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«Sie nehmen uns Jahre unseres Familienlebens»

Gespräch mit Anna Forn Masvidal über die Vorkommnisse in Katalonien. Sie ist die Tochter des verurteilen Innenministers der Regionalregierung, Joaquim Forn.
Zita Meienhofer
Anna Forn Masvidal und ihr Vater Joaquim Forn, der Innenminister der Regionalregierung und zuvor stellvertretender Bürgermeister in Barcelona war. (Bild: PD)

Anna Forn Masvidal und ihr Vater Joaquim Forn, der Innenminister der Regionalregierung und zuvor stellvertretender Bürgermeister in Barcelona war.
(Bild: PD)

Was haben Sie gefühlt, als die Urteile verkündet wurden?

Anna Forn Masvidal: Grosse Ohnmacht, weil alle Mächte des Staates wissen, dass sie nicht strafbar handelten. Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht war. Wir erlebten zwei Jahre, in denen sich Spanien immer totalitärer verhalten und gezeigt hat, dass es keinerlei Respekt gegenüber der Gewaltenteilung, den Grundrechten und den grundlegenden Freiheiten hat. Darüber hinaus waren Informationen über das Urteil durchgesickert. Ausserdem ist es eine Tatsache, dass mein Vater und die weiteren ehemaligen Regierungsmitglieder seit zwei Jahren in Untersuchungshaft sind. Durch die Art und Weise, wie das Gerichtsverfahren abgelaufen ist, konnten wir uns bereits vorstellen, dass die Urteile dazu dienen sollten, die gesamte Bewegung zu unterdrücken. Das haben sie jedoch nicht geschafft.

Wie geht es Ihrem Vater?

Mein Vater ist, wie die anderen Gefangenen, gelassen und entschlossen, Freiheit und Gerechtigkeit weiter zu verteidigen. Er weiss, dass es ein politisches Urteil ist. Ich denke, am frustrierendsten ist für ihn, dass der Prozess eine Farce war. Das Gericht übernahm praktisch die Schilderungen der Anklage. Es verwendete mehr Zeit für den Versuch, aufzuzeigen, dass keine Grundrechte verletzt wurden, statt den Sachverhalt zu beweisen.

Wie geht es Ihrer Familie?

Meine Familie folgt dem Beispiel meines Vaters. Wir handeln auch mit Gelassenheit und Entschlossenheit. Wir verstehen, dass in diesem Kampf jeder seine Rolle hat – auch wir. Natürlich ist es eine sehr schwierige Situation, die niemals wieder gut gemacht werden kann. Sie nehmen uns Jahre unseres Familienlebens, besonders jene meiner Grossmutter, der Mutter meines Vaters. Sie ist 84 Jahre alt. Sie weiss nicht, ob sie ihren Sohn jemals wieder in Freiheit sehen wird. Glücklicherweise haben wir alle ein ruhiges Gewissen. Wir wissen, dass die Inhaftierten unschuldig sind. Das zeigt auch die Unterstützung, die wir täglich von so vielen Menschen erhalten.

Wie waren die Reaktionen der Ihnen nahestehenden Menschen nach der Urteilsverkündigung?

Sie waren empört, aber fest entschlossen, weiterzukämpfen. Die Mobilisierung war beispiellos. Eine massive und sofortige Reaktion mit einer erneuten Verpflichtung, auf das Urteil zu antworten. Viele Freunde, die keine Unabhängigkeitsbefürworter sind, haben sich den Protesten angeschlossen. Sie teilen die Empörung über die unverhältnismässige Reaktion des spanischen Staates, aber sie sorgen sich auch darum, was von nun an passieren kann. Die Situation, in der wir uns befinden, muss jeder demokratisch handelnden Person, jeder Person, die Meinungs- und Gedankenfreiheit verteidigt, Sorgen bereiten.

Haben Sie Kontakt zu den anderen «Mitstreitern» Ihres Vaters?

Wenig. Ich stehe viel mehr im Kontakt mit dessen Familien, obwohl es für mich komplizierter ist, weil ich in London lebe und ihnen nicht so oft begegne. Dieser Kontakt war jedoch vor allem zu Beginn sehr wichtig, als wir uns alle plötzlich in einer Situation befanden, in der wir noch nie gewesen waren, und die nicht einfach zu handhaben war und ist – emotional, aber auch logistisch. Für meine Schwester war die Verbindung, die sie mit einigen Kindern anderer Gefangener aufgebaut hat, sehr wichtig.

