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«Kinder können frei entscheiden»

Die Schule «Monterana – Ort für selbst gestaltetes Lernen» feiert ihren 20. Geburtstag. Susanne Tobler, Schulleiterin und Mitgründerin der etwas anderen Schule in Degersheim, zieht Bilanz und erklärt, wie die Schule funktioniert.
Melanie Graf
Susanne Tobler, Schulleiterin und Mitgründerin der Monterana-Schule in Degersheim. (Bild: Melanie Graf)

Susanne Tobler, Schulleiterin und Mitgründerin der Monterana-Schule in Degersheim. (Bild: Melanie Graf)

Susanne Tobler, aus welchen Gründen hat man sich vor 20 Jahren entschlossen, die «Monterana – Ort für selbst gestaltetes Lernen» ins Leben zu rufen?

Susanne Tobler: Dies geschah damals auf Initiative von drei Pädagoginnen. Katharina Moosmann, Heidi Stauffacher und ich waren am Wohlbefinden und an den Bedürfnissen der Kinder während ihrer Entwicklung und an ihrer Art, wie sie lernen, interessiert. Wir lernten die Montessori-Pädagogik kennen. Auf einer Reise nach Ecuador besuchten wir eine solche Schule und waren begeistert. Dies gab uns die nötigen Impulse.

Wie hat sich die Monterana in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?

Tobler: Wir haben mit einem Kindergarten begonnen. 2002 wurde uns die Bewilligung für die Primarstufe erteilt. 2012 wurde die Oberstufe bewilligt. Die Erkenntnisse der Montessori-Pädagogik haben wir mit unseren eigenen Erfahrungen ergänzt. Wir haben vieles ausprobiert, denn ein fertiges Konzept lässt sich nicht einfach übernehmen.

Gab es Gegner oder gar Anfeindungen?

Tobler: Wir haben nie einen Kampf geführt. Wenn uns das Projekt nicht gelungen wäre, hätten wir aufgehört. Wir standen nicht unter Leistungszwang. Wir hatten aber mit Skeptikern zu tun: Lehrpersonen der Volksschule und Eltern. Es gab aber auch solche, die uns förderten.

Die Schule ist privat und wird von einem Verein geführt. Schulen kosten Geld. Wie wird die Schule finanziell getragen?

Tobler: Mit einkommensabhängigen Elternbeiträgen, Mitgliederbeiträgen, wenig Stiftungsgeldern sowie eigenen Anstrengungen wie Sponsorenläufen und andere Veranstaltungen. Unsere Lehrpersonen verzichten auf einen Teil ihres Lohnes.

Teilweiser Lohnverzicht? Woher nehmen Sie Ihr grosszügiges

Personal?

Tobler: Schon die Gründerinnen steckten Eigenmittel in das Projekt und verzichteten auf den grössten Teil des Lohnes. Mehrere Eltern waren selbst Pädagoginnen und engagierten sich fast ehrenamtlich. Nach der Pionierzeit wuchs die Institution, so dass wir den Mitarbeitern geregelte Löhne, wenn auch nicht hohe, ausbezahlen können.

60 Kinder werden derzeit in der Monterana unterrichtet. Sind das aus finanzieller Sicht genug?

Tobler: Die Schule konnte sich zu jeder Zeit finanziell selber tragen. Tarife und bezahlte Arbeitszeit müssen den jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden. Es gibt bessere und knappere Jahre. Aber wir stehen auf gesunden Beinen und sind schuldenfrei.

Was unterscheidet die Monterana zur Volksschule?

Tobler: Wir üben keinen Druck auf die Kinder aus. Wir geben den Kindern Zeit und Raum. Wir vertrauen auf die innere Führung des Kindes. Die Entwicklung wird von den Kindern geleitet und von aussen unterstützt.

Das heisst konkret?

Tobler: Das Tun eines Kleinkindes kann von aussen nicht beeinflusst werden. Die Gesellschaft aber greift ein, je älter das Kind wird, und versucht das Kind in seiner Entwicklung zu steuern. Ich bin der Meinung, dass dies unnötig ist. Kinder haben von sich aus ein Entwicklungsbedürfnis und holen ab, was sie benötigen. Wir schaffen den geeigneten Rahmen dafür.

Dann sind die Kinder den ganzen Tag am Spielen?

