Kultur wirkt

Ob Theater, Musik oder bildende Kunst: Kultur bestimmt die Lebensqualität der Menschen und entwickelt sich zunehmend zu einem entscheidenden Faktor im Standortwettbewerb der Regionen. Ein Blick auf die kulturelle Vielfalt in der Region Wil.

Rolf Hürzeler
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Ein Mann betrachtet ein Kunstwerk des Künstler Gianin Conrad in der Ausstellung «Playing the Game» in der Kunsthalle, am Mittwoch, 11. April 2018, in Wil. (Bild: Benjamin Manser)

Ein Mann betrachtet ein Kunstwerk des Künstler Gianin Conrad in der Ausstellung «Playing the Game» in der Kunsthalle, am Mittwoch, 11. April 2018, in Wil. (Bild: Benjamin Manser)

Ein Pferd bewegt sich scheinbar sinnlos auf einem Laufband – und wiehert fröhlich. Das Ross tritt in der viel beachteten Video-Installation der Künstlerin Ursula Palla auf, deren Werke jetzt in der Ausstellung «The Moon in my Pocket» der Wiler Kunsthalle zu sehen sind. Palla hat damit den ersten markanten Akzent des Jahres im Kulturleben der Stadt gesetzt. Die Kunsthalle Wil steht seit Jahren im kulturellen Fokus der Region. Institutionen wie diese fördern die Attraktivität der Standortgemeinden und tragen mithin zur Wohnqualität bei. Sie entsprechen exakt den Vorstellungen von Katrin Meier, Leiterin des kantonalen Amts für Kultur: «Das Kulturangebot in den Städten spielt schon länger eine immer grössere Rolle im Standortwettbewerb», sagt sie. Orte, die von Künstlern und Kreativen belebt und gestaltet würden, seien für Wirtschaft und Gesellschaft attraktiv.

Angebot deckt eine grosse Bandbreite ab

Open Air Classic Wil: Im Drei-Jahres-Rhythmus verwandelt sich der Hofplatz zur Bühne für klassische Musik. (Bild: Benjamin Manser)

Open Air Classic Wil: Im Drei-Jahres-Rhythmus verwandelt sich der Hofplatz zur Bühne für klassische Musik. (Bild: Benjamin Manser)

Tatsächlich bestechen die Wiler Kulturorte durch eine beachtliche Vielfalt: Die Tonhalle mit einem breiten Repertoire von Musicals bis zu Comedy, das Chällertheater mit Auftritten prominenter Interpreten wie Gabriel Vetter (Poetry Slam) oder die eben ausgezeichnete Bühne am Gleis und der Kulturbahnhof Gare de Lion für das jüngere Publikum. Laut der städtischen Kulturbeauftragten Kathrin Dörig deckt das Angebot eine grosse Bandbreite ab: «Man findet jedes Wochenende etwas Neues.» Dazu gehören zahlreiche Veranstaltungen wie Rock am Weier, das Classic-Open-Air im Sommer, die Baronenhaus-Konzerte oder die Sessions des Ostschweizer Jazzkollektivs. Die kulturellen Aktivitäten spiegeln die wirtschaftlichen Verhältnisse: So gesehen wird die Stadt Wil ihrer Zentrumsfunktion gerecht.

Kultur in den Gemeinden entwickelt sich weiter

Aber auch in der Region rundum tut sich Vieles. So führt zum Beispiel die Gemeinde Uzwil die Internet-Plattform «Uzgang», die eine Übersicht über die kulturellen Aktivitäten bietet, wie etwa die Sonderausstellung «Ersterwähnung 1200 Jahre Oberuzwil» im Ortsmuseum der Nachbargemeinde. Zudem lockt die von der Gemeinde geführte «Galerie zur alten Bank» in der kommenden Saison mit einem neuen Standtort an zentraler Lage an der Bahnhofstrasse in Uzwil.
Ein weithin beachteter Kulturort ist die Villa Sutter in Münchwilen wie mit einem Auftritt der Musikerin Esther Hasler im März oder einer Ausstellung der Künstler Werner Widmer und Stefan Gort etwas später im Jahr. All diese Angebote wachsen, wie die St. Galler Kulturchefin Katrin Meier konstatiert: «Der Standwortwettbewerb spielt in den letzten Jahren zusehends auch im ländlichen Raum eine Rolle.» Die Vielzahl von Kulturaktivitäten bedeutet aber noch nicht, dass sie genutzt werden. Doch die Wiler Kulturbeauftragte Kathrin Dörig ist zufrieden. «Die meisten Anlässe sind gut besucht, am schwierigsten hat es die bildende Kunst.» Ausstellungen mit auswärtigen Künstlern könnten mitunter einen grösseren Zulauf brauchen. Das mag mit der Konkurrenz namhafter Museen in den nahen Zentren St. Gallen und Winterthur zusammenhängen.

Weiterhin Lücken trotz vielfältiger Angebote

So gut das kulturelle Angebot aufgestellt ist, es gibt immer Lücken, etwa im Bereich junger Musik, wie die Wiler Stadtpräsidentin Susanne Hartmann konstatiert: «Wir haben eine Warteliste von Bands, die gerne einen Proberaum hätten. Aktuell stehen elf Bandräume zur Verfügung, die alle belegt sind.» Wer also auf einen Übungsraum angewiesen ist, muss sich gedulden.
Dahinter steckt ein grundlegendes Dilemma: die Verteilung der Mittel zwischen kulturellen Institutionen und der freien Nischenkultur. Beides ist für die Wohnqualität und die Standortfrage entscheidend. Denn Kulturinteressierte wollen nicht nur konsumieren, sondern meist auch selbst tätig sein, und dafür sind sie oftmals auf die Unterstützung der Gemeinde angewiesen.

Wettbewerb um Standortvorteile nie abgeschlossen

Kulturbahnhof Gare de Lion, Wil: moderne Musik, Subkultur, Raritäten. Im Bild Drummer Jojo Mayer von «Nerve». (Bild: Coralie Wenger)

Kulturbahnhof Gare de Lion, Wil: moderne Musik, Subkultur, Raritäten. Im Bild Drummer Jojo Mayer von «Nerve». (Bild: Coralie Wenger)

Bleibt die Frage, wie zufrieden die Direktbetroffenen, Kulturschaffenden mit dem Angebot sind. Andrea Bosshart, Musikerin und Organisatorin der Ba­ronenhaus-Konzerte, sagt dazu: «Die kulturelle Versorgung in der Stadt Wil ist gut.» Allerdings hat das Angebot aus ihrer Sicht Lücken: «Alternative Tanz- und Ballettaufführungen würden uns interessieren.» Immerhin pflegt die Kultur-Werkstatt diese Sparte. Allerdings: Mehr Kultur scheint immer gefragt; der Wettbewerb um Standortvorteile ist nie abgeschlossen.