Küng fühlt sich in den Bergen wohl

Der Wilener Radrennfahrer Stefan Küng hat die ersten beiden Giro-Wochen ohne grösseren Substanzverlust überstanden. Er kann sich vorstellen, bei kürzeren Rundfahrten auch mal das Gesamtklassement ins Auge zu nehmen.

Urs Huwyler
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Stefan Küng zeigt mit hochgehobenem Daumen, dass es ihm gut geht und er am Giro noch immer motiviert mitfährt. (Bild: Urs Huwiler)

Stefan Küng zeigt mit hochgehobenem Daumen, dass es ihm gut geht und er am Giro noch immer motiviert mitfährt. (Bild: Urs Huwiler)

RAD. «Es war ein Stück harte Arbeit», fand Stefan Küng nach dem zehn Kilometer langen Bergzeitfahren von Kastelruth auf die Seiseralm. Zwei Stunden vor dem Start entschied sich der Bahn-Olympionike, nicht mit halber Kraft nach oben zu pedalen, sondern voll zu fahren. Zumal er in den beiden Tagen zuvor als Roller erstaunlich gut über die Dolomiten kam. Andere Fahrer wirkten nach zwei Wochen Giro d'Italia jedenfalls abgekämpfter, am Anschlag. «Ich fahre gerne aufwärts, obwohl ich vom Körper und Gewicht her Nachteile habe. In steilen Rampen wird es allerdings schwierig, das Tempo mitzugehen. Dann bin ich einfach zu schwer», gesteht die aktuelle Nummer 62 im Gesamtklassement.

Traumhafte Bedingungen

Stefan Küng genoss auf den Etappen mit Bergpreis-Wertungen in der Ski-Weltcup-Region Val Gardena/Alta Badia nebenbei auch die Aussicht. «Blauer Himmel, schneebedeckte Berge, viele Zuschauer, abgesperrte Strassen mit teilweise neuem Belag, das waren traumhafte Bedingungen.» Von den Strapazen spricht er kaum, bewegt sich, als beginne die Tour erst. «Momentan habe ich kein Problem, dass der Giro noch eine Woche dauert. Andere scheinen kräftemässig am Ende, mir geht es von Tag zu Tag besser», fügt der BMC-Profi an. Vielleicht geht noch was.

Zeitfahren

Statistisch stimmen die Plazierungen und Leistungen (noch) nicht überein. «Stefan hätte den Prolog gewinnen können. Die Zwischenzeiten zeigen dies», weiss Marcel Albasini, der als Sportlicher Leiter von IAM live vor Ort war. «Mir ist bis heute nicht klar», so Küng, «weshalb ich gestürzt bin. Drei Nächte konnte ich kaum schlafen, hatte Mühe, die Ereignisse zu verdauen. Inzwischen habe ich damit abgeschlossen. Vielleicht war es besser, dass es zu Beginn keinen Hype um meine Person gab.»

Das zweite Zeitfahren über 40 Kilometer verlief perfekt. Obwohl es «nur» Rang sieben wurde. Bei den unterschiedlichen Wetterbedingungen blieb der Zeitfahren-Spezialist chancenlos. «Ich muss mir nichts vorwerfen. Es goss zwischendurch wie aus Kübeln, ich überlegte mir, ob ich abbrechen soll. Das machte keinen Spass mehr. Auf der letzten Abfahrt verlor ich 20 Sekunden, weil es nicht möglich war, die Kurven auf der Ideallinie anzusteuern. Aber ich habe gesehen, dass ich dabei bin.» Ein Podestplatz wäre bei trockenen Strassen dringelegen.

Rundfahrten-Spezialist?

Daneben sorgte der völlig entspannt wirkende Stefan Küng bei einer Soloflucht aus einer Gruppe heraus für Schlagzeilen, versuchte in Spitzengruppen Unterschlupf zu finden, fuhr aktiv. Bei der 6-Pässe-Fahrt ging er anfangs alle Attacken mit – einmal nicht. Dann entstand die 35-köpfige Gruppe. «Während des Giro kann ich viel lernen und Erfahrungen sammeln. Wir haben keinen Fahrer fürs Gesamtklassement dabei, müssen kaum taktische Anweisungen umsetzen, erhalten alle Freiheiten. Davon kann ich profitieren.»

Fragen, was er sich in Rundfahrten zutraut, kommen bei der positiven Bilanz und der Freude an der Schinderei nach zwei Dritteln des Giro auf. Nach Rio wird er sich von der Bahn verabschieden und auf die Strasse konzentrieren. «Ein dreiwöchiges Mehretappenrennen», bleibt er selbstkritisch, «werde ich nie vorne beenden. Was bei andern Rundfahrten drinliegt, vermag ich noch nicht zu beurteilen. Das wird die Entwicklung zeigen. Mehretappenrennen schrecken mich jedenfalls nicht ab.» Fabian Cancellara hat beispielsweise die Tour de Suisse gewonnen und kam nicht besser aufwärts.

Apropos Tour de Suisse: Stefan Küngs Name steht bei BMC auf der Reserveliste. Vermutlich wird er im Hinblick auf die Olympischen Spiele eine kürzere, leichtere Rundfahrt bestreiten und auf der – diesmal schwierigen – Fahrt durch die Schweiz fehlen.