit seiner Auswanderung lange nicht, ehe er 2011 mit seiner Frau aus persönlichen Gründen für einige Monate in die Schweiz zog, nach Horgen am Zürichsee. In dieser Zeit haben sie auch Bazenheid einen Besuch abgestattet. Betschart wuchs hier auf, bei seinem Vater, einem Prokuristen, der von der Mutter geschieden lebte. Noch vor seinem 20. Lebensjahr zog er aber nach Zürich. Da der Vater 1977 starb, hat Betschart auch keinen Kontakt mehr zum Ort seiner Kindheit. Er zeigte Joanne die Mühlaustrasse und staunte, wie sich das Ortsbild verändert hat. Hinter seinem Elternhaus steht heute eine grosse Fabrik. Anfang 2012 kehrten die Betscharts zurück nach Australien.

Die Schweiz ist Betschart, mittlerweile Doppelbürger, nach all den Jahren kleinräumig vorgekommen. Geographisch, aber teils auch mental. «Es gibt hier immer noch viele Bünzlis», schmunzelt er. Alles sei reglementierter als Down Under. Betschart muss an einen Gemeindepolizisten denken, der ihm mit Blick auf das Nummernschild seines Mietwagens sagte: «Auch als Appenzeller müssen Sie sich in Horgen an die Verkehrsregeln halten.» In Australien dagegen müsse man nicht einmal bei Bewerbungen alle Zeugnisse der Vergangenheit zeigen. «Sie geben dir einfach mal eine Chance für zwei Wochen und schauen dann weiter.» Das gefällt ihm an der australischen Mentalität. Stolz auf seine Wurzeln sei er aber noch immer. Den Schweizer Hut habe er am Wahltag ganz bewusst getragen.

Katerstimmung

Betschart ist froh, dass der Wahlkampf vorbei ist. Es ist Dienstag. Labor und Kevin Rudd haben wie prognostiziert verloren. Tony Abbott und die konservative Opposition werden übernehmen. Es ist die zweite grosse Niederlage für Labor in Folge. 2012 ist die Partei bei den Wahlen in Queensland auf nur noch 7 von 89 Parlamentssitzen gefallen (2001 waren es noch 66). Die Menschen haben die Sozialdemokraten unter anderem für das schwere Hochwasser 2012 verantwortlich gemacht.

Betschart sitzt in der Parteizentrale in Brisbane, seinem Arbeitsplatz. Katerstimmung. An den Wänden hängen Porträts ehemaliger Parteigrössen, aber auch die Streithähne Gillard und Rudd. Während des Wahlkampfs haben 15 Leute hier gewirkt, die Politiker sind ein und aus gegangen. Auch der scheidende Premierminister Kevin Rudd war einmal hier.

Nun aber ist es still, fast alle sind in die Ferien «geflüchtet». Nur Peter Betschart und drei weitere Unentwegte sind noch hier. Betschart muss in den kommenden Tagen all die Rechnungen zahlen, die sich im Verlauf des Wahlkampfs angesammelt haben. Für Flyer, Plakate, Stände. Er nimmt es mit stoischer Ruhe. Im Oktober hat auch er Ferien. Und dann sind erst mal lange keine Wahlen mehr. Dann ist es wieder mehr «laid back» und «easy going» – wieder typisch australisch halt.

Peter Betschart zeigt die Flyer, die er am Wochenende verteilt hat. Im Hintergrund Parteigrössen (rechts: Julia Gillard, die zwischen den zwei Amtszeiten von Rudd Premier war). (Bilder: Elio Stamm)

Peter Betschart zeigt die Flyer, die er am Wochenende verteilt hat. Im Hintergrund Parteigrössen (rechts: Julia Gillard, die zwischen den zwei Amtszeiten von Rudd Premier war). (Bilder: Elio Stamm)