Kein Nein zur Zentrumsschule

Der Stadtrat legte einen Bericht zur sozialen Durchmischung in der Stadt vor. Parlamentarier Luc Kauf vermisst Aussagen zum Schulhaus in Zentrumsnähe. Als vorgezogene Absage interpretiert er das Schreiben aber nicht.

Philipp Haag
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WIL. Zwei Jahre dauerte es, bis der Stadtrat das Papier zur sozialen Durchmischung vorlegte. Eingereicht hatte Luc Kauf, Stadtparlamentarier der Grünen Prowil, den Vorstoss, in dem er sich nach Massnahmen in den Bereichen Wohnen/Stadtentwicklung sowie Schulhausplanung/Klassenzuweisung erkundigte, im Jahr 2011. Nun liegt der Bericht vor. Der Stadtrat warnt im Dokument davor, die soziale Durchmischung «als Allheilmittel» zu betrachten und weist auf die beschränkte Einflussmöglichkeit der Politik hin.

Resigniert der Stadtrat?

Kauf liest eine gewisse Resignation seitens des Stadtrates aus dem Bericht nach dem Motto, die Situation könne nicht geändert werden. Der Stadtrat sei nicht gross auf Verbesserungsmöglichkeiten für eine stärkere soziale Durchmischung über das gesamte Stadtgebiet eingegangen, sondern habe im Schreiben den Fokus auf die Punkte gelegt, wie die Situationen in den Quartieren, vor allem denjenigen im Süden und Westen, verbessert werden könne. Der Parlamentarier sieht zwar eine gewisse Morgenröte, beispielsweise durch das Zeughausareal, für das ein Überbauungsrichtprojekt erstellt wird mit dem Ziel einer stärkeren Bevölkerungsdurchmischung. Er möchte dem Stadtrat den Willen für eine bessere soziale Durchmischung nicht absprechen, «trotzdem ist der Wille nur diffus erkennbar.»

Politische Brisanz

Unterlassungen macht Kauf aber bei der Schule aus. Er vermisst Aussagen zum Schulhaus in Zentrumsnähe, das die Exekutive im 2011 erhaltenen Auftrag des Parlaments zu prüfen hat. Gewundert habe er sich, sagt Kauf, «dass es mit keinem Wort erwähnt ist». Das Zentrumsschulhaus hatte in den vergangenen Wochen politische Brisanz erhalten. Das Schulhaus Nord, das die Wilerinnen und Wiler am 22. September an der Urne verwarfen, war von einem Komitee mit der Quartierschulhaus-Initiative quasi als Gegenprojekt lanciert worden. Eines der Schlagworte war: «Soziale Durchmischung nicht auf dem Buckel der Kinder.» Den Grund, weshalb der Stadtrat im Postulatsbericht nicht auf das zu prüfende Schulhaus in Zentrumsnähe einging, erklärt Stadträtin und Schulratspräsidentin Marlis Angehrn knapp: «Ein solches Thema gehört in die Abstimmungsbroschüre, jedoch nicht in den Postulatsbericht.» Als vorgezogenes Nein zu einem Standort in Zentrumsnähe, vor allem wegen des Hinweises «die soziale Durchmischung sei kein Allheilmittel», möchte Marlis Angehrn das Papier auf keinen Fall verstanden wissen. «Der Stadtrat warnt mit der Aussage jedoch ausdrücklich vor der Meinung, man müsse nur mischen, dann sei alles <in Butter>.» Sie ist sich denn auch bewusst, dass es anspruchsvoll ist, abzuklären, ob die bessere Verteilung von fremdsprachigen Kindern auf alle Schulklassen politisch mehrheitsfähig ist und tatsächlich zu besseren Lernerfolgen bei benachteiligten Kindern führt. «In Basel hat man nach einer hitzigen Debatte die Mischungsidee verworfen.»

Hätte unter diesen Umständen der Bericht nicht vor der Abstimmung über die Quartierschulhaus-Initiative veröffentlicht werden müssen? Alles, was für die Volksabstimmung relevant gewesen sei, sei konsequent in die Abstimmungsbroschüre geschrieben worden, nicht in den Postulatsbericht. «Daher konnte der Bericht ohne weiteres später erscheinen», sagt Marlis Angehrn. Für Kauf war ein Bezug zur Abstimmung zwar vorhanden, «eine vorgängige Veröffentlichung hätte aber nichts an der Tatsache geändert, dass ein zentral gelegenes Schulhaus geprüft werden muss.» Kauf versteht den Bericht ebenfalls nicht als Absage an ein Schulhaus in der Nähe des Zentrums. Er ist nach wie vor der Meinung, ein derartiger Standort könne durchaus Sinn machen. Wie Marlis Angehrn weist auch der Parlamentarier darauf hin, dass nicht nur die soziale Durchmischung für ein zentral gelegenes Schulhaus spreche. Auch eine bestmögliche Flexibilität, vor allem bei der Kinderzuteilung, sowie eine optimale betriebliche Anbindung an bestehende Schulbauten seien Argumente, einen derartigen Standort zu prüfen.

Ein zwanzigseitiger Bericht

Er hätte sich gewünscht, der Stadtrat wäre im Dokument im Zusammenhang mit der Schulwegsicherung stärker auf das Fahrradnetz eingegangen. Gut und sicher ausgebaute Velowege würden die soziale Durchmischung besser ermöglichen, auch in den Schulen. «Dies könne man so sehen», sagt Marlis Angehrn. Ein zwanzigseitiger Bericht könne aber nie ganz vollständig sein. Die Komplexität des Themas, die auf den 22 Seiten abgehandelt wird, rechtfertigt nach Ansicht von Malis Angehrn denn auch «die von der Stadtkanzlei getätigte, äusserst aufwendige Recherchearbeit», die zwei Jahre dauerte.

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