Kolumne
Seitenblick: Vom Umgang mit Wörtern

Am Strassenrand ist er nicht zu übersehen: der Abstimmungskampf zur Änderung des Covid-19-Gesetzes. Redaktor Pablo Rohner ist irritiert ob der Sprache, die angeschlagen wird.

Pablo Rohner
Pablo Rohner
Drucken
Teilen
Nein-Plakat am Strassenrand im Baselbiet.

Nein-Plakat am Strassenrand im Baselbiet.

Bild: Christian Flierl

Landauf, landab leuchtet sie einem vom Strassenrand entgegen: die rote Hand und darüber die Frage: «Menschen diskriminieren?» Die Rede ist von den Plakaten, die für ein Nein zur Änderung des Covid-19-Gesetzes werben. Und ich frage mich: Was ist da eigentlich durcheinandergeraten?

Diskriminiert wird per gängigen Definitionen, wer aufgrund einer Eigenschaft, für die sie oder er nichts kann, benachteiligt wird. Also zum Beispiel aufgrund der Hautfarbe, der Staatsangehörigkeit, des Aussehens, des Geschlechts, einer Beeinträchtigung. Und nicht, wenn einem aufgrund einer persönlichen Entscheidung vorläufig Nachteile erwachsen. Ähnlich schief klingt die schrille Rede von einer angeblich heraufziehenden Diktatur, wenn wir die hiesige politische Lage damit vergleichen, wie in der Geschichte echte Diktaturen entstanden sind.

Dass es mühsam und teuer ist, sich vor dem Ausgang oder dem Abendessen jedes Mal testen zu lassen – geschenkt. Dass sich manche Ungeimpfte bei der Arbeit oder im Freundeskreis nicht trauen, ihren Impfstatus zu nennen, ist kein gutes Zeichen und vielleicht wirklich eines dafür, dass es mancherorts nicht gut um die Diskussionsbereitschaft bestellt ist. Dass mit der anhaltenden Pandemie die vorläufige Ungleichbehandlung zwischen Ungeimpften und Geimpften in manchen Bereichen des Lebens Realität geworden ist – auch geschenkt. Auch wenn die bisherigen Massnahmen und gesellschaftlichen Restriktionen hierzulande kaum mit den Lockdowns zum Beispiel in einigen unserer Nachbarländer vergleichbar waren und sind.

Ich kenne niemanden, wirklich niemanden, die oder der an all dem Gefallen findet. Aber stabile Demokratien haben sich noch nie wegen der Ausrufung einer «besonderen Lage» zur Bewältigung einer Pandemie in Diktaturen verwandelt. Und Ungleichbehandlung ist nicht das Gleiche wie Diskriminierung. Um nicht aus dem Blick zu verlieren, wer auf diesem Planeten – oder auch in diesem Land – wirklich diskriminiert wird, sollten wir es auch in aufgeheizter Stimmung genau nehmen mit den Wörtern. Das gilt übrigens auf der anderen Seite auch für Begriffe wie «Verschwörungstheoretiker» oder «Coronaleugnerin».

Aktuelle Nachrichten