Kuckuck sass in der Lichtregie

Der Konzertzyklus Uzwil eröffnete seine diesjährige Saison mit einem begeisternden Konzert: Für «Stradis Orchester» und seine leichte Klassik gab es Standing Ovations.

Carola Nadler
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NIEDERUZWIL. «Auf der ganzen Welt kommt immer zuerst das Orchester», erklärte Dirigent Werner Strassmann in seiner Begrüssung im evangelischen Kirchgemeindehaus. «Dann geht das Licht aus, es wird still und spannend – bis plötzlich der Maestro erscheint.»

Nicht so am Sonntagabend: Werner «Stradi» Strassmann musste seine Begrüssung von der leeren Bühne herunter halten, lediglich die leeren Notenpulte leisteten ihm Gesellschaft. Denn zu Joseph Haydns berühmter «Abschiedssinfonie» gibt es ein Pendant: Johann Matthias Sperger hatte eine Ankunftssinfonie komponiert. Und so trudelte im Laufe des Stückes ein Musiker nach dem anderen ein, gemütlich die Noten zurechtrückend oder das Handtäschchen an der Rückenlehne aufhängend.

Spielfreude ausgestrahlt

Die Besucherinnen und Besucher waren natürlich amüsiert und rasch war klar, dass dieses Konzert mit «Leichter Klassik» weit entfernt von einer Kopie der Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker sein würde, trotz Walzer-Klassiker auf dem Programm. Zum einen spielte das Orchester seine Werke mit grossartiger Präsenz, knackig und mit Esprit. So «leicht» ein Walzer von Franz Léhar oder eine Polka von Johann Strauss auch klingen mag, diese Stücke erfordern eine gute Kondition. Zum anderen strahlten die Musikerinnen und Musiker aber auch eine Spielfreude aus, die auf die Interpretation der Werke ausstrahlte. Natürlich beteiligten sie sich dabei auch am Schabernack, allen voran Werner Strassmann selbst, der ausserdem sämtliche Partituren im Kopf hatte und auswendig dirigierte.

Jazzige Überraschung

In «Erinnerungen an Ernst» aus dem «Karneval in Venedig» beeindruckte das Orchester mit solistischen Einwürfen, herrlich pointiert und das allzu ernste Musikergebahren ein wenig auf die Schippe nehmend. Saxophonist Thomas Fehle durfte dann ein besonderes Solo spielen: Als Kuckuck erklomm er die Hühnerleiter, hinauf in die Lichtregie und gab von dort oben sein «Im Krapfenwald»-Solo. «Radio City» aus «A Londoner In New York» fiel etwas aus dem Rahmen des Programms: Das jazzige Stückchen war von Flötist Paul Gächter eigens für Stradis Orchester arrangiert worden und war gespickt mit rhythmischen Überraschungen.

Abschiedssinfonie

Die Besetzung des Orchesters erhielt durch ein Saxophon und ein Akkordeon eine klangliche Bereicherung, die an einzelnen Stellen wunderbar zur Geltung kam. Auch der Steinway-Flügel des evangelischen Kirchgemeindehauses durfte mit seinem Klang brillieren und sorgte mit Gallus Eberhard an seinen Tasten für perkussive Effekte. Dem neu renovierten und voll besetzten Kirchgemeindehaus stand dieses erfrischende Konzert wunderbar zu Gesicht und auch diesem trüben Novembernebeltag tat dieser heitere Ausklang gut.

Mit Joseph Haydns «Abschiedssinfonie» kann man ein Publikum kaum mehr überraschen, dennoch ist es immer wieder ein Vergnügen, das Abwandern der Musikerinnen und Musiker während der Sinfonie zu beobachten, selbstverständlich überaus originell von Stradis Orchester inszeniert. Nach zwei Zugaben, einer Zweiminuten-Fledermaus und dem obligatorischen Radezky-Marsch, war denn aber endgültig Schluss, und das Publikum bedankte sich mit stehenden Ovationen.