Degersheim
Unterwegs auf dem Heilkräuterpfad: Warum Wildwuchs erwünscht ist und der Absinth verboten war

Der Degersheimer Heilkräuterpfad steht inzwischen im zweiten Jahr. Ein Rundgang zeigt, wie sich das gesunde Grün entwickelt hat: Einige Pflanzen gedeihen prächtig, andere scheinen zu verkümmern. Genau so, wie geplant und gewollt.

Andrea Häusler
Drucken
Teilen
Thomas Schneider, Drogist und Inhaber der Drogerie Medicus in Degersheim, betreut den Heilkräuterpfad und leitet die geführten Rundgänge.

Thomas Schneider, Drogist und Inhaber der Drogerie Medicus in Degersheim, betreut den Heilkräuterpfad und leitet die geführten Rundgänge.

Bild: Andrea Häusler

Lilablau recken sich die Blüten der Artischocken zur Spätsommersonne. Ringelblumen, Kapuzinerkresse und Wasserhanf leuchten in satten Farben. Noch blüht es zwischen Findlingen und Mäuerchen des Heilkräutergartens bei der katholischen Kirche. Doch da und dort künden bereits gelbbraune Blätter, verdorrte Stängel und geknickte Halme den Herbst an.

Ein ungepflegtes Gewucher? «Tatsächlich gibt schönere Gärten», amüsiert sich Thomas Schneider. Der Degersheimer Drogist betreut den Heilkräuterpfad seit dessen Eröffnung im Herbst 2019 und bietet seither geführte Rundgänge an. Eben fand die letzte Tour des Jahres statt.

Livio Vanzo zeigt eine Luft- oder Etagenzwiebel, die hier im Kirchengarten wächst.

Livio Vanzo zeigt eine Luft- oder Etagenzwiebel, die hier im Kirchengarten wächst.

Bild: Andrea Häusler

Es ist ein stattliches Grüppchen, das sich um 18.30 Uhr auf dem Kirchenareal die Gründe für den gewollten Wildwuchs erklären lässt. «Es geht darum, die Ressourcen der Natur zu pflegen und sie zu ergänzen. Dabei wird das Beikraut von bodendeckenden Pflanzen unterdrückt», sagt Livio Vanzo von der gleichnamigen Gartenbaufirma, die den Pfad unterhält.

Weder geplündert noch beschädigt

Das Beet neben den Priestergräbern hat sich in wie gewünscht entwickelt. Hier gedeihen vor allem Medizinalpflanzen, die in der alten Klostermedizin eine Rolle gespielt haben. Thomas Schneider zupft einige Wermut-Blättchen vom Stängel, gibt sie zu kosten. Die Gesichter verziehen sich, Speichel sammelt sich im Mund. «So rasch wirkt die Natur», lacht Schneider. Wermut, sagt er, rege eben die Verdauung an. Das tat er auch in den Klosterschnäpsen. Blind und blöde sind die Ordensleute davon kaum geworden. Obwohl der Absinth deswegen ab 1915 kurzzeitig verboten war.

Reminiszenzen, Episoden und Fakten aus der Heilkräuterkunde begleiten die Gruppe auf dem Weg zur Rabatte beim Friedhofparkplatz. Wo vergangenes Jahr noch Wildblumen geblüht hatten, wachsen nun allerlei beschilderte Kräuter. Zum Sammeln seien sie jedoch nicht gedacht, sagt Thomas Schneider, der das Thema aber locker sieht. Die Beete sollten einfach nicht geplündert und zerzaust werden, sagt er.

«Wenn aber einige Blättchen abgezupft werden, ist das kein Problem.»

Bisher, sagt er, habe man diesbezüglich überhaupt keine negativen Erfahrungen gemacht.

Die Tafel im Föhrenwäldli weist das gesamte Waldgebiet als einzigen, natürlichen Heilpflanzengarten aus.

