KUNSTTURNEN: Willkommen zurück im Alltag

Giulia Steingruber, das prominenteste Mitglied des TZ Fürstenland, arbeitet nach ihrer Fussoperation seit drei Wochen in Magglingen am Comeback. Noch bestimmt die Physiotherapie den Tagesablauf.

Urs Huwyler
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Urs Huwyler

sport@wilerzeitung.ch

«Als Spitzensportlerin weiss ich genau, wie wichtig innere Stärke und der Glaube an sich selbst sind.» Dies schreibt Giulia Steingruber im Zusammenhang mit einem neuen Sponsor. Werbe­slogans haben inhaltlich oft wenig mit dem Botschafter zu tun. Doch im Falle der besten Schweizer Kunstturnerin aller Zeiten trifft er zu. Ohne innere Stärke und den Glauben an ihre Fähigkeiten hätte sie das letzte Jahr kaum überstanden. Erstaunlich, dass es ihr bei all den Verpflichtungen gelungen ist, die Leistungen zum richtigen Zeitpunkt abzurufen, das Drumherum auszublenden.

Schon vor den Olympischen Spielen waren die Anspannung und Erwartungshaltung riesig. Die Heim-EM in Bern verschärfte die Situation für das Aushängeschild des Schweizer Turnverbandes (STV) zusätzlich. Obwohl die Männer um Teamleader Pa­blo Brägger ebenfalls brillieren konnten – ohne «Giulia national» lief bei öffentlichen Auftritten gar nichts. Sie war das Gesicht der EM. Man(n) wollte mit ihr talken und Selfies knipsen, dank und wegen ihr engagierten sich Sponsoren für die Titelkämpfe.

Unzählige Termine wahrgenommen

Nach aussen lächelte sie, innerlich war es ihr schon lange nicht mehr ums Lachen. «Wer mich kennt, hat es erkannt», blickt sie zurück. Neben der Familie sorgte sich auch der inzwischen verabschiedete Trainer Zoltan Jordanov um seine Spitzenathletin. «Eine Olympiamedaille zu gewinnen ist zwar das grosse Ziel, aber der Erfolg zieht nach der intensiven Trainings- und Wettkampfphase unzählige Verpflichtungen und Termine nach sich», musste sie nicht erst bei der Heimkehr aus Brasilien erkennen. «Alle wollten etwas, glaubten, sie hätten das Recht dazu. Das belastet.»

Die Gefahr eines «Turn-Burn-outs» deutete sich an. «Ich stand manchmal ziemlich neben den Schuhen. Was sich auch aufs Privatleben auswirkte. Die Reise nach Australien war deshalb wichtig. Ich habe es genossen, den Tag ohne Verpflichtungen und Termine gestalten zu können», sagt sie und lacht so wohltuend befreit wie schon lange nicht mehr. Zuvor fielen entspannte Boxenstops selten aus. Beispielsweise beim lockeren Treffen mit ihrem Micarna-­Teamkollegen Stefan Küng. Sie habe es einfach genossen, für ­einen kurzen Moment wieder einmal nur sich selbst zu sein, sagte sie danach.

Operation ist erfolgreich verlaufen

Die Rückkehr aus Australien mit ihrer Freundin und ehemaligen TZ-Fürstenland-Turnkollegin Jennifer Rutz erfolgte nicht aus Heimweh. «Wir hätten es länger ausgehalten. Ich kann mir vorstellen, später für länger als sechs Wochen dorthin zu reisen.» Erst möchte sie jedoch in alter Stärke auf die Turnbühne zurückkehren. Spekulationen, sie könnte schon bald «Tschüss» sagen, weil sie während der Auszeit ein anderes Leben kennen gelernt habe und die Gesundheit vorgehe, kontert sie. «Ich arbeite klar auf das Comeback hin. Ich kann mir gut vorstellen, noch einige Zeit zu turnen.»

Dass die Fortsetzung der Karriere nicht auf Kosten der Gesundheit gehen darf, versteht sich. Die Operation am rechten Fuss ist erfolgreich verlaufen. Dies bestätigen alle involvierten Personen. Es wurden drei Knochensplitter entfernt, ein Aussenband fixiert und ein Knorpelschaden im Sprunggelenk behandelt.

Noch geht Giulia Steingruber an Krücken. Ihr Fernziel bleibt die WM im Oktober. «Seit drei Wochen bin ich in Magglingen und gewöhne mich an den Alltag. Täglich stehen zwei Stunden Physiotherapie mit Kraftaufbau auf dem Programm. «Momentan fühle ich mich wie im Trainingslager», erzählt sie. Den neuen, Nationaltrainer Fabien Martin hat sie unterdessen kennen gelernt. «Alles klar. Mir geht es gut. Ich bin bereit», fasst sie den Istzustand zusammen. Die innere Stärke und der Glaube an sich selbst werden ihr auf dem Weg zurück helfen.