Tobler: Ja. Wir bieten ihnen eine Umgebung mit Lernfeldern, die dem Entwicklungsstand entsprechen. Innerhalb dieser Lernfelder entscheiden sie frei.

Für einen Kindergarten mag diese Strategie nur logisch sein. Aber wie sieht dieses «Lernen» in der Primar- und Oberstufe aus?

Tobler: Wir möchten, dass Kinder so sein können, wie es ihrer Entwicklung entspricht. Wir haben festgestellt, dass Primarschüler fast durchgehend spielen. Dabei lernen sie auch Kulturtechnisches, eignen sich Wissen an und machen soziale Erfahrungen. Wir bieten den Kindern ein Kurssystem, setzen aber keine Lernziele. Zwar lernen sie gewisse Grundfähigkeiten, aber das Wissen holen sie sich durch eigene Erfahrungen, aus Büchern, aus Diskussionen, Gesprächen mit Erwachsenen, aus dem Internet und aus Zeitungen. Sie verarbeiten diese Informationen in ausgedehnten Rollenspielen.

Sind die Kinder resp. Jugendlichen am Ende der Oberstufe auf dem gleichen Stand wie ein Schulabgänger der Volksschule?

Tobler: Jein. Während der Pubertät lernen die Kinder nur das wirklich Nötige. Nach der Pubertät sind sie aber wach und zielgerichtet. Sie wollen lernen und konzentrieren sich gerne auf geistige Arbeit. Jetzt sind ihnen die Kurse wichtig. Die Lehrpersonen machen den Jugendlichen auch Auflagen, die sie erfüllen sollten. Aber sie zwingen die Kinder nicht zu etwas und drohen ihnen auch nicht mit Sanktionen. Letztlich bleiben sie frei in ihrer Entscheidung. Am Ende der Schulzeit sind sie stark in Selbstkompetenz und Sozialkompetenz. Im Durchschnitt sind sie auch in der Sachkompetenz auf gleichem Niveau wie andere Schulabgänger.

Können sich die Schulabgänger der Monterana gut in andere Systeme integrieren?

Tobler: Das war bis heute noch nie ein Problem. Im Gegenteil. Nach einer Eingewöhnungsphase sind sie in der Regel sehr erfolgreich.

Wenn Kinder lernen dürfen, wann sie wollen, hätte ich als Mutter Angst, dass mein Kind gar nichts lernt.

Tobler: Unser Weg ist anders als in der Volksschule. Es braucht ein gewisses Vertrauen. Wir bieten keine Scheinsicherheit. Je länger es die Monterana gibt, umso überzeugender sind unsere Erfahrungen. Diese wirken sich positiv auf die Sicherheit der Eltern und Kinder aus.

Vor fünf Jahren zog die Schule von St. Gallen nach Degersheim um. Aus welchen Gründen?

Tobler: Wir suchten ein Haus mit Garten und Umschwung. Wir sind auch gewachsen, der alte Ort wurde zu klein. Wir suchten mehrere Jahre im Raum St. Gallen nach einem geeigneten Ort. In Degersheim wurden wir fündig. Eine Privatperson kaufte das Grundstück und vermietet es uns zu günstigen Konditionen.

Welche Vorteile bietet Degersheim als Standort?

Tobler: Die Schule liegt direkt am Bahnhof. Einige Familien sind sogar hierher nachgezogen. Mehr als die Hälfte unserer Kinder wohnt in Degersheim.

Wie wird die Monterana in Degersheim wahrgenommen?

Tobler: Nicht gross. Wir sind zwar wohlwollend empfangen worden. Aber zurzeit leben wir eher nebeneinander.

Wünschen Sie es sich anders?

Tobler: Es ist gut so, wie es ist. Aber es wäre schön, wenn wir mit der Zeit mehr mit dem Dorf und den anderen Schulen zu tun hätten. Auch finanziell wäre eine Zusammenarbeit mit der Gemeinde sicherlich interessant.

Welches Fazit ziehen Sie nach diesen ersten 20 Jahren des

Bestehens?

Tobler: Ein ausgesprochen Positives. Grundsätzlich kommen die Kinder gerne in die Schule, die Eltern sind zufrieden, das Team ist motiviert. Wenn ich sehe, was aus den Ehemaligen geworden ist – und das sind rund 170 junge Menschen –, kommt bei mir Freude auf. Die Monterana ist ein wirklich lebendiger Ort.

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