Die Tafel im Föhrenwäldli weist das gesamte Waldgebiet als einzigen, natürlichen Heilpflanzengarten aus.

Bild: Andrea Häusler

Auch ohne die Energie der Brennnesseln am Wegrand geht es bergauf in Richtung Föhrenwäldli, der nächsten Station auf dem Rundgang. Zwar wurde hier, am Waldrand, ein Beet mit standorttypischen Kräutern angelegt, doch gilt das gesamte Gebiet als Heilpflanzengarten.

Da ist die Bergkiefer, geeignet für Muskelsalben, die Eiche, deren Rinde gegen Durchfall hilft, und der Wachholder mit seinen nierenanregenden Beeren. Farn ist auszumachen, auch Baldrian – nur der Hopfen klammert sich unscheinbar an einen Buchenstamm. «Abwarten», gibt sich Thomas Schneider gelassen. «Und wenn er nicht wächst, ist das auch nicht schlimm.»

Beschilderung von Wiesenkräutern

Die Schatten sind bereits lang, wie man sich vor der Informationstafel beim Grillplatz trifft. Diese benennt eine Auswahl jener Heilpflanzen, die hier auf gut 800 Metern wachsen, eingebettet in ein Waldstück, mit um die 1500 Pflanzen und Pilzen, wie Livio Vanzo sagt.

Wälder und Weiden säumen das letzte Wegstück in Richtung Wolfensberg. Beete oder Rabatten gibt es keine mehr. Doch gerade hier präsentiert sich die Apotheke der Natur in ihrer unscheinbaren Vollkommenheit: Spitzwegerich, Gänseblümchen, Ehrenpreis und Gundermann; sie alle vermögen mit ihren Inhaltsstoffen Leiden zu lindern.

Thomas Schneider weist auf eine rosa Malve am Wiesenbord: ein hervorragendes Heilkraut gegen Husten, grippale Infekte oder Entzündungen im Rachenraum. «Ziel wäre, auch auf dem freien Feld gewisse Pflanzen zu beschildern», sagt er. Wissend um den Aufwand, aber auch um die nötige Unterstützung der Grundeigentümer.

Die letzten Sonnenstrahlen begleiten die Gruppe auf den Wolfensberg.

Die letzten Sonnenstrahlen begleiten die Gruppe auf den Wolfensberg.

Bild: Andrea Häusler

Nur noch wenige Meter trennt die Kräuterwandergruppe von der letzten Station auf dem Areal des Hotels Wolfensberg. Wie eine Skulptur erhebt sich dort eine Kräuterspirale aus dem Rasen. Blühende und grünende Pflanzen verdecken den grauen Sandstein, der den Rest der Sonnenwärme speichert.

«Hier finden wir vor allem Küchenkräuter», sagt Livio Vanzo und weist auf das überständige Currykraut, den Thymian und die kugligen Blüten des Knoblauchs. «Die meisten Blüten lassen sich essen», erklärt Thomas Scheider, bricht eine Schnittlauchblüte vom Stängel, lässt die zarten Blättchen probieren und ermuntert dazu, sich in der Küche nicht mit Peterli, Basilikum und Rosmarin zu bescheiden.

Auch hier, auf der Kräuterspirale vor dem Hotel Wolfensberg, zeigt sich an den Blüten, dass der Sommer zu Ende geht.

Auch hier, auf der Kräuterspirale vor dem Hotel Wolfensberg, zeigt sich an den Blüten, dass der Sommer zu Ende geht.

Bild: Andrea Häusler

Auch da oben sind die Spuren des Spätsommers sichtbar. Zurückschneiden, würde der Freund des gepflegten Gartens denken und die Schere zücken. Livio Vanzo aber sagt: «Gestutzt wird erst im Frühjahr. Denn die Pflanzenteile bieten Insekten in der winterlichen Kälte Unterschlupf. «Der Kreis muss geschlossen sein, sonst wird der Garten immer müder.»

Aktuelle Nachrichten