Konzept gegen steile Altstadtgassen: Warum Wiler Gebäude unter dem Strassenniveau stehen.

Das Erscheinungsbild der Wiler Altstadt wurde vor bald 200 Jahren verändert: aus wirtschaftlichen Gründen. Architekt des Strassenkonzepts, welches den Zugang zum Geschäftszentrum erleichtern sollte, war der damalige Kantonsingenieur Alois Negrelli.

Adrian Zeller
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Auf dem Bärenplatz stand früher die Stadtmetzg, und vor ihm das Schneckentor

Auf dem Bärenplatz stand früher die Stadtmetzg, und vor ihm das Schneckentor

Bild: Adrian Zeller

Zu den neuen Pflichten des 1803 gegründeten Kantons St.Gallen gehörte auch der Unterhalt der Hauptstrassen. Das Gesetz schrieb für Strassen 1.Klasse eine Breite von 22 Fuss vor. Dies hatte auch Auswirkungen auf die Zufahrtstrassen nach Wil, das damals im Wesentlichen aus der heutigen Altstadt bestand.

Der damalige Kantonsingenieur Alois Negrelli schlug in einem Gutachten eine Niveauanpassung der entsprechenden Strassen vor. Auf diese Weise sollten der beschwerliche Aufstieg in die Stadt gemildert und gleichzeitig der Verkehrsfluss erleichtert werden.

Die Vorschläge Negrellis veränderten das Stadtbild erheblich. Der Wiler Rat und die Bürgerversammlung stimmten den rigorosen Plänen zu, auch weil man damit auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation hoffte. So wollte man vermeiden, dass eine andere Streckenführung erwogen und so die Altstadt vom Kunden- und vom Warenverkehr abgeschnitten wird. Man fürchtete eine verkehrsarme Altstadt – das Thema hat bis heute nichts an Aktualität und Brisanz eingebüsst.

1833/34 wurden Negrellis Pläne ausgeführt. Ein Eindruck vom Ergebnis vermittelt die Konstanzerstrasse. Ein Teil der Häuser der Oberen Vorstadt befindet sich seither deutlich unter der Höhe der Strasse.

«Schöntal» lag unter dem Strassenniveau

Dieselbe Situation ergab sich auch an der damaligen Winterthurerstrasse, die später in Obere Bahnhofstrasse umbenannt wurde. Das ehemalige Hotel Schöntal lag nach Korrektur unterhalb der Strassenhöhe. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, 1967 wurde das renommierte Gasthaus durch den Centralhof ersetzt. Zu Negrellis Zeiten bestanden noch verschiedene Stadttore, ihre Breite entsprach zum Teil nicht den neuen Strassenvorschriften. Zudem war ihre wehrtechnische Funktion überflüssig geworden. Dem entsprechend mussten das Kapuziner-, Schnecken-, Pankratius- sowie das untere Weihertor weichen. In Richtung Rickenbach wurde zudem ein äusseres Stadttor beseitigt. Und das ­Kuonzentor am Friedtalweg wurde ebenfalls aufgehoben. Ebenso wurde die ehemalige baufällige Stadtmetzg beseitigt, sie stand beim Bärenplatz, auf dem sich heute bei schönem Wetter die Gäste zu einem Kaffee treffen. Auch der benachbarte Garnmarkt verschwand. In der Umgebung von Wil wurde früher viel Wolle gesponnen. Gemäss einer Verfügung des Abtes und des Wiler Rates durfte sie nur innerhalb eines festgelegten Platzes gehandelt werden. An der Marktgasse wurden im unteren Bereich in Arkaden geopfert, sie bestanden damals bis zum heutigen Gebäude der Kantonalbank. Und an der Kirchgasse mussten die Treppenaufgänge und Podeste der neuen Strassenhöhe angepasst werden. Gleiches wurde auch beim Baronenhaus erforderlich.

Ganz ohne Nebengeräusche verlief der massive Eingriff ins Stadtbild nicht. Bei den Bauarbeiten an der Strasse drohte eine Ecke des Hofes einzustürzen. Das Unheil musste eilendes mit Balken und einem stützenden Mauerwerk abgewendet werden. Ebenso musste das Heilig-Geist-Spital, das auf dem heutigen Kirchplatz stand, mit Balken gesichert werden.

Der Einsturz des KB-Vorgängerbaus

Am 11. Juli 1835 wurden die Wilerinnen und Wiler nach der Mittagszeit durch einen lauten Knall aufgeschreckt. Mehr als die Hälfte des Steinhauses war in sich zusammengefallen. Dieses war der Vorgängerbau der heutigen Niederlassung der St.Galler Kantonalbank. Beim Abbruch des Schneckentors wurden grosse Steinblöcke gelockert, die mit dem Steinhaus verbunden waren. Dadurch ­wurde auch die Stabilität des Gebäudes beeinträchtigt.