Ein Quartier mit Geschichte verschwindet

Die Kirchwiese bestand aus fünf Mehrfamilienhäusern. Diese werden nun abgebrochen und durch Neubauten ersetzt. Bewohner dieses Quartiers arbeiteten einst bei Bühler, kannten sich und halfen einander.

Philipp Stutz
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In den Mehrfamilienhäusern der Kirchwiese waren die Wohnungen preisgünstig zu mieten. Nun werden sie abgebrochen. (Bilder: Philipp Stutz)

In den Mehrfamilienhäusern der Kirchwiese waren die Wohnungen preisgünstig zu mieten. Nun werden sie abgebrochen. (Bilder: Philipp Stutz)

Die Mehrfamilienhäuser an der Schöntalstrasse und am Kindergartenweg sind vermutlich vor über siebzig Jahren erbaut worden. Sie boten Familien eine preisgünstige Unterkunft und waren deshalb sehr geschätzt.

Nun sind die meisten Bewohner ausgezogen. Das ist vielen nicht leicht gefallen, obwohl sie über die Pläne des Eigentümers rechtzeitig informiert worden waren. «Ich habe eine Familie mit Kindern in Ausbildung und war froh um diese Wohnung mit bescheidenem Mietzins», sagt ein ehemaliger Bewohner, der nicht namentlich erwähnt sein will. Etwas Gleichwertiges zu finden, sei praktisch unmöglich. Dass er auch seine Stelle in Uzwil verloren hat und nun täglich einen weiten Arbeitsweg auf sich zu nehmen hat, belastet den Familienvater zusätzlich. Die meisten ehemaligen Bewohner hätten aber eine neue Bleibe gefunden, sagt Tobias Wagner, Leiter Immobilien bei der Uze AG, die im Besitz der Häuser steht.

Wohnungen in schlechtem baulichen Zustand

Die Wohnungen befanden sich in schlechtem baulichen Zustand. «Es wäre nicht länger zumutbar gewesen, dort noch weiter zu wohnen», betont Wagner. Und eine Sanierung wäre zu aufwendig gewesen. So entschloss sich die Uze AG, die fünf Vierfamilienhäuser abzubrechen und einen Neubau mit eben so vielen Mehrfamilienhäusern zu realisieren. Hinzu kommt eine Tiefgarage. Der Baubeginn hängt laut Tobias Wagner von der Dauer des Baubewilligungsverfahrens ab. Die Pläne können im Gemeindehaus bis 3. Dezember eingesehen werden. Während der Auflagefrist kann gegen das Bauvorhaben Einsprache erhoben werden.
Mitarbeiter wollten nahe bei der Firma wohnen
Bis Ende des Zweiten Weltkriegs stagnierte die Bevölkerungszahl Uzwils. Danach setzte starkes Wachstum ein, das auch mit der Expansion der Firma Bühler einherging. Dies betraf besonders das Dorf Niederuzwil. Dessen Zentrum wurde dicht besiedelt. Das kann darauf zurückgeführt werden, dass der Uzwiler Technologiekonzern viele Mitarbeiter beschäftigte, die vorzugsweise nahe bei ihrem Arbeitgeber wohnen wollten.

Badezimmer waren keine Selbstverständlichkeit

Der ehemalige Schulratspräsident Werner Dintheer erinnert sich gerne an seine Jugendzeit im Kirchwiese-Quartier.

Der ehemalige Schulratspräsident Werner Dintheer erinnert sich gerne an seine Jugendzeit im Kirchwiese-Quartier.

So war es auch in der Kirchwiese. Deren Bewohner arbeiteten alle bei Bühler. «Daher kannten und halfen die Familien einander», sagt Werner Dintheer, ehemaliger Schulratspräsident, der in diesem Quartier aufgewachsen ist. Freundschaften seien entstanden, die zum Teil bis heute anhalten. Die Häuser waren von der Bühler AG erstellt worden. Die meisten von ihnen in Elementbauweise. Die Zimmer waren kaum isoliert und hellhörig. Spielte beispielsweise ein Hobbymusikant übungshalber auf dem Bass oder der Klarinette, «durften» dies alle Bewohner des Hauses gezwungenermassen mitanhören. Die Wohnungen waren einfach, verfügten aber beispielsweise alle über ein Badezimmer. Das war in den Fünfzigerjahren noch alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Auch der Selbstversorgung wurde Rechnung getragen. Zu jeder Wohnung gehörte ein Garten, wo eifrig Gemüse und Salat angepflanzt wurden.

Nur ganz wenige Bewohner der Kirchwiese besassen ein Auto. Die Nachrichten wurden neben den Zeitungen von Radio Beromünster verbreitet. Das heisst, Bulletins der Schweizerischen Depeschenagentur wurden mittags verlesen, und dies pünktlich um 12.30 Uhr. Erst im Laufe der Zeit flimmerten Schwarzweiss-Bilder über den Fernseher. Nicht wenige der «Kirchwiesler» bekannten sich zur SP, damals noch eine echte Volkspartei. Oder sie engagierten sich in der Gewerkschaft oder einem Verein. Der Wohlstand war nach den Kriegsjahren bescheiden. Trotzdem mögen ehemalige Bewohner nicht klagen – im Gegenteil. «Ich habe eine schöne Jugendzeit in der Kirchwiese erlebt», erinnert sich Werner Dintheer. «Im Mittelpunkt stand der grosse Spielplatz nahe dem evangelischen Friedhof.» Dort befanden sich ein Sandkasten, ein Kletterturm, eine Schaukel und ein Fussballplatz. Smartphones waren selbstverständlich noch unbekannt. «Als wir Kinder waren, hatten wir auch ein soziales Netzwerk – draussen», lautet ein geflügeltes Wort.

Primarschulen waren nach Konfessionen getrennt

«Auch die Nähe zu Schulhäusern war ein Vorteil», sagt Dintheer. Wer die Sekundarschule besuchte, hatte nur eine Wiese zu durchqueren. Und auch bis zur Primarschule war es nicht weit. Anzumerken ist, dass die Primarschulen damals noch nach Konfessionen getrennt waren. Katholiken besuchten das Herrenhof-, Protestanten das Kirchstrasse-Schulhaus. Ein Anachronismus, der erst im Jahr 1973 durch Verschmelzung zur Primarschulgemeinde Uzwil beseitigt wurde.