Interview

«Kinder trauern sehr sprunghaft»: Nicole Spesny unterstützt Kinder und Jugendlichen bei einem Todesfall

Die Jonschwilerin bietet seit zwei Jahren Trauerbegleitung für Familien und Kinder an.

Interview: Tobias Söldi
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Familientrauerbegleiterin Nicole Spesny und eines ihrer Arbeitsmittel: Legos. (Bilder: Tobias Söldi)

Familientrauerbegleiterin Nicole Spesny und eines ihrer Arbeitsmittel: Legos. (Bilder: Tobias Söldi)

Als Familientrauerbegleiterin beschäftigen Sie sich mit schweren Themen: Trauer, Tod, Verlust. Sind Sie ein schwermütiger Mensch?

Nicole Spesny: Nein. Ich bin eine fröhliche Person und stehe auf der leichten Seite des Lebens. Sonst könnte ich meine Arbeit gar nicht machen. Ich wäre zu involviert, würde zu sehr mitleiden mit den Trauernden.

Umso mehr interessiert, wie Sie zur Trauerbegleitung gekommen sind.

Bis ich 33 Jahre alt war, musste ich mich nicht wirklich mit dem Tod auseinandersetzen. Dann, als ich mit meinem dritten Kind schwanger war, hatte mein Mann die Diagnose Hirntumor erhalten. Plötzlich musste ich mich sehr schnell damit befassen.

Ich wusste, ich würde mit meinen drei Kindern vor dem Grab meines Mannes stehen.

Ich habe dann mit einer Familientrauerbegleiterin gesprochen, die mir viele nützliche Tipps zur Trauerverarbeitung mit Kindern geben konnte.

Wie haben Sie Ihre Trauer erlebt?

Es war heftig. Ein Auf und Ab, zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Ich habe vier bis fünf Jahre gebraucht, bis ich wieder «zurück» war. Irgendwann in dieser Zeit habe ich festgestellt, dass ich viele Bekannte, meistens Freunde von Freunden, begleitet habe, die ein ähnliches Schicksal erleiden mussten. 2013 habe ich dann eine Ausbildung zur Trauer- und Sterbebegleiterin absolviert.

Was fasziniert Sie daran?

Ich kann Menschen auf einem schwierigen Abschnitt ihres Weges begleiten. Ich sehe ihre Kraft und helfe ihnen, diese wieder zu finden. Ein wichtiger Aspekt ist auch das Informieren, wie ich es in Vorträgen und Workshops mache: Wie tickt ein Trauernder? Wie fühlt er die Trauer?

Auch über die Beerdigung wird in der Kindertrauergruppe gesprochen.

Auch über die Beerdigung wird in der Kindertrauergruppe gesprochen.

Sie begleiten vor allem Kinder und Teenager in ihrer Trauer. Wie gehen sie mit einem Todesfall um?

Das ist je nach Alter unterschiedlich. Babys haben natürlich noch kein Verständnis für den Tod, aber sie bekommen auf einer feinen, gefühlsmässigen Ebene alles mit. Davon bin ich überzeugt. Kinder von zwei bis sechs Jahren befinden sich dann in einer «magischen» Phase.

Was bedeutet das?

Sie spüren eine Verbundenheit mit den Verstorbenen, reden vielleicht mit ihnen, betrachten sie als ihre Schutzengel. Diese Leichtigkeit ist sehr schön. Aber Kinder in diesem Alter tendieren auch dazu, sich selbst falsche Schuldzuweisungen zu machen. Sie denken dann zum Beispiel, ein Streit vor dem Tod hätte diesen herbeigeführt.

Und je älter das Kind wird, desto bewusster nimmt es den Tod wahr. Wann ändert sich das Verständnis?

Mit sieben, acht Jahren werden sich Kinder der Endgültigkeit des Todes bewusst. Sie verstehen, dass Tote nicht mehr leben. Sie gehen dann oft durch eine zweite Trauerphase.

Und Teenager?

Sie haben ein komplettes Verständnis für den Tod und sind sich auch der längerfristigen Konsequenzen bewusst, zum Beispiel, dass sie nun ohne Vater oder Mutter aufwachsen.

Wie reagieren sie darauf?

Ganz unterschiedlich.

Manche ziehen sich zurück, andere funktionieren ganz normal weiter, wieder andere sind wütend.

In diesem Alter ist für die Eltern die Trauer ihrer Kinder am schwierigsten zu fassen. Weil Teenager sie nicht unbedingt mitteilen, ist es schwierig zu sagen, ob überhaupt eine Trauerarbeit stattfindet.

