Kritische Worte des Reformers

RICKENBACH. Der in Rickenbach wohnhafte Schulreformer Peter Fratton, Gründer der SBW-Privatschulen, hat ein Buch geschrieben – eine unterhaltsame Geschichte und Geschichten über Lehrende und Lernende.

Barbara Hettich
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Warum Leben und Lernen unzertrennlich sind, erläutert Peter Fratton in seinem ersten Buch. (Bild: Barbara Hettich)

Warum Leben und Lernen unzertrennlich sind, erläutert Peter Fratton in seinem ersten Buch. (Bild: Barbara Hettich)

Vor acht Jahren hat sich Peter Fratton von seinem Lebenswerk «SBW Haus des Lernens» losgesagt. Zwischenzeitlich war er Schulberater des Kultusministeriums Baden-Württemberg und geriet als Bannerträger der Gemeinschaftsschule und pointiertes Mitglied der Expertenkommission zur Weiterentwicklung der Lehrerausbildung des Wissenschaftsministeriums in die Schusslinie von parteipolitischen Grabenkämpfen: «Das wollte ich mir nicht antun», sagt Fratton. «Was ich nicht hinterfragen darf, will ich meiden.»

Vieles bleibt auf der Strecke

Er ist zurück in der Schweiz, genauer gesagt in Rickenbach, und hilft derzeit beim Aufbau der Neuen Stadtschule St. Gallen. Erschienen ist dieses Jahr aber auch sein erstes Buch. Kein Fachbuch über Pädagogik, sondern eine Geschichte und Geschichten, warum in ungeeigneten Umgebungen unternehmerisches Denken, Wissbegierde und Lern- und Lebensfreude so oft auf der Strecke bleiben und wie man solche Umgebungen verändern könnte.

In seinem Vorwort im Buch schreibt Fratton: «Nur jeder zehnte Lehrer kann bis zur Pensionierung arbeiten. Alle anderen sind vorzeitig dienstunfähig. Dabei geht dieser Dienstunfähigkeit immer eine Leidensgeschichte voraus. Unter dieser leiden nicht nur die Lehrer selber, sondern auch die Kinder. Wenn jedem dritten Lehrer in der Schweiz eine reduzierte Leistungsfähigkeit attestiert werden muss, liegt das nicht einfach nur an den Lehrern, sondern vor allem auch an der ungeeigneten Umgebung. Gleiches gilt auch für die reduzierte Leistungsfähigkeit der Schüler.»

Eigentumswohnung belehnt

Soweit wollte es Fratton nicht kommen lassen. 1980 gründete er in Romanshorn seine erste Privatschule, gab dafür seine sichere Lehrerstelle auf und belehnte für das nötige Eigenkapital seine Eigentumswohnung. Mit seinem Konzept mit Lernpartnern und Lernbegleitern anstelle von Schülern und Lehrern, mit Lernateliers anstelle von Schulzimmern, mit seiner Forderung nach mehr Autonomie für Schulen und Schüler polarisierte und irritierte Fratton.

Lehrkräfte, die von ihren Schülern nicht lernen wollten, waren bei ihm am falschen Platz. «Für mich steht die Haltung gegenüber den Kindern im Vordergrund: Beziehen statt erziehen», sagt Fratton. Die Rückmeldungen von Kindern und Eltern hätten ihn auf seinem Weg bestärkt. Mittlerweile gibt es rund 120 Schulen und Lernhäuser, die von Fratton begleitet und durch seine pädagogischen Ideen inspiriert wurden.

Es hat sich viel getan

Auf die Frage, ob sich die Schullandschaft in den vergangenen Jahren positiv verändert hat, sagt er: «An den Primarschulen hat sich sehr viel getan, an etlichen Sekundarschulen viel, doch je höher die Schulstufe, umso lernresistenter scheinen manche Lernorte zu sein.»

An den Fachhochschulen und Universitäten würden nach wie vor die Dozenten mehr oder weniger spannende Vorlesungen halten, zu denen Studenten zur Teilnahme verpflichtet sind, um ihre «Credits» zu erhalten. Dabei sollten doch nicht Präsenzverpflichtungen, sondern das Erreichen der Lernziele und der Kompetenzerwerb ausschlaggebend sein – und die seien oft auf mehreren Wegen und in unterschiedlichen Umgebungen zu erreichen.

Die Umgebung muss stimmen

Der Mensch sei von Natur aus ein erfolgreicher Unternehmer, erklärt Fratton seine Thesen. Presse man Schüler und Lehrkräfte in einen fremdbestimmten Lernprozess, gehen Interesse, Neugier und unternehmerisches und selbständiges Denken verloren, aber vor allem auch die Leistungsbereitschaft.

Die Qualität einer Schule hänge also nicht von den Klassengrössen ab, sondern von einer Umgebung, in der Neugierde geweckt und Wissbegierde gestillt würden. Der derzeitigen Tendenz zur Akademisierung des Lehrerberufs steht Fratton kritisch gegenüber. Erziehungswissenschaft und vor allem Fachdidaktik seien aus seiner Erfahrung eine überschätzte Disziplin. Statt der starken Ausrichtung auf Methoden- und Fachkompetenz brauche es die konsequente Arbeit an der eigenen Haltung. Zudem sei pädagogisches Handeln immer zeit-, orts- und personenabhängig, was Rezept- und Methodenlernen weitgehend obsolet mache.

Das Buch von Peter Fratton «Lass mir die Welt, verschule sie nicht!», ist im Beltz Verlag, Weinheim Basel, erschienen, ISBN 978-3-407-85991-4. Am 22. Januar 2015 lädt die Neue Stadtschule St. Gallen zu einer Lesung mit Peter Fratton ein.