Kunst, die in Auge und Nase sticht

Der französische Künstler Philippe Winninger zeigt in der Wiler Kunsthalle filigrane Konstruktionen mit über 30 000 durchsichtigen Plastikbechern. Die Flüssigkeiten in den Bechern duften und riechen.

Rolf Hürzeler
Drucken
Teilen
Rosen in Plastikbechern, die mit Wasser aus dem Wiler Stadtweier gefüllt sind. (Bilder: Rolf Hürzeler)

Rosen in Plastikbechern, die mit Wasser aus dem Wiler Stadtweier gefüllt sind. (Bilder: Rolf Hürzeler)

WIL. Da schlürft man unschuldig einen Orangensaft aus einem Plastikgläschen – und was hält man in der Hand? Kunst! Wer es nicht glaubt, kann sich dessen in der Wiler Kunsthalle vergewissern. Am Samstag war Vernissage der neuen Ausstellung «Modern Ruins» mit Werken von Philippe Winninger. Wer die Kunsthalle betritt, ist zuerst irritiert. Im unteren Stock türmen sich Tausende von 1-Deziliter-Plastikbechern zu architektonischen Gebilden, die an neue Wohnblöcke in den Vorstädten europäischer Metropolen erinnern. «Modern Ruins» nennt der Künstler diesen Bau einleuchtend.

In einem Labyrinth

Das künstliche Licht des Ausstellungsraums flutet durch diese transparente Struktur und macht die filigrane Turmkonstruktion erlebbar. Man fühlt sich in diesen Bechern wie in einem Labyrinth des Durchsichtigen und erkennt immer wieder neue Strukturen. Kein Schelm, wer sich fragt, was passieren würde, wenn er ein, oder zwei der untersten Becher wegziehen würde. «Transparenz, Fragilität und Strukturen.» Auf diese drei Begriffe reduziert Winninger seine Kunst. Für ihn ist nur der Plastik als Arbeitsmaterial interessant. Denn einzig so könne er dem Betrachter die Schwerkraft sichtbar machen. Die Konsequenz für Winninger daraus: «Mit einer Bronzeskulptur kann ich nichts anfangen.»

Im oberen Stock der Kunsthalle zeigt der Künstler kleinere Pyramiden von Bechern, die mit farbigen Flüssigkeiten gefüllt sind. Bei näherem Betrachten erschliesst sich einem die eigenartige Zusammensetzung der Inhalte: So hat Winninger Trauben und Rosenblüten in Wasser aus dem Wiler Stadtweier eingelegt. Oder er sammelte Essensreste wie Poulet und Käse in Bechern und lässt sie im Olivenöl vor sich hin gammeln.

Vergängliche organische Stoffe

Nicht verwunderlich, dass von einzelnen Bechern ein feines Düftlein die Nase umwebt, das an die Vergänglichkeit organischer Stoffe erinnert. Im Verlauf der Ausstellung werden sich diese, zum Teil verschimmelten Stoffe weiter verändern. Winninger wird den Zerfallsprozess beobachten und intervenieren, sollte der Gestank allzu heftig sein.

In ihren einleitenden Worten beschreibt Kuratorin Claudia Reeb, wie Winninger seine modernen Ruinen in einer rituellen Performance aufbaut. Das Rituelle fängt bei Winninger bereits mit dem Einkauf der 1-Deziliter-Becher an. Er kauft sie ausschliesslich bei Coop mit einer Supercard, die er sonst nie einsetzt.

Speiseresten wie Poulet- und Käsebröckli hat Philippe Winninger in Olivenöl gelegt.

Speiseresten wie Poulet- und Käsebröckli hat Philippe Winninger in Olivenöl gelegt.

Aktuelle Nachrichten