«Kompanie, Aaachtung» – Toggenburger Vertreter der Generation Aktivdienst erinnern sich

1945 endete der Zweite Weltkrieg und damit der Aktivdienst der Schweizer Soldaten und Offiziere. Geblieben sind die Erinnerungen, die Dienstleistende aus dem Toggenburg zusammengetragen haben.

Fabian Brändle
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Eine Gruppe Soldaten mit voller Ausrüstung auf einem Marsch im Gebirge.

Eine Gruppe Soldaten mit voller Ausrüstung auf einem Marsch im Gebirge.

Bilder: Staatsarchiv/Karl Moser

Pünktlich zum 50. Jahrestag der Mobilmachung der Schweizer Armee vom Spätsommer 1939 veranstaltete das damalige Eidgenössische Militärdpartement (EMD) die vielkritisierte Gedenkveranstaltung «Diamant». Die offizielle Schweiz feiere den Kriegsbeginn, nicht die Kapitulation des «Dritten Reiches» vom Mai 1945, bemängelten Gegner der Feierlichkeiten. Die damaligen Wehrmänner wurden dazu eingeladen, sich bei Spatz und Bier an ihren Beitrag zur erfolgreichen Landesverteidigung zu erinnern und sich unter guten alten Kameraden auszutauschen. Die Generation Aktivdienst strömte in Scharen herbei.

«Landigeist und Judenstempel»

Tatsächlich war das Diensterlebnis im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) derart prägend, dass man getrost von einer «Generation Aktivdienst» sprechen kann. Auch die Toggenburger Männer wurden vor dem Einrücken nicht verschont, mussten Eltern, Ehefrauen, Kinder, Geschwister alleine zu Hause zurücklassen und damit rechnen, im Kampf getötet zu werden. Darauf haben die Historiker Christof Dejung und Thomas Gull in ihrem Buch «Landigeist und Judenstempel» hingewiesen. Dass es nicht so weit kam, war nach Meinung des Autoren auch ein Verdienst der Armee, die neben der Diplomatie und den wirtschaftlichen Konzessionen an Adolf Hitler einen gewichtigen Faktor darstellte, die Schweiz nicht anzugreifen.

Witzeln bis die Meute grunzte

Der Vater des Schreibenden, Walter Alois Brändle, Jahrgang 1916, Jurastudent in Fribourg, leistete Aktivdienst als Sanitätskorporal. Er erzählte viel von den Gewaltsmärschen im Bündnerland; auch von den einschneidenden, dünnen, ledernen Rucksackriemli, die trotz vielen Reklamationen beibehalten wurden. Insgesamt leistete er zumindest im Rückblick gerne Dienst, seinem humorvollen Temperament entsprechend machte er gerne Witzchen, bis die Meute grunzte. Als besondere Leistung muss gewürdigt werden, dass mein Vater seine Doktorarbeit innerhalb eines verlängerten Urlaubs geschrieben hat und die Note «cum laude» erreichte.

Befehlen, was ihm passte

Der Bütschwiler Ernst Kull, Jahrgang 1917, war unter anderem im Welschland (Unterwallis) und in der Stadt Basel stationiert. Er baute Kommandoleitungen von einem Posten zum anderen und leistete insgesamt nicht weniger als 1100 Diensttage. Auch Ernst Kull mochte sich als Unteroffizier an einen schönen Aktivdienst erinnern. Er konnte nämlich befehlen, was ihm passte. Die Frauen allerdings hatten es hart, denn sie mussten zusätzlich zu ihrem ohnehin schon grossen Pensum noch die «Pflanzblätze» bewirtschaften.

Vier Soldaten mit Übertragungswagen im Gelände. Im Vordergrund ein Funksoldat am Funkgerät.

Vier Soldaten mit Übertragungswagen im Gelände. Im Vordergrund ein Funksoldat am Funkgerät.

Albert Braun, Jahrgang 1910 aus Flawil, wurde nur einmal zum Dienst aufgeboten. Er leistete lediglich einen Monat administrativen Hilfsdienst (HD) auf dem Kommandoposten Willerzell am Sihlsee, Kanton Schwyz. Braun rechnete den Sold der Kompanie aus und führte die Mannschaftsliste. Der spätere Bezirksammann war froh, dass er als Familienvater immer über genügend Rationierungsmarken für Lebensmittel verfügte und somit nicht darben musste.

Jedem Soldaten die Hand gedrückt

Josef Kühne aus Bütschwil schliesslich wurde bei den Sappeuren eingeteilt. Er baute unter anderem Panzersperren. Bei der zweiten Mobilmachung im Jahre 1940 wurde Kühne unsanft von den Tambouren geweckt. In der Gegend der Festung Sargans mussten er und seine Kameraden den Wald ausplanieren, damit die dortige grosse Festung freie Sicht hatte. Insgesamt absolvierte Josef Kühne 265 Diensttage. General Henri Guisan sei ein guter Befehlshaber gewesen und habe jedem Soldaten die Hand gedrückt, wenn er die Truppe inspizierte.

Quelle: Dubach-Wicki, Elisabeth (Hg.). Lebensgeschichten aus dem Toggenburg. Bazenheid: Kalberer 2006.