Kein Zwang zum Kita-Besuch wegen mangelnden Deutschkenntnissen bei Kindern: Wiler Stadtrat hält nichts von Obligatorium

Frühe Förderung ist dem Stadtrat wichtig, ein Obligatorium lehnt er aber ab – auch, weil die rechtliche Grundlage fehlt.

Gianni Amstutz
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In Wil beruht der Besuch einer Kita oder Spielgruppe weiterhin auf Freiwilligkeit.

In Wil beruht der Besuch einer Kita oder Spielgruppe weiterhin auf Freiwilligkeit.

Bild: Andrea Stalder

In einer Interpellation erkundigte sich Ursula Egli (SVP) über die Möglichkeit zur Einführung des Churer Modells für die Sprachförderung von Kleinkindern in Wil. Dieses sieht vor, Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen zum Besuch einer Kita, Spielgruppe oder Tagesfamilie zu verpflichten. Tun sie das nicht, droht eine Busse. Ausserdem müssen in Chur auch die Eltern an acht Elternbildungsveranstaltungen teilnehmen, wollen sie nicht zur Kasse gebeten werden.

In Wil wird daraus jedoch nichts. Der Stadtrat winkt in seiner Antwort ab. Für ein sogenanntes selektives Obligatorium für Kinder mit mangelnden Sprachkenntnissen fehle im Kanton St.Gallen die rechtliche Grundlage, schreibt er. Dies sei dem Stadtrat vom Rechtsdienst des Bildungsdepartements auf Anfrage bestätigt worden. Denn das Volksschulgesetz umfasse lediglich den Kindergarten, die Primar-, Real- und Sekundarschule, nicht jedoch das Vorschulalter, heisst es in der Antwort des Stadtrats. «Dementsprechend können Eltern, die ihr Kind nicht fremdbetreuen lassen, auch nicht sanktioniert werden.»

Stadt verfolgt eigene Strategie

Grundsätzlich befürwortet die Stadt jedoch die Stossrichtung des Vorstosses – und ist bisher im Bereich der Frühförderung fremdsprachiger Kinder nicht untätig geblieben. Die Stadt hat ein eigenes Konzept für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) erarbeitet. Derzeit läuft die Pilotphase der Umsetzung.

Zwar werden dabei auch in Wil die Besuche von Spielgruppen, Tagesfamilien und Kitas subventioniert, allerdings weniger stark, als das in Chur der Fall ist. Ein Ausbau dieser Finanzierung nach dem Churer Modell hätte Mehrkosten zur Folge, «die sich heute nicht zuverlässig beziffern lassen», schreibt der Stadtrat. Konkret geht es darum, dass die sogenannte Subjektfinanzierung – also die Subventionierung der Spielgruppenbesuche von Kindern mit Förderbedarf – heute in der Spielgruppe anders gehandhabt wird als bei Kindertagesstätten.

Der Stadtrat will aber 2020 eingehend prüfen, ob diese Subjektfinanzierung auch in den Kitas analog zu den Spielgruppen angewendet werden könnte. Eine solche Vereinheitlichung der Finanzierung käme aber einem Ausbau gleich, wodurch die jährlichen Kosten steigen würden.

Ende 2020 endet das Pilotprojekt. Nach Ansicht des Stadtrats macht es Sinn, den Abschluss dieser Pilotphase abzuwarten und aufgrund der Berichterstattung im Jahr 2021 Anpassungen und die weiteren Schritte festzulegen.