Keine Gespräche über die Flucht

Im Zentrum für Asylsuchende Neckermühle laufen die Vorbereitungen für das Sommerfest vom 29. August. Dabei helfen alle tatkräftig mit, denn für die Bewohnerinnen und Bewohner ist das Fest ein Highlight. Ein Besuch im Haus.

Raffaela Arnold
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Bernard Hummel Leiter des Zentrums für Asylsuchende Neckermühle

Bernard Hummel Leiter des Zentrums für Asylsuchende Neckermühle

NECKER. Menschen aus bis zu 15 Nationen weilen zurzeit in der ehemaligen Getreidemühle in Necker. Das Haus ist überbelegt. Dennoch herrscht eine gute Stimmung, die Vorfreude auf das bevorstehende Sommerfest ist da. Das Team der Neckermühle organisiert, die Asylsuchenden arbeiten mit. Sei es bei der Gestaltung der Dekoration, der Vorbereitung der Räume oder der Zubereitung der Speisen. Auf die Selbständigkeit der Bewohner wird dabei grossen Wert gelegt.

Autonomie beibehalten

Laut Bernard Hummel, Leiter der Neckermühle, ist die Erhaltung und Förderung der Eigenständigkeit und Selbstverantwortung der Asylsuchenden ein Hauptbestandteil der Integration: «Diese Autonomie, die sie vorher hatten und danach wieder haben werden, gilt es beizubehalten. Wir unterstützen sie nur dort, wo sie es brauchen, beispielsweise bei gesundheitlichen Fragen.» So können die Asylsuchenden selber einkaufen, waschen und kochen. Die Neckermühle ist das einzige Zentrum für Asylsuchende, in dem die Bewohner nicht bekocht werden. Und obwohl das Zentrum momentan aus allen Nähten platzt, gibt es keine grossen Probleme. Der Schlüssel dazu liege im respektvollen Umgang mit den Menschen und bei der Freundlichkeit. «Wir sagen den Leuten konkret, was geht und was nicht», sagt Bernard Hummel. Das sei für beide Seiten hilfreich. Oft werde er mit Fragen zum Thema Migration konfrontiert. «Aber das Thema, das uns hier beschäftigt, ist nicht, warum so viele Leute flüchten. Bei uns geht es darum, ein friedliches Zusammenleben unter einem Dach zu gestalten.» Dabei sind Respekt und Verantwortung wichtige Aspekte. Bei etwas mehr als einem Drittel der Asylsuchenden wird das Asylgesuch gar nicht behandelt, da sie die Schweiz nicht als erstes Schengenland betreten haben. So will es das Dublin-Abkommen. Folglich werden die Bewohner der Neckermühle nicht nur auf eine Integration in der Schweiz vorbereitet, sondern auch auf eine Rückkehr in ihr Land.

Ein halbes Jahr

Etwa ein halbes Jahr dauert ihr Aufenthalt im Haus, bevor sie den Entscheid erhalten. Während sie auf einen positiven oder negativen Bescheid warten, lernen sie Deutsch, nehmen an Näh- und Werkkursen teil. Dabei geht es nicht darum, Langeweile zu überbrücken. «Eine Beschäftigung gibt dem Menschen eine Würde. Wenn jemand zum Nichtstun verdammt ist, fühlt er sich wertlos», sagt Bernard Hummel. Arbeiten dürfen sie nicht, und so probiere man, ihnen die Möglichkeit einer Beschäftigung zu geben, damit sie sich nicht nutzlos vorkommen. Auch eine gewisse Normalität soll sein. «Es ist wichtig, dass die Bewohner auch Geburtstag feiern oder tanzen können. Sonst werden sie darauf reduziert, auf den Asylentscheid zu warten.»

Keine persönlichen Fragen

Manchmal bekomme er Fotos oder kurze Nachrichten von ehemaligen Asylsuchenden, die wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt sind. Den Kontakt pflege er dabei jedoch nicht. «Ich will alle gleich behandeln, obwohl mich die einzelnen Geschichten extrem interessierten», erklärt Bernard Hummel. Wenn man aber die Geschichte eines Menschen kenne, beginne man zu werten und eine Person als interessanter zu betrachten. Die Mitarbeiter der Neckermühle wissen somit nicht, warum und wie die Personen geflüchtet sind, und sie fragen auch nicht danach. «Nur schon die Frage nach der Familie kann heikel sein – unter Umständen könnten alle im Krieg umgekommen sein.» Die meisten wollten einen neuen Lebensabschnitt beginnen und nicht ständig an das Tragische erinnert werden. «Sie geben sich unglaublich Mühe, wollen in die Zukunft schauen, sich eine Existenz aufbauen», sagt Bernard Hummel.

Staunen und Geniessen

Das Sommerfest bietet eine gute Gelegenheit, Einblick in das Leben der Bewohner zu bekommen. Zur Unterhaltung gekündigt sind unter anderem eine afrikanische Gruppe, aber auch ein Alphornbläser. Die Neckermühle heisst die Besucherinnen und Besucher am 29. August ab 17 Uhr willkommen.

Die Bewohner können an Werk- und Nähkursen teilnehmen.

Die Bewohner können an Werk- und Nähkursen teilnehmen.

Selber kochen können: Eigenständigkeit und Selbstverantwortung werden grossgeschrieben. (Bilder: Raffaela Arnold)

Selber kochen können: Eigenständigkeit und Selbstverantwortung werden grossgeschrieben. (Bilder: Raffaela Arnold)

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