«Kunst ist ein Lebenselixier»

Frank Nievergelt ist seit Beginn als Kurator bei der Wiler Kunsthalle dabei. In einem Gespräch erzählt er, nach welchen Kriterien jemand für eine Ausstellung in Wil ausgewählt wird und wie er mittelfristig die Leitung übergeben wird.

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Frank Nievergelt ist seit dem Beginn der Wiler Kunsthalle als Kurator engagiert. (Bild: sme.)

Frank Nievergelt ist seit dem Beginn der Wiler Kunsthalle als Kurator engagiert. (Bild: sme.)

Herr Nievergelt, Sie eröffneten 1991 die erste Einzelausstellung der Kunsthalle in Wil. Wie ist es dazu gekommen?

Frank Nievergelt: Die beiden Künstler Beni Salzmann und Max Zeintl gründeten mit engagierten Kunstfreunden den Verein Kunsthalle Wil, richteten in der ehemaligen Post Ausstellungsräume ein und suchten dann einen Kunsthistoriker für Texte, Vernissagereden und Führungen. Eher durch Zufall habe ich davon gehört, mich gemeldet und bin nun seit der zweiten Ausstellung, sprich der ersten Einzelausstellung, dabei.

Welchen Bezug hatten Sie damals zur Stadt Wil?

Nievergelt: Mein erster Besuch in Wil war anlässlich des Vorstellungsgesprächs in der Kunsthalle. Aufgewachsen bin ich in der Stadt Zürich. Aber ich wurde von Beginn weg ganz selbstverständlich in Wil akzeptiert, und im Laufe der Jahre entwickelte sich ein geradezu freundschaftliches Verhältnis zu den hiesigen Kulturinteressierten und zu den Behördenmitgliedern der Stadt. Ich fühle mich sehr wohl hier.

Zwanzig Jahre mit 102 Ausstellungen sind vergangen. Erinnern Sie sich an alle Künstlerinnen und Künstler, die in der Kunsthalle Wil in dieser Zeit ihre Werke vorgestellt haben?

Nievergelt: Eine Ausstellung bedeutet eine intensive Auseinandersetzung mit den Kunstschaffenden und deren Werk. Dennoch könnte ich aus dem Stegreif nicht alle Künstlerinnen und Künstler lückenlos aufzählen. Sehe ich die Namen aber auf unserer Ausstellungsliste, erinnere ich mich sogleich recht genau, was und wie sie ausgestellt haben.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Künstlerinnen und Künstler für Ausstellungen in der Kunsthalle Wil aus? Oder anders gefragt, welche Anforderungen muss jemand erfüllen, um in der Kunsthalle Wil ausstellen zu können?

Nievergelt: Professionalität und ein eigenständiger Umgang mit den eingesetzten künstlerischen Mitteln und Materialien bilden eine Grundvoraussetzung. Im übrigen steht die Kunsthalle neuen Medien und Auseinandersetzungen mit der aktuellen «Weltsituation» offen. Bevorzugt werden raumgreifende, speziell für die Kunsthalle konzipierte installative Werke.

Was bedeutet für Sie Kunst?

Nievergelt: Kunst ist für mich ein Lebenselixier; sie bietet eine vertiefte Beschäftigung mit den wesentlichen Lebenserfahrungen, Leidenschaften, Dramen und Ekstasen an. Sie ist Anlass zur Freude an der unerschöpflichen phantasiereichen Kreativität der Kunstschaffenden. Zeitgenössische Kunst, im besonderen die Begegnung und Auseinandersetzung mit ihren Schöpferinnen und Schöpfern, ist mir eine grosse persönliche Bereicherung.

Wie hat sich die Kunstszene in den letzten 20 Jahren aus Ihrer Sicht verändert?

Nievergelt: Es ist auffallend, dass heute die Grenzen zwischen den Disziplinen viel durchlässiger sind – Kunstschaffende arbeiten vermehrt nicht nur bildnerisch, sondern auch inszenatorisch, literarisch, akustisch, filmisch und haben solcherart ihre Ausdrucksmittel enorm ausgeweitet. Kunst wendet sich mehr denn je an alle Sinne; sie stimuliert nicht nur das Sehen und Denken sondern bietet individuelles Erleben und Partizipieren an.

Welche Ziele verfolgt die Kunsthalle Wil? Was wünschen Sie ihr persönlich zum 20jährigen Jubiläum?

Nievergelt: Das Ziel bleibt weiterhin, spannende und eigenwillige Positionen zeitgenössischer Kunst vorzustellen, Künstlerinnen und Künstler zu fördern. Mittelfristig werde ich diese Aufgabe nahtlos Gabrielle Obrist und einem verjüngten Team übertragen, die die Kunsthalle Wil in diesem Sinne weiterführen werden. Am 25jährigen Jubiläum werde ich dann als Gast(-Kurator) teilnehmen.

Interview: Claudia Reeb

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