KNACKPUNKTE: Zugreifen oder hinten anstehen

50 St. Galler Gemeinden wollen mit Unterstützung von Bund und Kanton ihre Zentren/Strassen gestalten. Flawil hat die Gelder zugesichert, zaudert aber. Projektleiter Urs Dahinden beantwortet strittige Fragen.

Andrea Häusler
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Andrea Häusler

andrea.haeusler@wilerzeitung.ch

«Tempo 30» wäre eine Variante, ein isolierter Kreiselbau ohne gestalterische Massnahmen oder die ausschliessliche Verbesserung des Fussgängerschutzes. Ohnehin liessen sich für weit weniger Geld vergleichbare Verbesserungen erzielen. Was die Sanierung der Wiler-/St.-Galler-Strasse angelangt, kursieren in der Bevölkerung vielerlei Ideen. Umsetzbar allerdings sind die wenigsten, wie der Leiter der Abteilung Strassen- und Kunstbauten im kantonalen Tiefbauamt, Urs Dahinden, im Interview klar macht. Am 12. Februar wird über den Gemeindebeitrag von rund ­ 4 Mio. Franken an das 8,6-Millionen-Projekt abgestimmt. Nachdem gegen den diesbezüglichen Gemeinderatsbeschluss das Referendum ergriffen worden war.

Der betriebliche und bauliche Unterhalt der Kantonsstrassen fällt von Gesetzes wegen in den Kompetenzbereich des Kantons. Welche (baulichen) Massnahmen trifft dieser auf der Wiler-/St.-Galler-Strasse, falls das Sanierungsprojekt abgelehnt würde?

Realisiert würden Verbesserungen zu Gunsten der Sicherheit an den Fussgängerübergängen, wie wir dies in allen anderen Gemeinden auch tun. Dies als Folge der Überprüfung im gesamten Kantonsgebiet.

Wie vordringlich ist die Behebung von strassenbaulichen Mängeln bzw. wann würde diese in etwa angegangen?

Die Kantonsstrasse selber hat ­keine gravierenden Mängel an sich. Kleine Reparaturen, die ­angesprochenen Fussgängerübegänge und die Erhöhung der ­Sicherheit bei Parkplätzen (Rückwärtsfahrten in den Strassenraum) würden im Lauf des Jahres 2017 in die Projektierung aufgenommen.

Zuständig ist der Kanton auch für den betrieblichen Ablauf. Müsste, aufgrund der Verkehrsentwicklung, am Isny-Platz nicht ohnehin ein Kreisel gebaut werden?

Aus Kantonsstrassensicht genügt der bestehende Knoten (Geradeausfahrt). Probleme haben die einmündenden Gemeindestrassen. Einen Kreisel als Einzelmassnahme ohne flankierende Massnahmen ist kaum denkbar, zumal die Bevölkerung von Flawil einen solchen schon einmal an der Urne abgelehnt hat.

Im Zentrum ist grundsätzlich Tempo 50 erlaubt, aufgrund der Strassenführung jedoch meist nicht realistisch. Was spricht gegen Tempo 30?

Tempo 30 ist keine Angelegenheit von Geschwindigkeitstafeln, sondern ein «System». Dieses verlangt zwingend flankierende Massnahmen, Parkplätze, Poller, Einbuchtungen u.s.w., so wie wir es aus Quartieren kennen. Reine Tafeln bringen keinen Erfolg. Zudem, wo beginnt und endet Tempo 30? Schulwege?, Zentrumsbereich? Isnykreisel? Tempo 30 verlangt einen klar erkennbaren Beginn und ein Ende. Zudem gilt Tempo 30 für 24 Stunden und an 365 Tagen und auch für den öV.

Aus Leserbriefen geht hervor, dass in anderen Kantonen «Tempo 30»-Zonen auf Kantonsstrassen eingerichtet wurden und in der Praxis funktionieren.

Das sind Einzelfälle, die auch uns bekannt sind. Allerdings gibt es auch da grosse Diskussionen und immer wieder negative Reaktionen. Es braucht nach Gerichtspraxis klare Bedingungen, um solche Zonen mit bedeutendem Verkehrsaufkommen zu genehmigen. Diese liegen in Flawil nicht vor.

Sie haben wiederholt betont, dass eine etappenweise Umsetzung verschiedener baulicher Massnahme kein Thema ist. Was spricht denn konkret dagegen?

Grundsätzlich ist das vorliegende Projekt schon eine Etappe aus dem Gesamten. Flawil reicht vom Munzkreisel bis zur Bahnunterführung in Richtung Oberglatt. Zusammen mit den politischen Behörden wurde aus einer Gesamtstudie der jetzt vorliegende Teil als erste Etappe bestimmt. Strassenraumgestaltungen sind ein Konzept und nicht 200-Meter-weise zu realisieren. Welcher Unterabschnitt soll denn vorgezogen werden? Der für die Schüler, das Zentrum bei der Bahnhofstrasse oder der Bereich beim Kreisel? Wie sollen dann die jeweiligen Übergänge ausgestaltet werden? Der vorliegende Abschnitt hat eine Länge, auf der auch ein veränderter, aufgewerteter Strassenraum wahrgenommen wird. Das ist eine Grundvoraussetzung, um das Geschwindigkeitsniveau zu senken.

Kritisiert werden auch die Kosten. Mit einem Nein ebnete sich Flawil den Weg zu einer günstigeren Lösung. Ein redimensioniertes Projekt liesse sich ja rasch erarbeiten, oder? Im Kanton St. Gallen warten ungefähr 50 Gemeinden auf eine Strassenraumgestaltung oder eine Aufwertung «ihres Zentrums­bereiches». Das vorliegende Projekt wurde in enger Zusammenarbeit mit den Behörden, mit Fachleuten des Strassenbaus und Verkehrsplanern, aber auch unter Einbezug von Vertretern der Bevölkerung erarbeitet. Die Gestaltung und die Etappenlänge sind dem Charakter von Flawil angepasst und verhältnismässig. Dies wurde auch im Rahmen der Vorprüfung des Agglomerationsprogrammes vom Bund bestätigt. Die für dieses Projekt in Aussicht gestellten ca. 1,3 Mio. Franken vom Bund sind nur für das nun vorliegende Bauprojekt zugesprochen. Bund und Kanton werden ihre Ressourcen und Finanzmittel bei einer Ablehnung durch die Bevölkerung zuerst bei den anbegehrten Projekten aus anderen Gemeinden einsetzen.