KV-Lehre wird entstaubt: BZWU begrüsst die ersten Lehrlinge des KV4.0

Braucht es das KV noch? – Ja, aber anders! Das regionale Berufs- und Weiterbildungszentrum Wil-Uzwil (BZWU) sagt dem verstaubten Image der KV-Lehre den Kampf an.

Natascha Gmür
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Urs Thoma übergibt den Lernenden mit einer Ellbogen-Berührung eine silberne Trinkflasche.

Urs Thoma übergibt den Lernenden mit einer Ellbogen-Berührung eine silberne Trinkflasche.

Natascha Gmür

In der Dienstleistungsbranche findet momentan ein intensiver Strukturwandel statt. Bewährte Kompetenzen und Tätigkeiten werden abgelöst, Stellenbeschriebe müssen neu formuliert werden. Andererseits entstehen durch Geschäftsmodelle wie Online-Handel oder Sharing Economies neue, andersartige Aufgabenbereiche.

Das BZWU hat in enger Zusammenarbeit mit regionalen Ausbildungsbetrieben verschiedener Branchen in der Projektgruppe das Ausbildungsmodell KV4.0 entwickelt. Dieses Modell soll den künftigen Ansprüchen auf dem Arbeitsmarkt umfassend Rechnung tragen.

Zweieinhalb Jahre entwickelt, nun geht es los

Am Montag um 9 Uhr morgens wurden die ersten Teilnehmenden des KV4.0 am BZWU begrüsst. Sie haben das zweite Lehrjahr erfolgreich hinter sich gelassen und starten nun in das dritte, neue, sogenannte Praxisjahr.

«Heute ist ein Freudentag», sagt Urs Thoma, Geschäftsführer des KV4.0 und Prorektor des BZWU. Nicht nur wegen des schönen Wetters, sondern vielmehr weil nach zweieinhalb Jahren Entwicklungszeit endlich die ersten Lernenden in das KV4.0 starten.

Schluss mit dem verstaubtem Image

Die teilnehmenden Lernenden entschieden sich dazu, die Lehre zu unterbrechen um in ein zusätzliches Jahr zu starten. Sie erhalten unter anderem die Möglichkeit, internationale Erfahrungen zu sammeln, die Fremdsprachenkompetenz zu erhöhen, praxisbezogene Aufgabenstellungen aus der Wirtschaft zu lösen und andere Berufsumfelder kennen zu lernen.

Ebenfalls seien die vier Kompetenzen der Zukunft ausschlaggebend, die da wären: Kritisches Denken, Kommunikation, Kollaboration und Kreativität. Diese Werte sollen nach dem Jahr verinnerlicht sein und in Zukunft im weiteren Berufsalltag ausgelebt werden. Ausserdem soll die Zukunftsfähigkeit von einem der wichtigsten Lehrberufe in der Schweiz sichergestellt werden, schliesst Urs Thoma ab.

Lernortübergreifende Zusammenarbeit

Neun Lernende von unterschiedlichen Lehrbetrieben starten ins KV4.0. Die Lehrbetriebe sind Bühler AG, Gemeindeverwaltung Flawil und Oberuzwil, Raiffeisenbank Region Uzwil, Verein Polybau, Siemens Schweiz AG und die Gemeinde Jonschwil.

«In meiner Ära als Schulleiter ist das die spannendste lernortübergreifende Zusammenarbeit, die ich je erlebt habe.»

Früher redete man mit Lehrbetrieben, wenn es Sorgen um die Lernenden oder ihre schulischen Leistungen gab. Jetzt konnte gemeinsam ein Projekt entworfen werden, was eine riesengrosse Erkenntnis war. Die Idee zum KV4.0 sei tatsächlich im Herbst 2016 eine «Bieridee» bei der Einweihung einer Räumlichkeit in Uzwil gewesen.

Die KV-Lehre sei verstaubt, in den Medien nicht sonderlich gut dargestellt und die Lehrbetriebe hätten Mühe, KV-Lernende zu rekrutieren, waren sich die Initianten einig. So bestimmte man eine Zeit und einen Ort, um sich darüber auszutauschen, wie die Lehre spannender und attraktiver werden sollte.

