Kopf runter und rennen – in Gummistiefeln

Ein besonderer Volkssport in Wolfertswil

Michael Hug
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Start der Männer-Kategorie am Gummistiefel-Rennen im «Moos» bei Wolfertswil. (Bilder: Michael Hug)

Start der Männer-Kategorie am Gummistiefel-Rennen im «Moos» bei Wolfertswil. (Bilder: Michael Hug)

Ein prächtiger Tag war gestern. Zu prächtig, als dass jemand auf den Gedanken gekommen wäre, sich Gummistiefel anzuziehen, wenn draussen etwas zu erledigen war. Doch in Wolfertswil, genauer im «Moos», sind sie verrückt genug, genau dies zu tun: entgegen aller Wetterrealität sich in Gummistiefel stürzen. Gebrauchte, grüne, schwarze, geblümte, mit Herzli bedruckte, kleine, grosse, übergrosse Stiefel, in jedem Falle gebrauchte, teils mehr als einen Winter getragene, dementsprechend wohlriechende Gummistiefel.

Jedes Jahr zum Ende des Winters

Jedes Jahr zum Ende des Winters tun sie es, die Wolfertswiler und Wolfertswilerinnen, klein und gross, Fitte und weniger Fitte, jung und alt. Allen voran die Familie Kretz im Moos, sie sind die Gründer des Gummistiefelrennens, das sie heuer zum fünften Mal durchgeführt haben. Gestern, als das Wetter so wunderbar, aber eigentlich viel zu schön war für ein Gummistiefelrennen. Man stelle sich vor, es hätte noch Schnee gehabt, so richtigen «Pflotsch», oder es hätte geregnet. Der Spass wäre noch viel grösser gewesen, wenigstens für die Zuschauenden. So aber war es trocken, es gab keine Zwischenfälle und keine Bänderzerrungen, und alle blieben trocken, auch die Hosenböden.

Aus Irland mitgebracht

Bäuerin Ann Kretz und ihre irische Freundin Rosa Lynn Crotty haben das Gummistiefelrennen vor vier Jahren ins Leben gerufen. Ann Kretz, seit zwölf Jahren Gattin von Bauer Guido Kretz, hat es aus ihrer Heimat Irland mitgebracht. Dort sind Gummistiefelrennen im Frühling populär, «Wellie Races» heissen sie dort, von «Wellington», dem Begriff für Gummistiefel. An verschiedenen Orten rennen dort Läuferinnen und Läufer, Freizeitsportler und ambitionierte Laufathleten, Kinder, Gruppen, oft auch in ulkigen Verkleidungen, sicher aber stets in Gummistiefeln über einen mehr oder weniger intakten Parcours. Gestern im Moos war der Parcours eine ganz normale Wiese. Niemand hat die Strecke ausgemessen, aber es dürften etwa 100 Meter gewesen sein. Nach dem Start ging es leicht aufwärts, vom höchsten Punkt aus dann runter ins Ziel. Es gab keine Zeitmessung, keine Startpistole, keine Startliste, keine Startnummern und nur ein rudimentäres Reglement, das vor dem Start unter den Teilnehmenden ausdiskutiert wurde. Ob die Älteren zweimal um den Parcours rennen oder nur eineinhalbmal, wer in welche Kategorie eingeteilt wird oder wer zurückgehalten wird, weil er oder sie allenfalls im falschen Moment losrennt. Nach den Diskussionen wurde es ernst: «Gring abe u seckle».

Ann Kretz hatte als Startrichterin die Sache voll im Griff. Rosa Lynn rannte in der Kategorie Frauen mit, musste den Sieg aber einer Konkurrentin überlassen. Die Kategorie Buben litt etwas an Teilnehmermangel, vielleicht hatte die Wolfertswiler Jungmannschaft etwas Besseres zu tun an diesem Sonntagnachmittag. Auch bei den erwachsenen Frauen gab es noch Lücken. Erkältet aus den Ferien kam die eine, eine Zerrung an der Ferse von der Hausarbeit bekundete die andere. Dafür gab es genug Männer, um von einem ausgeglichenen Rennen sprechen zu können. Gewonnen haben Rafael und Mary Kretz jeweils in der Kinder- und Mädchenkategorie, Janis Hutter bei den Buben, Rita Ehrbar bei den Frauen und Markus Heimbeck bei den Männern. Zu Rang und Ehre gab es eine Medaille aus Karton und zwei Kirschpralinen. Und für alle, die da waren gab es nach dem Rennen Gerstensuppe mit Wienerli, Tiramisu und einen währschaften Irish Coffee.

Michael Hug