Kolumne
Seitenblick: Gute alte Tradition

Die Ausweitung des Stimmrechts bewegt die Schweiz. Das war vor 50 Jahren beim Frauenstimmrecht so und ist es heute beim Stimmrechtsalter 16.

Gianni Amstutz
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Gianni Amstutz, Redaktor Wiler Zeitung.

Gianni Amstutz, Redaktor Wiler Zeitung.

Bild: Hans Suter

Vor 50 Jahren wurde in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt. Nur die Innerrhoder konnten mit ihren Degen die Frauen etwas länger von der demokratischen Teilnahme auf dem Landsgemeindeplatz abhalten. Erst 1990 erkämpften sich die Innerrhoder Frauen auf juristischem Weg das Recht, an Versammlungen teilzunehmen.

Die Schweiz war damit eines der letzten Länder Europas, die den Frauen das volle Bürgerrecht zugestanden. Offensichtlich nahm man es mit der Losung «One man, one vote», die eigentlich für Wahlgleichheit steht, etwas zu wörtlich in der Eidgenossenschaft.

Aktuell geht es in der Schweiz wieder um eine Erweiterung des Stimmrechts. Dieses Mal steht die Senkung des aktiven Stimm- und Wahlrechts auf 16 Jahre zur Debatte. Die Staatspolitische Kommission des Ständerats hat diese Woche den Weg dafür geebnet, indem sie sich für diesen Schritt aussprach.

Man kann geteilter Meinung sein über Sinn und Unsinn dieser Senkung. Grundsätzlich wurde eine Demokratie aber kaum je schlechter dadurch, dass sich mehr Menschen daran beteiligen konnten. Die Stadt Wil hat das bereits erkannt und im vergangenen Jahr ein Jugendparlament gegründet. Auch durch den Partizipationsartikel wird Jugendlichen – und auch Ausländern – die Teilhabe an Entscheidungen ermöglicht.

Anders als noch bei der Einführung des Frauenstimmrechts dürften sich heuer nicht nur Progressive, sondern auch Traditionalisten vom Anliegen der Erweiterung des Stimmrechts angesprochen fühlen. Schliesslich hat es die Schweiz jahrzehntelang geschafft, über das Credo «Gleiche Rechte, gleiche Pflichten» hinwegzusehen, als es um die Frauen ging. Da sollte es möglich sein – in guter alter Schweizer Tradition sozusagen – in gegenteiliger Richtung ein Auge zuzudrücken, um den Jugendlichen den Urnengang zu ermöglichen.

Grossen Schaden dürfte das jedenfalls nicht anrichten. Das sehen dieses Mal vermeintlich auch die Innerrhoder so, wie eine ihrer Redewendungen «Weg em Scheije keit de Haag nüd om» beweist, was sinngemäss in etwa bedeutet: Wegen einer Kleinigkeit stürzt das Ganze nicht ein.