Was unterscheidet die Trauer von Kindern und Erwachsenen?

Kinder trauern sprunghaft. Sie springen in die Trauerpfütze und dann wieder raus. Für Erwachsene ist das manchmal schwierig nachzuvollziehen. Sie bleiben länger in der Trauerpfütze stehen, ihre Trauerphasen sind länger.

Kinder sollen an einer Beerdigung teilnehmen, ist Nicole Spesny überzeugt.

Kinder sollen an einer Beerdigung teilnehmen, ist Nicole Spesny überzeugt.

Wer kommt in ihre Praxis?

Vor allem Kinder zwischen 4 und 15 Jahren, die einen Elternteil verloren haben.

Wie arbeiten Sie?

Alle vier bis fünf Wochen kommen bis zu fünf Kinder in die Kindertrauergruppe. Ein Treffen dauert eineinhalb Stunden, in denen wir uns mit einem Thema beschäftigen: zum Beispiel mit dem Umgang mit Gefühlen oder der Beerdigung.

Ist das nicht anstrengend?

Trauerarbeit mit Kindern ist nicht so schwer und anstrengend, wie man sich vielleicht denkt. Kinder sind sehr lustorientiert und verspielt. Man kann sie nicht in eine Trauer «hineinreden». Manchmal wollen sie einfach nicht über ihre Trauer sprechen.

Was zeichnet einen «guten» Trauerprozess aus? Wie lange soll man zum Beispiel trauern?

Ich glaube, es gibt keinen abgeschlossenen Trauerprozess. Dass die Trauerarbeit irgendwann ein Ende hat, ist Wunschdenken. Trauer ist Teil des Lebens.

Ziel der Trauerarbeit ist nicht, etwas abzuschliessen, sondern eher, etwas mitzutragen.

Mit der Dauer fällt das natürlich leichter. Der Gedanke des Loslassens aber gefällt mir nicht.

Gibt es auch falsche Reaktionen?

Nein. Es gibt kein Richtig oder Falsch. Wichtig ist nur, dass man keine Rücksicht darauf nimmt, was andere denken – man kann es ohnehin nicht allen recht machen – und stattdessen den eigenen Weg geht.

Was ist mit Verdrängen?

Die Trauer kommt doch irgendwann hoch. Man kommt nicht drumherum.

Wenn ein Freund, eine Bekannte, der Partner, die Partnerin einen Verlust erleidet, wie kann man ihn oder sie unterstützen?

Einfach da sein. Dranbleiben, auch wenn vielleicht vorerst nichts zurückkommt. Nicht alle Trauernden gehen von sich aus auf ein Angebot ein. Besser ist, offensiv einfach mal bei der entsprechenden Person vorbeizuschauen. Wenn es ihm oder ihr zu viel ist, kann sie es immer noch sagen. An schwierigen Tagen – Todestagen, Geburtstagen usw. – hilft eine kleine Nachricht: «Ich denke an dich.» Wenig hilfreich sind hingegen vermeintlich schlaue Ratschläge.

Verdrängen wir in unserer Gesellschaft den Tod?

Schon ein bisschen. Aber wir sind auf gutem Wege, offener mit dem Tod umzugehen. Gerade Kinder hat man lange geschont. Der Tod war ein Tabu und man hat versucht, es von den Kindern fernzuhalten. Das finde ich nicht gut.

Ein Kind soll an einer Beerdigung teilnehmen, aber man muss es hinführen. Das ist unsere Aufgabe als Erwachsene.

Kinder mit einbeziehen, sie unterstützen, mit ihnen über den Tod sprechen. Ein offener Umgang ist sich am Entwickeln – mit Betonung auf entwickeln.

Zur Person

Nicole Spesny, geboren 1972, ist Mutter dreier Kinder und verwitwet. Zusammen mit ihrem Partner und dessen Kind lebt sie in einer Patchwork-Familie in Jonschwil. Die Oberstufenlehrerin hat eine Ausbildung als Trauer- und Sterbebegleiterin im Zentrum Jemanja absolviert, einer Schule für Sterbe- und Trauerbegleitung in Bronschhofen. Zurzeit bildet sie sich in Luzern als Familientrauerbegleiterin weiter. Spesny ist Regionalleiterin des Vereins Aurora, einer Informations- und Kontaktstelle für Verwitwete mit minderjährigen Kindern. Mit ihrer Praxis für Abschied und Trauer in Bichwil, «Go on», bietet sie Trauerbegleitung für Kinder bis Erwachsene an, führt Workshops und hält Vorträge zum Thema. (pd/tos)
www.trauer-go-on.ch, www.verein-aurora.ch