Kolumne
Am Uzwiler Herbstmarkt, ausserhalb von Raum und Zeit

Fritz Studli ist Journalist im Ruhestand und kommentiert in loser Folge das Uzwiler Lokalgeschehen. In seiner aktuellen Kolumne macht er sich Gedanken zum Herbstmarkt während Covid-Zeiten.

Fritz Studli
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Der Uzwiler Herbstmarkt zieht jeweils viele Besucherinnen und Besucher an.

Der Uzwiler Herbstmarkt zieht jeweils viele Besucherinnen und Besucher an.

Bild: Philipp Stutz

Fritz Studli seufzt. Eben hat er online noch einmal nachgelesen, unter welchen Schutz- und Sicherheitsbedingungen der Uzwiler Herbstmarkt stattfinden soll, am 1. und 2. Oktober 2021. Nur zwei Beizen, beide mit Covid-Zertifikat. Ein Testzentrum, Maskenempfehlung, Abstände.

Das wirft Fragen auf. Wie soll das gehen, «Social Distancing» bei einer Veranstaltung für die Massen? Wie sich treiben und gehen lassen, wenn es gilt, Abstände einzuhalten und Vorsicht walten zu lassen, erst recht für einen Senior wie ihn? Wie riechen, schmecken und probieren – mit Maske? Die Vernunft gebietet’s, das ist Studli klar, und sein Covid-Zertifikat hat er stets bei sich. Nur: Was sagt sein Herz, was sein Bauch?

Der Herbstmarkt als Sehnsuchtsort

Studli lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück, klappt sein Laptop zu und sieht den feinen, blaugrauen, schlingernden Rauchfäden nach, die von seiner Villiger Krummen hochsteigen. Er blickt aus dem Fenster. Wieder seufzt er und schliesst die Augen.

Im Nu ist er da, am Herbstmarkt, oder besser: drin. Er spürt die Herbstsonne auf seinen Unterarmen, wie er die Bahnhofstrasse hinauf- und wieder hinunter flaniert, seinen Panamahut aufgesetzt, das Jackett über den linken Arm geworfen, in der rechten die Leine, an der sein Dackel Erich neben ihm hertrottet.

Fritz Studli liebt den Uzwiler Herbstmarkt. Er liebt diesen mehrtägigen sozialen Ausnahmezustand, er liebt es, im Strom der Menschen mäandernd sich treiben zu lassen, mal jemandem einen Gruss zunickend, mal kurz an einem Stand innehaltend, um zu hören, zu riechen: zischende Grillwürste, gebackene Pfannkuchen. Aber eigentlich geht es ihm just darum: Kein Ziel, keine Route zu haben, noch nicht einmal einen Rest von Zweck oder Sinn aufbieten zu müssen. Interesseloses Wohlgefallen. Passives und genau deshalb wunderbares Gleiten. Aufgehen in der Menge. Stehenbleiben. Umdrehen. Weitergehen.

Viel Improvisation in den Anfängen

Ihn stört es nicht, wie professionell und glatt viele Stände geworden sind, wie sich gerade die Sportvereine gegenseitig darin überbieten mit ihren futuristischen, schicken Profi-Messeständen. Studli kann sich an die improvisierten Anfänge in den 1980er-Jahren erinnern, als gerne auch Privatleute mal eben einen der Holz-Marktstände mieteten und ihre Gartenfrüchte anboten. Als es auf dem Benninger-Parkplatz einen richtigen Jahrmarkt mit Karussells gab und man beim «Schweizerhof» auf einen richtigen Eishockey-Goalie Pucks abschiessen konnte.

Für Fritz Studli ist der Herbstmarkt ein synästhetisches Ganzkörpervergnügen: Er sieht, riecht, hört, isst, trinkt, schmeckt. Und die Essenz ist das Zusammenrücken auf den Bänken in den Beizen. Früher, als sie noch keine Techno-Röhre für die Jungen war, die feuchtwarme, alkoholschwangere Enge in der Tunnel-Beiz. Wenn er dort einmal sitzt, Erich zu seinen Füssen, ein Glas Weisswein vor sich, am liebsten neben einer Gruppe jüngerer Menschen, deren Gesprächsfetzen er aufsaugt – dann ist er mittendrin. Zwar physisch in einem Strassentunnel, aber auf eine berauschend-beschwingte Art ausserhalb von Raum und Zeit. Und je mehr Menschen sich neben ihn auf die Bank drängen, je lauter und voller und enger es wird – umso besser!

Ein Spielball des Zufalls

Sich auf fremde Menschen neben ihm einzulassen wie die bildhübsche Bankfrau A. mit ihren blonden Haaren, ihren langen Lederstiefeln und dem Cord-Rock, die Fritzens sehr dezente Komplimente mit einem hellen Auflachen quittierte. Sich einem Flirt, einem Gespräch hingeben, endlich einmal nichts müssen müssen, dafür Spielball des Zufalls sein und nicht wissen, was noch kommt: Glück des Offenen.

Und da, ganz fliessend, unaufdringlich, schiebt sich ein neues Bild dazwischen: Achtsam schlendernde Menschen mit Maske, die Rücksicht aufeinander nehmen, erst recht auf einen Senior mit Hund wie ihn. Umsichtige Beizenbetreiber, die versuchen, auch unter beschwerten Umständen etwas von der unbeschwerten Geselligkeit zu organisieren, die Fritz so liebt. Aussteller, Gewerbler, Gastronomen, Besucher: Alle verständig, alle einsichtig, alle kooperativ. Sollte es etwa doch möglich sein, dass …?

«Fritz, Friii-tz!» Studli erschrickt. Die Krumme vor ihm im Aschenbecher ist erloschen. Es dämmert bereits, und seine Gattin Cornelia hat ihre Hand auf seine Schulter gelegt. «Fritz, wo warst du denn die ganze Zeit? Ich habe schon dreimal gerufen; der Znacht ist fertig.» «Ich war auf dem Herbstmarkt, Cornelia», sagt Fritz Studli ruhig und wahrheitsgemäss. Seine Frau lacht auf. «Fritz, der ist doch erst Anfang Oktober.»

«Nein, nein», entgegnet Studli, «ich war schon da.»