KONZERT: Morgen nicht zur Arbeit

Mit der Alabama Jazz Band gab es bei Monday Night Music in Flawil wieder einmal Dixieland Jazz zu hören. Dieser Musikstil ist nach wie vor beliebt.

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Eine Frau unter Männern: Banjoistin Katrin Werder. (Bild: Michael Hug)

Eine Frau unter Männern: Banjoistin Katrin Werder. (Bild: Michael Hug)

«Do you know what it means to miss New Orleans?» Das reimt sich nicht nur, sondern trägt auch eine tief-melancholische Botschaft in sich: «Weisst du, was es heisst, New Orleans zu vermissen?» Natürlich wussten es die meisten im «Park» am Montagabend nicht. Doch bei der Melancholie im Song von Eddie DeLange and Louis Alter, erstmals gesungen im Jahr 1947 von Louis Armstrong und Billie Holiday, schwebt dermassen viel Wehmut mit, dass seine Aussage sich auf ganz viele Orte oder Ereignisse übertragen lässt.

70-jährige Musiker spielen 70-jährige Musik

Ein gerade 70 Jahre alter Song, eine 30 Jahre alte Band, die ihn spielte, und lauter über 70-jährige Musiker und eine Musikerin, die die Band ausmachen: die Alabama Jazz Band aus dem Kanton Zürich. Dazu ein Musikstil, der sich seit mehr als 100 Jahren hält und auch in Flawil seine Fans gefunden hat. Der Beweis dafür war offensichtlich am Montagabend, denn der Kulturkeller des Restaurants Park war fast voll, als die fünf älteren Zürcher und die ­Zürcherin ihr Konzert zum Besten gaben. Es schien, als wollten sie gar nicht mehr aufhören – sprich, das Publikum wollte das Quintett fast nicht mehr gehen lassen.

Und die dümmste aller Fragen konnte nur einer stellen, der aus der Nachfolgegeneration stammt: «Müsst ihr denn morgen nicht arbeiten?» «Wir sind alle über 70», lautete die lachende Antwort, und alles andere erübrigte sich. Trotz ihres besten Alters spielt jedes Mitglied der Band noch immer bis zu 40 Konzerte pro Jahr, sagte Posaunist Hans Stegmann: «Jeder von uns ist auch noch bei anderen Bands involviert.» Und doch ist es zu bewundern, wenn Künstler sich auch in diesem Alter noch dermassen ins Zeug legen, ihr Publikum mitzureissen verstehen, wissend, was es hören will: «Sweet Giorgia Brown» (Kenneth Casey/Ben Bernie/Maceo Pinkard; 1925), «Blue Turning Grey over You» (Fats Waller/Andy Razaf; 1929) oder «Old Rugged Cross», eine Methodisten-Hymne des Predigers George Bennard aus dem Jahre 1912.

Nie alternde Musik und ein junggebliebenes Publikum

Klassiker und weniger bekannte Stücke, in bekannter Manier des Dixie-Jazz durchsetzt mit Soli der drei Bläser Erwin Widmer, Willi Maag und Hans Stegmann, alle grossartige Könner ihres Fachs. Es war ein abwechslungsreicher, stimmiger und ziemlich lüpfiger Abend mit reifen Männern und einer Frau (Katrin Werder am Banjo) bei alter, nie alternder Musik und einem junggebliebenen Publikum.

Michael Hug

redaktion@wilerzeitung.ch