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Kokain ist Alltagsdroge – auch in Wil

Kokain ist nach Cannabis inzwischen die am weitesten verbreitete Droge und wird in allen Schichten konsumiert. Während dies in grösseren Städten durch Abwasseranalysen bestätigt ist, weisen in Kleinstädten wie Wil Indizien darauf hin.
Richard Clavadetscher
Kokain – eine Droge, die zu unserer Leistungsgesellschaft zu passen scheint. (Bild: Fotolia)

Kokain – eine Droge, die zu unserer Leistungsgesellschaft zu passen scheint. (Bild: Fotolia)

Da staunt der Laie: Eine Studie der Universität Lausanne, des Universitätsspitals Lausanne und von Sucht Schweiz zeigt auf, dass Kokain nach Cannabis das am weitesten verbreitetste Betäubungsmittel ist in der Schweiz. Rund fünf Tonnen des weissen Pulvers finden jährlich hierzulande Abnehmer. Konsumiert wird es in allen gesellschaftlichen Schichten, wie Experten versichern.

Die Studie nimmt ihre Erkenntnisse aus dem Abwasser, das in den grösseren Schweizer Städten untersucht worden ist. Darin finden sich Abbauprodukte des Kokains, die nach dem Konsum vom Körper ausgeschieden werden.

Diese Untersuchungen zeigen, dass St.Gallen beim Kokainkonsum für einmal locker mit den anderen grösseren Schweizer Städten mithalten kann: Die Ostschweizer Metropole liegt beim Studienergebnis aus dem Jahr 2015 nach Zürich, Basel, Genf und Bern immerhin an fünfter Stelle.

Nach Rückgang wieder ansteigend

In Wil, da lediglich Kleinstadt, ist das Abwasser nicht untersucht worden. Indizien lassen jedoch vermuten, dass der Konsum von Kokain sich hier, gemessen am Pro-Kopf-Verbrauch, kaum unterscheidet, von jenem grösserer Städte.

«Die Erkenntnisse der Studie sind mit allergrösster Wahrscheinlichkeit auch auf Wil übertragbar», sagt denn auch René Akeret. Akeret ist seit bald 30 Jahren Stellenleiter der Integrations- und Präventionsprojekte der Stadt Wil (Wipp), und er war zudem nationaler Projektleiter Sucht bei der Aids-Hilfe Schweiz. Akeret steht beim Wipp im Kontakt mit jenen Drogenkonsumenten, die aufgrund ihrer Sucht aus dem «bürgerlichen Leben» gefallen und auf Hilfe angewiesen sind.

Noch im Mai ging Akeret aufgrund der ihm vorliegenden Wipp-Zahlen davon aus, dass das Jahr 2016 mit seiner aussergewöhnlichen Zunahme beim Kokainkonsum ein Ausreisser war, nachdem sich 2017 entspannter präsentierte. Für das laufende Jahr sei jedoch zu befürchten, dass es sich bezüglich Konsum wieder wie 2016 präsentiere.

Kokain sei längst keine Luxusdroge mehr, sagt Akeret. Diesen engen gesellschaftlichen Kreis habe es bereits Mitte der Achtzigerjahre verlassen; es sei inzwischen vom Preis her erschwinglich und auch in kleineren Städten gut verfügbar. Akeret kann seine Aussagen belegen, denn er steht in stetem Kontakt mit jenen, die das städtische Angebot nutzen, und er kann Schlüsse aus Art und Zahl der angebotenen Hilfeleistungen ziehen. So etwa bezüglich des abgegebenen Injektionsmaterials.

Sicher auftreten, sich besser verkaufen

So gut Akeret auch dokumentiert ist, seine Aussagen beziehen sich hauptsächlich auf jene, die aufgrund ihrer Sucht gesellschaftlich bereits durch die Maschen gefallen sind, also am Ende auf eine Minderheit. Gewisse Rückschlüsse auf den Umgang anderer gesellschaftlichen Schichten mit der Droge Kokain sind für den erfahrenen Suchtexperten gleichwohl möglich, denn seine Klienten haben ja alle ihre persönliche Geschichte auf ihrem Weg in die Abhängigkeit.

Zwar gebe es zahlreiche Faktoren, die für das Abgleiten in die Sucht ursächlich und fördernd seien, so Akeret, aber einer dieser Gründe sei wohl, dass diese Droge mindestens ein Stück weit gut in die heute gelebte Leistungsgesellschaft passe: Sie helfe erst mal, sich «besser zu verkaufen», was ja heute wichtiger sei als auch schon. Nach dieser für die Konsumenten positiven Erfahrung liessen bei regelmässigem Konsum die Probleme erst psychischer und bald auch einmal physischer Art allerdings nicht lange auf sich warten.

Ausweisentzüge wegen Drogensucht

Einen anderen Zugang zum Problem als René Akeret hat Hermann Gander, Leiter der Suchtberatung Region Wil. Seine Klienten sind (noch) nicht auf der Stufe jener, die Akeret betreut. Kokain ist jedoch auch bei Ganders Arbeit ein Thema. So war etwa von den 87 Neuanmeldungen im Jahr 2016 bei einem Dutzend die Droge Kokain ursächlich. «Es waren aber auch schon mehr», sagt Gander. Unter anderem Druck aus dem persönlichen Umfeld führe zu diesen Neuanmeldungen – aber nicht nur: Nicht selten stehe auch das Amt für Administrativmassnahmen (Amas) des kantonalen Strassenverkehrsamts hinter einer Anmeldung. Dies nach dem Entzug eines Führerausweises. «Die Zahlen schwanken auch hier», so Gander. Sie würden eben unter anderem von der Zahl der Polizeikontrollen abhängen. Das Amt für Administrativmassnahmen hat keine regionalen Statistiken zu den Ursachen von Fahrausweisentzügen und den angeordneten Massnahmen, wie von Abteilungsleiter Kurt Häne auf Anfrage zu erfahren ist. Wohl aber führt das Bundesamt für Strassen (Astra) eine Statistik der Administrativmassnahmen, die Zahl der und Gründe für die Massnahmen nach Kantonen aufschlüsselt. Diese weist für den Kanton St. Gallen im Jahr 2017 nicht weniger als 462 Ausweisentzüge wegen Drogensucht sowie wegen Fahrens unter dem Einfluss von Drogen und Medikamenten aus. Und nichts spricht dagegen, dass die Region Wil ihren Anteil zu dieser Zahl beisteuert.

Gelegenheitskonsumenten und Unauffällige

Davon abgesehen gibt es auch beim Kokainkonsum eine Dunkelziffer – wie bei jeder anderen legalen und illegalen Droge auch. In ihr fänden sich neben Gelegenheitskonsumenten auch jene, die trotz regelmässigem Konsum nicht (oder noch nicht) auffällig geworden sind. Es entspricht nun aber dem Wesen der Dunkelziffer, dass sie schwer zu schätzen ist.

Dass der Kokainkonsum indes verbreitet ist in allen gesellschaftlichen Schichten, und dies wohl flächendeckend, darf aus den eingangs erwähnten Abwasseruntersuchungen und den Erfahrungen der Experten geschlossen werden. Es gilt eben auch hier, was Suchtexperten wie Akeret und Gander als Realität zu akzeptieren empfehlen: «Jede Gesellschaft kennt ihre Süchte. Nur die Substanzen ändern sich durch die Zeiten.»

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