Kreisgericht Wil
Infizierte Kälber verkauft und Seuche verbreitet: Zwei Landwirte aus der Region Wil vor Gericht

Ein Landwirt aus der Region Wil soll mithilfe seines Sohnes an der Rinderseuche BVD erkrankte Kälber verkauft und anhand fingierter Bestandeslisten zu hohe Direktzahlungen bezogen haben. Am Dienstag standen die beiden vor dem Kreisgericht Wil.

Andrea Häusler
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Der Landwirt und sein Sohn sollen bewusst Kälber verkauft haben, die an der Tierseuche ‹Bovine Virus-Diarrhoe› erkrankt waren.

Der Landwirt und sein Sohn sollen bewusst Kälber verkauft haben, die an der Tierseuche ‹Bovine Virus-Diarrhoe› erkrankt waren.

Symbolbild: Manuela Jans-Koch | Lz

Der Hof liegt etwas abseits im Grünen und bietet alles, was einen Vorzeigebetrieb ausmacht: 140 Kühe, zahlreiche Kälber, Schweine mit Auslauf ins Freie, Hühner, Kaninchen, Katzen und eine gepflegte Umgebung. Die Türen sind offen, Besucher zu Stallvisiten willkommen. Am Dienstagmorgen allerdings trafen sich hier keine Ausflügler, sondern Richter, Anwälte, Geschädigte und Zeugen zu einem Augenschein. Der Landwirt ist ins Visier der Justiz geraten.

Die Vorwürfe sind gravierend: Betrug, Verbreitung von Tierseuchen, Urkundenfälschung, Tierquälerei und Zuwiderhandlung gegen das Tierseuchengesetz – alles mehrfach begangen. Wegen Gehilfenschaft angeklagt ist auch der 31-jährige Sohn, der den Hof vor Jahresfrist übernommen hat, zum Tatzeitpunkt aber aushilfsweise auf dem Hof tätig gewesen war.

Wissentlich und willentlich infizierte Kälber verkauft

Den Beschuldigten wird im Hauptanklagepunkt vorgeworfen, bewusst Kälber verkauft zu haben, die an der Tierseuche Bovine Virus-Diarrhoe erkrankt waren. Mit BVD-Viren persistent, also bereits infiziert geborene Kälber (PI-Tiere), scheiden die Viren lebenslänglich aus und müssen sofort aus dem Bestand entfernt werden.

Der Betrieb war bereits 2008, und 2012 von einem BVD-Geschehen betroffen gewesen. Auslöser des Ausbruchs im Sommer 2016 war der Kauf einer trächtigen Kuh, deren Kalb beim Verkauf positiv auf das Virus getestet worden war. Das Veterinäramt ordnete daraufhin seuchenpolizeiliche Massnahmen an. Ab April 2016 war es den Beschuldigten verboten, Rinder an andere Tierhaltebetriebe abzugeben. Die Weisung änderte mit der wachsenden Platznot auf dem Hof: Ab Mitte Juni 2016 wurde der Verkauf negativ getesteter Tränkekälber an Mastbetriebe bewilligt.

«Raffinierte Machenschaften»

Was dann geschah, wird in der Anklageschrift wie folgt beschrieben: «Mit raffinierten Machenschaften verkauften die Beschuldigten neun BVD-Kälber als seuchenfreie Tiere über den Viehhandel an Dritte». Betroffen waren vier Mastbetriebe in den Kantonen Schaffhause, St.Gallen, Graubünden und Zürich.

Die «raffinierten Machenschaften» basieren auf manipulierten Datenbankeinträgen. Laut Anklage liessen die Beschuldigten für ein Kalb zwei Ohrmarkennummern registrieren. Damit wurden Zwillingsgeburten fingiert. Dem Bestandestierarzt seien dann jeweils ein neugeborenes und ein älteres Kalb – ohne Ohrenmarken – zur Blutentnahme vorgestellt worden, wobei für das ältere bereits ein negativer BVD-Befund in der Labordatenbank eingetragen war. Für die Beschriftung der Proben habe man dem Tierarzt die Nummern der fingierten Zwillinge gegeben: In der Tierverkehrsdatenbank war dadurch eine Vielzahl von Kälbern mit zwei Ohrenmarken aufgeführt – pro Kalb mindestens eine Nummer mit einem seuchenfreien Befund. Somit konnte ein (nicht existentes) krankes Kalb gegen Entschädigung ausgemerzt und ein infiziertes Tier als gesund verkauft werden.

Kritik am Vorgehen des Veterinäramts

Kompliziert? In der Tat. Dermassen ausgeklügelt und komplex, dass es unmöglich von einem tiermedizinischen Laien wie dem Beschuldigten entwickelt und unter Täuschung von Bestandes- und Amtstierärzten sowie Laboratorien hätte umgesetzt werden können, argumentierte der Verteidiger. Ausserdem gebe es für die Delikte keinen einzigen Beweis.

Harsche Kritik übte er stattdessen am Veterinäramt St.Gallen, welches gesetzeswidrig den Verkauf negativer Kälber aus einem BVD-verseuchten Bestand bewilligt habe, statt dem Vorschlag des Beschuldigten zu entsprechen, den gesamten Viehbestand auszumerzen und seuchenfrei neu zu starten. «So hätten wir reinen Tisch machen können und Ruhe gehabt», betonte der Bauer vor Gericht.

Nährstoffbilanz manipuliert

Über den Verkauf kranker Tiere hinaus wurde den Angeklagten vorgeworfen, die Nährstoffbilanz mit einem falsch deklarierten Kuhbestand manipuliert zu und dadurch für das Erntejahr 2016 ungerechtfertigterweise Direktzahlungen von rund 67500 Franken bezogen zu haben. Die Verteidigung bestritt auch dies. Die Düngebilanz habe auf falschen Swissbilanz-Daten basiert, hiess es in der Begründung.

Zwischen Freiheitsstrafen und Freispruch

Die Staatsanwaltschaft beantragte für den 61-jährigen Vater eine bedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten, eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 200 Franken sowie die Rückzahlung der unrechtmässig bezogenen Direktzahlungen. Für den Junior forderte er eine bedingte Haftstrafe von acht Monaten sowie eine bedingte Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 130 Franken.

Die Verteidigung plädierte auf einen vollumfänglichen Freispruch und die Abweisung der Zivilforderungen. Einen Freispruch, eventuell eine Geldstrafe wegen geringen Verschuldens, beantragte die Anwältin des Juniors, der im relevanten Zeitraum nur aushilfsweise auf dem Hof beschäftigt gewesen sei, vor allem im EDV-Bereich. Er habe im Auftrag des Vaters gehandelt, diesem vertraut und keinen Grund gehabt, seine Anweisungen zu hinterfragen.

Das Urteil wird am Mittwoch eröffnet.