KIRCHBERG: «Menschen gern haben und respektieren»

Wenn andere in den wohlverdienten Feierabend gehen und sich ein Wasser, ein Bier, ein edles Glas Wein und vielleicht sogar ein Nachtessen gönnen, beginnt für das Personal im Service erst die Arbeit. So auch für Srboslava Jezdimirovic im «Toggenburgerhof».

Urs M. Hemm
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Srboslava Jezdimirovic - genannt  Boba - arbeitet seit 22 Jahren mit Freude im Service. (Bild: Urs M. Hemm)

Srboslava Jezdimirovic - genannt Boba - arbeitet seit 22 Jahren mit Freude im Service. (Bild: Urs M. Hemm)

16.30 Uhr. Noch ist es ruhig im «Toggenburgerhof» in Kirchberg, nur vereinzelt trinken Gäste einen Kaffee oder ein Bier. «Um 17 Uhr erwarten wir einen Car mit etwa 30 Senioren — dann geht es von null auf hundert», erzählt Srboslava Jezdimirovic, die aber von allen nur Boba genannt wird. Boba arbeitet seit nunmehr 22 Jahren als Servicekraft im «Toggenburgerhof» — und das mit Freude. «Ich mag den Kontakt...» Eine Kollegin ruft: Boba, wir brauchen dich!» Die Carladung Senioren ist angekommen. Sofort nimmt Boba mit ihren Kolleginnen die Bestellungen auf. Bobas Schicht hat begonnen. 
 

Mit viel Geduld und Freundlichkeit

Das Serviceteam arbeitet Hand in Hand zusammen, um die Gästeschar so schnell wie möglich mit Speis und Trank zu bedienen: Bestellungen aufnehmen, Getränke am Buffet bereitstellen, servieren. Alle halten die Augen offen, helfen einander. Das Servieren stellt sich aber manchmal als ein wenig schwierig heraus, weil sich die Gäste mitunter nicht immer erinnern können, ob sie nun einen Wurstsalat einfach oder garniert oder gar einen Wurst-Käse-Salat bestellt hatten. Mit viel Geduld und stets freundlich findet Boba aber für jeden Teller einen Abnehmer. Nach etwa 
20 Minuten sind alle Gäste bedient und zufrieden. Der Sturm hat nun ein wenig nachgelassen, lediglich vereinzelt verlangen die Senioren nach mehr Brot oder noch einem Getränk. Nach dem Abräumen macht Boba die Gäste geschickt auf einen Dessert «gluschtig» — wenige können ihrem Angebot widerstehen. «Ursprünglich habe ich Verkäuferin gelernt», erzählt Boba in einem ruhigen Moment. «Dabei kommt es nicht darauf an, ob man Kleider oder Glace verkauft. Wichtig ist, dass man den Kunden oder Gast respektiert und das man das Produkt, welches man verkaufen will, gut kennt, um dessen Vorteile benennen zu können.»

Viel Zeit bleibt nicht, um sich auszuruhen. Während Bobas Kolleginnen den Saal für den kommenden Tag herrichten, ist sie für den Service in der Gaststube und im Wintergarten verantwortlich. Zuerst jedoch gilt es, die Gläser und Tassen der Seniorengruppe abzuwaschen. «Wir sind hier alle Allrounder: Wir machen die ganzen Vorbereitungen, das Buffet, den Service und auch den Abwasch der Gläser», sagt Boba. Sie mache es gerne. Es sei abwechslungsreich und der Kontakt, vor allem zu den Stammgästen, sei ihr wichtig. 
 

Die Vorlieben der Gäste genau kennen

Srboslava Jezdimirovic kam 1990 mit ihrem Mann aus dem ehemaligen Jugoslawien in die Schweiz. Zuerst hatten sie vier Jahre in Laax gearbeitet, bevor sie nach Kirchberg umgezogen sind. «Mein Mann arbeitet auch hier im ‹Toggenburgerhof› im Service», sagt Boba. Sie würden nicht immer in der gleichen Schicht arbeiten, aber an den Wochenenden und in den Ferien hätten sie gemeinsam frei. 

Am Abend zu arbeiten, mache ihr nichts aus. «Ich habe es so gewählt. Die Gäste haben mehr Zeit, sie sind entspannt und freundlich, wenn sie ihren Feierabend geniessen können», erläutert Boba. Die ersten Stammgäste treffen ein. Boba kennt jeden beim Namen und weiss genau, was sie wollen: Dort eine Stange, dort ein Zweier Rotwein, der Dritte bevorzugt ein Tschumpeli oder ein Glas Weisswein. «Die Gäste fühlen sich wohl, wenn sie erstens beim Namen genannt werden und wenn man zweitens ihre Vorlieben kennt.» Nach all den Jahren im selben Betrieb hätten sich auch Freundschaften entwickelt. «Viele meiner Gäste erzählen mir von sich, so dass ich ihre familiären Verhältnisse und manchmal auch ihre Probleme kenne. Aber ich erzähle nichts weiter, denn sie vertrauen mir und das möchte ich nicht missbrauchen.» 

Dennoch kann es in der Abendschicht auch mal schwierig werden. «Zu 99 Prozent benehmen sich die Gäste gut. Dennoch gibt es Gäste, die, wenn sie getrunken haben, über das Ziel hinausschiessen», bekennt Boba. In solchen Fällen versuche sie, sich so ruhig wie möglich zu verhalten und auf den Gast beruhigend einzuwirken. «Hilft das aber auch nichts, hole ich den Chef, Linus Thalmann, damit er die Situation unter Kontrolle bringt. So weit kommt es an diesem Abend allerdings nicht. 

Dafür treffen die ersten Gäste fürs Nachtessen ein — unter anderem steht Chateaubriand auf der Karte. «Es ist natürlich etwas anderes, ein Chateaubriand zu servieren, als einen Wurstsalat. Der Gast hingegen bleibt der gleiche, da mache ich keinen Unterschied», sagt Boba. Nachdem sie die Bestellung aufgenommen hat, nutzt sie die Gelegenheit,gleich einen anderen Tisch wieder neu einzudecken. «Am Donnerstag ist es zwar eher ruhig, aber dennoch muss immer alles in Ordnung sein, denn man weiss ja nie, was noch kommt.»

Für Boba ist ihre Arbeit im «Toggenburgerhof» ein Glücksfall. «Die Arbeit macht mir Spass, der Kontakt mit den Kunden ist schön und die Stimmung innerhalb des Teams gut.» Da macht es ihr auch nichts aus, nachts zu arbeiten. «Wenn ich den Leuten eine Freude machen kann, ihnen einen entspannten, ruhigen Feierabend bieten kann, habe ich meine Arbeit gut gemacht — das ist meine Aufgabe, das ist alles, was ich will.»