Versuchen Sie oder Ihre Familie das Urteil anzufechten?

Der Oberste Gerichtshof ist die letzte juristische Instanz in Spanien. Daher ist der Rechtsweg sehr kurz. Aus diesem Grund hat die spanische Justiz es gewagt, ein solches Urteil zu fällen, in dem nichts aufgezeigt wird. Es ist nur zur Verteidigung gedacht, falls der Fall nach Strassburg kommt. Wir werden natürlich alle Rechtsmittel einsetzen, um an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg gelangen zu können.

Wie oft sehen Sie Ihren Vater? Wie oft stehen Sie in Kontakt mit ihm?

Wir sehen uns etwa alle zwei Monate. Das Strafvollzugssystem erlaubt jede Woche ein 45-minütiges Treffen in einer Kabine. Getrennt durch eine Glasscheibe spreche ich via Telefon mit ihm. Die Dauer des Gesprächs ist sehr kurz. Ich habe diese Art von Besuchen am Anfang gemacht. Die Besuche, die ich jetzt mache, sind Familienbesuche, bei denen wir im gleichen Raum sind – maximal vier Besucher und der Gefangene. Ich besuche ihn alle zwei Monate. Wenn es mir nicht möglich ist, gehen andere Verwandte.

Haben Sie manchmal das Gefühl, der Einsatz, das Engagement Ihres Vaters habe sich nicht gelohnt? Dass er auf der Verliererseite ist?

Nein, niemals. Es ist klar, dass er im Moment nicht alles erreicht hat, was er erreichen wollte. Aber er hat mitgeholfen, den «demokratischen Umgang» in Spanien sowohl national als auch international in Frage zu stellen. Dieses beschämende Urteil, das einen beschämenden Prozess beendet – aber nicht die Repression – ist eher eine Niederlage für Spanien als für uns. Das Protestrecht ist ernsthaft betroffen. Ich möchte nicht auf der Seite der Gewinner stehen, wenn dies bedeutet, auf die Rechte und Freiheiten, die das Ergebnis früherer Kämpfe und vieler Opfer sind, zu verzichten. Meine Absicht ist es, immer auf der Seite der Gerechten zu sein.

Wie erleben Sie als Angehörige eines Inhaftierten die spanische Regierung?

Zynisch, feige und unfähig. Vor allem feige. Offensichtlich sind sie sich der Schande ihrer Handlungen und ihres Rufes, der immer schlechter wird, bewusst. Wenn sie sich dessen nicht bewusst wären, hätte die spanische Regierung keine Propagandakampagne gestartet, um zu erklären, dass Spanien eine konsolidierte Demokratie ist. Trotzdem wagen sie es nicht, auch nur einen Finger zu bewegen, um die Situation zu korrigieren, weil sie Stimmen verlieren könnten. Pedro Sánchez (Spaniens Ministerpräsident) will sich nicht erklären, auch wenn das Tausende von Menschen von ihm verlangen. Leider verkaufen sich die Repressionen gegen die Katalanen gegenüber eines grossen Teils der spanischen Bürgerinnen und Bürger besser als Versuche, das Problem zu lösen. Das scheint mir ethisch sehr verwerflich.

Was empfinden Sie bezüglich der Ausschreitungen in Barcelona?

Sie machen einerseits das Unbehagen der Menschen, der Katalanen, deutlich, und anderseits veranschaulichen sie die massive Unterdrückung der Bewegung durch die Polizei. Wenn der Konflikt sich auf die Strasse und vor Gericht verlagert und es keine Debatte mehr gibt, geht die Kontrolle verloren. Es ist nichts Neues, dass Demonstrationen nicht immer in Minne verlaufen. Weniger üblich ist das Ausmass der Unterdrückung durch die Polizei, die sogar illegale Handlungen durchführt. Die Bedeutung und der Ernst der Lage sind unverändert: Sechs Mitglieder einer demokratisch gewählten Regierung, die Präsidentin eines Parlaments und zwei Präsidenten von Nichtregierungsorganisation wurden zu Haftstrafen zwischen neun und 13 Jahren verurteilt, weil sie politisch die Abhaltung eines Referendums über die Selbstbestimmung verteidigt haben.

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