Verein zählt bereits 23 Mitglieder

Die Initialzündung zum KV4.0 kam von den Gründungspartnern: BZWU, Raiffeisenbank Region Uzwil, St.Galler Kantonalbank, Raiffeisenbank Wil und Umgebung, Bühler Group, Gemeinde Uzwil und vom Amt für Berufsbildung des Kanton St.Gallen. Bei der Vereinsgründung waren es sieben Mitglieder, wobei der Verein mittlerweile 23 Mitglieder zählt.

Das Konzept des KV4.0 sieht wie folgt aus: Nach dem zweiten Lehrjahr folgt der Unterbruch des Lehrvertrages. Gleichzeitig wird ein einjähriger Praktikumsvertrag geschlossen, für das KV4.0-Praxisjahr. Währen des Praxisjahrs gibt es für die Lernenden im Ausbildungsbetrieb keinen Einsatz. Urs Thoma meint:

«Es ist, wie wenn ein Architekt, der viel Zeit und Energie in die Planung und Skizzen investiert hat, das erste Mal die Baustelle betritt.»

Urs Heuberger, Bereichsleiter für Weiterbildung am BZWU, ist während des Jahres der Coach der Lernenden. Mit Onboardings werden die Lernenden auf den Seitenwechsel, das Praxisprojekt, sowie den Auslandeinsatz vorbereitet. Dazu gehören unter anderem Auftrittskompetenz, digitale Kompetenz und Kommunikation.

Auch technisch und digital sollen die Lernenden auf den neusten Stand gebracht werden. Die digitale Kompetenz halten die Lernenden während des gesamten Jahres fest. Die Lernenden filmen, schneiden Videos, schreiben Texte und veröffentlichen die Ergebnisse auf der Webseite des KV4.0. Das KV soll attraktiver werden und die Lernenden sollen nicht ein Bild vom verstaubten Image und einer Ausbildung, welche sehr schulgesteuert ist, mitnehmen. Sie sollen ihre Scheuklappen ablegen, offener und kommunikativer werden.

18 Wochen Aufenthalt in England

Das KV4.0 besteht aus drei Hauptblöcken. Der erste ist der sogenannten Seitenwechsel, welcher den Lernenden während zehn Wochen die Möglichkeit gibt, eine andere Branche oder sogar einen anderen Lehrberuf kennen zu lernen. Das Ziel ist es, andere Branchen und deren Unternehmenskultur kennen zu lernen und eigene Fachkenntnisse mit einzubringen.

Darauf folgt das Praxisprojekt. Während elf Wochen wird ein konkreter Praxisauftrag inklusive Präsentation bearbeitet. Der letzte Block ist der Auslandeinsatz, bei welchem die Lernenden während 18 Wochen ein Praktikum im kaufmännischen Bereich absolvieren, sowie eine Sprachschule besuchen.

Einblicke in ganz andere Berufe

Nach dem Jahr beenden die KV4.0 - Lernenden zusammen mit Lernenden, welche regulär ins dritte Lehrjahr starten, die vierjährige Ausbildung. Während des Seitenwechsels schauen die neun Lernenden Beispiel in den Beruf der Zimmerfrau, Elektrikerin oder Koch bis hin zur Floristin. Urs Thoma spricht den Lernenden ein Kompliment aus, denn er findet toll, dass die sie ihre Chance gepackt haben und mehrheitlich ihre Zeit in einer völlig anderen Branche verbringen werden.

Ihren Auslandeinsatz werden die lernenden in Bournemouth, England, absolvieren. Falls alle Stricke aufgrund von Covid-19 reissen sollten, werden die Lernenden ihren Einsatz beispielsweise im Welschen absolvieren.

Überzeugt vom KV4.0 hat die Lernenden, dass sie im Ausland ihr Englisch aufbessern können und die Chance erhalten, einen anderen Beruf fernab vom Büroalltag kennen zu lernen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien die besten Kritiker und werden fortlaufend Feedback und Inputs geben, sagt Urs Thoma. Trinkflasche und Ellbogen-Berührung «Geniesst das Jahr, aber profitiert auch davon», fordert Urs Thoma die neun Lernenden zum Abschluss auf.

Mit einem symbolischen Akt möchte Urs Thoma die Lernenden im Praxisjahr des KV4.0 willkommen heissen. Er übergibt eine Trinkflasche mit dem Logo des KV4.0 in Silber. Die Flasche ist massiv und bietet Schutz, erklärt er. Die Lernenden sollen sich daran laben können, müssen die Flasche aber selbst wieder füllen und somit schauen, dass der Inhalt gut ist.

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